Verkehrte Verhältnisse

Walt Disney Pictures erzählt pünktlich zum 55. Geburtstag der ersten Disneyverfilmung des Märchens „Dornröschen“ die Geschichte der uns allen als böse Fee im Gedächtnis gebliebenen „Maleficent“. Vorher wussten wir noch, wer gut und wer böse war – danach ist alles anders. Ab 29. Mai im Kino.

Verkehrte Verhältnisse
Die bedrohliche Silhouette kennt jeder. ©Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

Neue Welten …

Der Regisseur Robert Stromberg (Regiedebüt!) macht aus einer Zeichentrickfilm-Vorlage, die durch dramatische Langsamkeit und Anmut bestach ein teilweise actiongeladenes, auf jeden Fall aber bildgewaltiges Feuerwerk der Gegensätze: Treue gegen Verrat, Liebe gegen Hass, Gut gegen Böse, feenhafter locus amoenus gegen menschlich-profanen locus terribilis. Die Geschichte der „Sleeping Beauty“  wird neu erzählt – aus der Sicht der dunklen Fee Maleficent (gespielt von Angelina Jolie), die wir nur als grundlos bösartig kennen, doch durch das Drehbuch von Linda Wolverton (König der Löwen, Alice im Wunderland mit Johnny Depp)  lernen wir sie zu verstehen.

Der Film baut um das Märchen eine völlig neue Welt, in der es das Reich der Feen und Fabelwesen gibt und direkt nebenan das Reich der Menschen. Maleficent ist ein besonders schönes und freundliches Feenmädchen, naturnah und voller Liebe für ihre Welt. Eines Tages lernt sie den Menschenjungen Stefan kennen. Er wird ihr engster Freund und schließlich ärgster Feind. Die Handlung setzt also schon  mit der Kindheit der später so bösartigen Fee ein und zeigt dem Zuschauer, warum und wie sie zu dieser verbitterten Kreatur wurde. Schuld ist ihr gebrochenes Herz, das sie kalt, sarkastisch und hart werden lässt. Nachdem Stefan sie verraten und verletzt hat, findet sie Freude nur noch am Leid Anderer und wird so zu der Figur, die der Zuschauer zu kennen glaubt – und das Märchen nimmt seinen Lauf.

… treffen auf neue Charakterdimensionen

Obwohl dem Zuschauer der Hauptteil der Geschichte bekannt ist, wird sie durch die neue Perspektive in einem ganz anderen Licht gesehen und durch ein Vorher und ein Nachher ergänzt. Das wirft alles durcheinander: Plötzlich ist der vermeintlich gute und leidende König gar nicht mehr so unschuldig an seinem ganzen Unheil und die dunkle Fee zeigt Mitgefühl, Zuneigung und Liebe. Die Stereotype sind Vergangenheit. Aus dem allgemeingültigen Märchen wird eine Geschichte, in der jede Figur wirkliche Beweggründe für ihr Handeln hat – und mit den Konsequenzen leben muss.

Die Schauspieler verkörpern ihre Figuren sehr glaubwürdig, vor allem Hauptdarstellerin Angelina Jolie ist allein durch ihre Erscheinung beeindruckend: Die Maskenbildner und Kostümausstatter betonen ihr markantes Gesicht mit Silikonprothesen über den Wangenknochen, handbemalte Kontaktlinsen geben ihr den zauberhaft intensiven Blick und die Hörner, von denen mehrere Varianten aus Urethan-Gießharz hergestellt wurden, sind mit einer Magnetkonstruktion am Kopf befestigt worden, damit auch in den Actionszenen keine Verletzungsgefahr besteht. Begleitet wird Maleficent bei ihrem Rachefeldzug von Diaval (Sam Riley), einem Raben, den sie aus den Fängen eines Bauers und seiner Hunde befreit und der ich daraufhin ewige Loyalität schwört. Er ist ihr einziger Freund, derjenige, der weiß, was in ihr vor geht und der ihr auch mal die Meinung sagen kann. Je nach Bedarf wird er durch ihre Kräfte zum Menschen, Pferd oder Drachen. Er ist Beobachter, Berater und Gewissen der bösen Fee und sieht in ihr nicht nur das Dunkle und Düstere, für das sie steht. Mehr als sie selbst, erkennt er hinter der grimmigen Fassade die wirkliche Maleficent.

Verkehrte Verhältnisse
Das kleine „Beasty“ hat es Maleficent angetan. ©Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

Liebevolle Variation mit Schauwerten

Aurora (Elle Fanning) selbst ist auch in dieser Version der Inbegriff der Unschuld und durchweg liebreizende Märchenprinzessin, dabei naturverbunden, freundlich und aufrichtig. Sie geht mit geballtem Urvertrauen durch die Welt, erwartet von jedem Gegenüber nur das Beste. Sharlto Copley als ihr Vater König Stefan steht vor der schweren Aufgabe, seine Figur in einer Entwicklung  zu zeigen, die ihn ambivalent werden lässt: von einem naiven freundschaftlichen Jungen über einen ehrgeizigen Jüngling entfaltet er sich hin zu einem machtgierigen und besessenen König an der Grenze zum Wahnsinn.

Als der Fluch ausgesprochen ist, wird Aurora – wie im Zeichentrickklassiker – mit den drei fliegenden, quirligen und ewig streitenden Feen Knotgrass (Imelda Staunton), Thistlewit (Juno Tempel) und Flittle (Leslie Manville) in ein Haus im Wald gebracht, wo sie unerkannt und unbedroht aufwachsen soll. Die Unbeholfenheit und Unbedarftheit der drei Tollpatsche, die sich für die Pflege Auroras in Menschen verwandeln und damit nicht so gut zurechtkommen, verleihen dem Film die nötige Fröhlichkeit. Überhaupt ergeben sich immer da, wo Handlungen und Wendungen aus der gezeichneten Vorlage Niederschlag finden, sehr liebevolle Einblicke. Aber nicht nur die Besetzung kann sich echt sehen lassen. Gerade die Flugsequenzen durch die Märchenwelt könnten opulenter und detailreicher kaum sein.

Insgesamt ist Maleficent eine gute Mischung aus Action, Drama, Märchen und Fantasy, mit lustigen Elementen und überzeugenden Schauspielern. Selbst bei der Hauptdarstellerin ertappt man sich ab und zu, dass man Angelina Jolie vergisst und tatsächlich eine machtvolle Fee vor sich sieht. 

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P.S.: Das mit dem Kuss der wahren Liebe scheint mittlerweile sogar im Disney Universum bloßer Tropus zu sein. Nachdem es schon in „Frozen“ nicht mehr der männliche Held war, der auf diese Art und Weise zum Retter werden konnte, setzt sich das Thema hier fort. Die Sympathie auf den ersten Blick scheint an Erlösungskraft für moderne Heldinnen nicht mehr auszureichen.

Miri Köbner & Gisela Stummer (academicworld.net)

Maleficent – Die dunkle Fee

Regie: Robert Stromberg
Darsteller: Angelina Jolie, Sharlto Copley, Elle Fanning, Sam Riley, Imelda Staunton

Deutscher Kinostart: 29. Mai 2014 im Verleih von Walt Disney Studios Motion Picture Germany

https://www.facebook.com/MaleficentDeutschland 

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