Urbane Sumpflandschaft

Polizeifilme faszinieren, sind sie doch gewissermaßen die Übertragung des mythischen Kampfes von Gut gegen Böse auf die Bedingungen im 20./21. Jahrhundert. Zudem ist das Genre ausgesprochen durchlässig für menschliche Dramen. „End of Watch“, ab 20.12. im Kino, bewegt sich zwischen beiden Polen – und offenbart L.A.’s urbane Abgründe.

Stark und authentisch: Jake Gyllenhaal verkörpert Officer Brian Taylor

Der Cop als Cowboy

Die Hölle ist ein Ort für Engel: South Central, Los Angeles. Verfall bestimmt das Bild dieses Ghettos, Armut die Moral, Hip-Hop den Rhythmus. Gangs führen ein erbarmungslos blutiges Regime; Drogen, Waffen und Gewalt sind allgegenwärtig. Ein Elendsviertel im Zustand permanenter Eskalation. Wer hier Cop ist, darf sich als Cowboy an der ’last frontier’ fühlen. Mehr Gesetzlosigkeit geht nicht.

Die Streifenpolizisten Officer Brian Taylor (stark und authentisch: Jake Gyllenhaal) und sein Partner Mike Zavala (Michael Peña) haben sich mit entsprechend kämpferischem Verhalten angepaßt. Und sind doch Menschen geblieben. Vor allem Freunde, die in diesem Krieg zu Brüdern zusammengewachsen sind. Gemeinsam fahren sie durch den LAPD-Bezirk Newton, liefern sich mit Gangstern Verfolgungsjagden, klopfen an die Wohnungstüren vermisster alter Damen, stehen gewollte Prügeleien und ungewollte Schießereien durch, spüren Crack-Babys auf, kümmern sich um Beschwerden wegen Ruhestörung, retten Kinder aus einem brennenden Haus. Als sie jedoch einen Drogenkurier festnehmen und dadurch per Zufall auf die Spur von finsteren Machenschaften eines mexikanischen Kartells geraten, werden sie auf deren Todesliste gesetzt. Das unwiderrufliche Ende ihrer Schicht droht.

Der Regisseur als Stilist

David Ayer, verantwortlich für Regie und Drehbuch, beschäftigt sich seit über einem Jahrzehnt mit Polizeithrillern. Zunächst schrieb er sie nur („Training Day“, „Dark Blue“), mittlerweile inszeniert er sie auch („Harsh Times“, „Street Kings“). Während sein Talent für solide Genrestandards und suggestive Atmosphäre unumstritten ist, fehlt es ihm an Originalität und erzählerischer Vielschichtigkeit, was ein Hang zu Stilmanirismen nicht kaschieren kann. Die Straße ist bei ihm ein Hexenkessel, das Police Department ein Mikrokosmos, die Cops sind die letzten Aufrechten. Und selbst das manchmal nicht mehr. Wie, besser gefragt: wieso soll man aufrecht bleiben, wenn um einen herum die ethischen wie sozialen Verbindlichkeiten zusammenbrechen? 

Darauf hat „End of Watch“ keine wegweisenden Antworten, bietet hingegen realitätsnahe, wegen ihrer Dynamik extrem anstrengende Bilder vom Alltag der Cops im metropolitanen Sumpf. Durch diesen führt die nervöse Handkamera wie ein aufgeschrecktes Tier, findet nur kurz Ruhe in Totalen auf das nächtlich glitzernde Los Angeles oder einen Straßenzug im Sonnenuntergang. Pseudo-dokumentarisches Found-Footage-Material, etwa von Taylors stets mitgeführtem Camcorder, sorgt wie der rasante Schnitt für weitere visuelle Unruhe. An einen solch hitzigen Stil kann der Zuschauer sich nicht gewöhnen, soll es auch nicht, weil die Story ebenfalls von eigentlich untragbaren Zuständen berichtet.


Die Straße als Inferno

In South Central offenbaren sich die Menschen im primitivsten Rohzustand, ungebildet, unzivilisiert, amoralisch. Allein die Sprache, im Original purer vernuschelter Slang, ist schon eine Katastrophe für sich. Die derben Dialoge decken den Jahresbedarf an ’fucking’, und wenn schließlich vier der psychopathischsten Verbrecher von der Polizei liquidiert werden, mag das fast als Erlösung für zartbesaitete Linguisten durchgehen.

Doch im Spannungsfeld von Sein und Sterben bringt sogar der Tod keine Veränderung. Welche Motivation die Cops treibt, in einem derart hochexplosiven Milieu ihren Beruf trotzdem auszuüben, läßt David Ayer offen. Weshalb sie wiederum an ihren täglichen Erlebnissen und Belastungen nicht zerbrechen, versucht er auf ausgesprochen banale Weise zu erklären. Offenbar reichen ihnen Familie, Feiern und Fortpflanzung aus, um den entmenschlichten Bestien dort draußen die humane Stirn zu bieten.

Die Wechselwirkung zwischen Arbeit und Privatleben wird hingegen ausgeklammert. Das ist paradox: Einerseits dreht sich der Film ständig um Existenzielles, nämlich um die Abgrenzung von Leben/Tod und Gut/Böse auf L.A.’s kriminell heißem Pflaster. Andererseits spiegelt sich das weder auf einer psychologischen noch reflektierenden Ebene wider. Der Ist-Zustand wird als Oberfläche des Wahnsinns präsentiert, nicht in seiner sozial verflochtenen Komplexität.

Die Grenzerfahrung als Alltag

„End of Watch“ ist spannendes Genrekino, stilistisch ambitioniert und durch seine episodenhafte Struktur, die eher widerwillig dem finalen Shootout entgegenstrebt, von einigem Reiz. Thematisch wie dramaturgisch hat es hingegen nichts Neues zu bieten, was sich vor allem beim pathetisch überhöhten Ende offenbart – Amerika auf der Suche nach seinen Helden.

Eine angehängte Schlußsequenz relativiert solche Emphase. Die belanglose Flachserei zwischen Taylor und Zavala während einer ihrer Patrouillenfahrten mag vielleicht sentimental-humorvoll gemeint sein, entlarvt freilich den Moment zwischen Leben und Sterben in seiner Durchschnittlichkeit. Selbst permanente Grenzerfahrung bewahrt eben noch lange nicht vor dem Trivialen. (von Nathalie Mispagel)

End of Watch 

Regisseur: David Ayer

Besetzung: Jake Gyllenhaal, Michael Peña, Anna Kendrick, America Ferrera, Frank Grillo

Kinostart: 20. Dezember 2012

Share.