Vater Europas oder grausamer Gotteskrieger?

Zum 1200. Mal jährt sich 2014 der Todestag von Karl dem Großen. Grund genug für eine ganze Reihe von Publikationen über den mächtigen Frankenkönig. Wissenschaftlich fundiert und trotzdem leicht lesbar kommt das Buch von Stefan Weinfurter daher.

Vater Europas oder grausamer Gotteskrieger?

Im Dienste der Eindeutigkeit

Wichtigste Triebfeder im Handeln des großen Frankenherrschers, das stellt der Heidelberger Historiker Stefan Weinfurter in seiner Monographie zu Karl dem Großen heraus, war stets das Streben nach Eindeutigkeit. Ganz egal ob es um weltliche oder geistige Belange ging, wichtig war eine klar richtige Zuordnung. Gut oder böse, richtig oder falsch – doch gerade er selbst entzieht sich, als Ganzes betrachtet, einer solch klaren Zuordnung. Vor allem nach unseren heutigen Maßstäben. So war er eben kein Deutscher, aber auch kein Franzose, sondern schlicht Franke. Natürlich hat er gewaltsam missionieren lassen, Querulanten hingerichtet und Gegner wie den bayerischen Herzog Tassilo III. mal eben mit der kompletten Familie in Kloster manövriert und aus moderner Sicht ist es wohl auch schwer dadurch zu rechtfertigen, dass er all das tat, um das Seelenheil seiner Untertanen zu gewährleisten. Und doch ist es so.

Auch vieles, was ihm als originäre Eigenschaften zugeschrieben wird, findet hier seinen Ursprung. Eine Bildungsinitiative und –reform ist etwa deshalb wichtig, weil die Geistlichen teils so schlecht Latein sprechen, dass Gebete verfälscht werden. Zu diesem Zwecke werden Geistesgrößen aus ganz Europa am Königshof versammelt. Der allerdings erst spät einen festen Standort in der Aachener Pfalz mit den wunderbaren heißen Quellen findet. Viele Erfolge kommen mitunter auch zufällig zustande, aber allein die straffe Organisation und mitreißende Begeisterung, mit der sich Karl ein eindrucksvolles Reich erobert und erhält nötigen Respekt ab, wenn man sich die Gegebenheiten um 800 vor Augen führt. 

Information und Unterhaltungswert

Wie wunderbar Weinfurter den wohl berühmtesten aller Franken vor dem Auge des Lesers lebendig werden lässt, dafür muss man zum einen dessen Biographen Einhard danken, aber auch dem Heidelberger Ordinarius. Dem gelingt nämlich das Kunststück ein wissenschaftlich fundiertes und rundes Porträt zu erstellen, dass sich auch noch so leicht und vergnüglich liest, dass sich auch der interessierte Laie nicht verloren fühlen dürfte im Frankenreich des 8. und 9. Jahrhunderts. Zur besseren Orientierung gibt’s dann auch noch den Familienstammbaum und eine Übersichtskarte. Und für die wissenschaftliche Leserschaft gibt es mehr als umfangreiche Literaturangaben und ausführliche Fußnoten.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Stefan Weinfurter. Karl der Große. Der heilige Barbar
22,99 Euro. Piper Verlag

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