Unter Druck

G8. Das Gymnasium wurde um ein Jahr gekürzt. Die Schulzeit sei zu lang gewesen, heißt es. Künftig starten Schüler ein Jahr früher in das Berufsleben. In der Praxis heißt es damit für die Abiturienten bereits ein Jahr früher: Mach‘ was für deinen Lebenslauf. Und zwar jetzt!

Wie Abiturienten G8 und die Auswirkungen erleben

Mein größter Wunsch, und seien wir mal ehrlich, der des Großteils der Schülerschaft, was die Gestaltung der Sommerferien angeht? Nicht besonders schwer zu erraten! Wir wollen alle einfach nur weit, weit weg! Am besten in irgendein exotisches, heißes Land, das man nur von Bildern kennt und in das man sich während des tristen Schullalltags, schon des öfteren geträumt hat. Den Alltag und den Stress könnte man hinter sich lassen und einfach abschalten, sich neu erfinden und das wichtigste, man könnte sich, frei von den gewohnten Verpflichtungen, all den schönen sinnfreien Dingen des Lebens zuwenden.

Darf ich eigentlich auch mal nichts machen?

Ja, zwischen dieser Paradiesvorstellung und der Realität, steht jedoch noch dieses eine kleine tückische Biest: Unser Gewissen! Diese blökt uns nämlich folgendes ein: Wegfahren? Nichts tun? Ja, bist du denn verrückt geworden?

Denn da liegt das Problem, nichts tun bringt einen im Leben nicht weiter. Und wie wir seit klein auf lernen, sollte man sich in der heutigen Leistungsgesellschaft immer nach oben orientieren. Man darf nicht zurückbleiben hinter anderen, man sollte immer versuchen, der erste zu sein.

Einer der häufigsten Sätze, den ich in den wenigen stressmilden Wochen unter der Schulzeit zu hören bekomme: „Alina, ich weiß gar nicht mehr was ich machen soll. Ich kann nicht mehr entspannen, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen.“

Aber wodurch entsteht eigentlich dieser allgegenwärtige Druck, den man scheinbar nicht mehr abschütteln kann? Dieser Leistungsdruck wird auf höchst effektive Weise, seit klein auf, spätestens jedoch in der vierten Klasse ansetzend, aufgebaut.Das Übertrittszeugnis entscheidet über den künftigen Schulweg. Mit knapp zehn Jahren wird man also aufgrund seiner aktuellen Leistung klassifiziert. Vielleicht ist das ja das eigentliche verrückte?

Bei mir lief das folgenderweise ab: Dadurch dass meine Eltern genügend Druck auf mich ausübten und mir täglich die Notwendigkeit guter schulischer Leistungen eintrichterten, waren meine Noten stets gut.

Jedoch war ich ein sehr, sagen wir es vorsichtig, aufgewecktes und aktives Kind. Schule war für mich einfach ein enorm langweiliger und unnötiger Teil meines Lebens, den es zu überstehen galt, um danach mit meinen Freunden über den Spielplatz zu toben. Dass ich den Übertritt auf das Gymnasium geschafft habe, verdanke ich dem Druck meiner Eltern.

Später auf dem Gymnasium wird noch ein bisschen am Rädchen gedreht und der Druck erhöht.Für den vielen Stoff gibt es viel zu wenig Zeit. Nicht um sonst rühmen sich Schüler damit ein exzellentes Kurzzeitgedächtnis zu besitzen. Rein und gleich danach wieder raus. Muss ja wieder Platz für die nächsten Kapitel geschafft werden.

Ferien: „Zeit um die Dinge zu machen, die deinen Lebenslauf erstrahlen lassen“

Der aktuelle Start der Sommerferien könnte zu dem leichten Irrglauben verleiten, dass Schüler/innen zwar einiges während des Schuljahres abverlangt wird, dafür können diese aber dann während der Ferien entspannen und wieder zu Ruhe kommen.

Aber Pustekuchen, so läuft das schon lange nicht mehr! Früher war das klar, Ferien dienten zur Erholung. Aber wie sieht das heute aus? Vielleicht sollte man Ferien in „Zeit um die Dinge zu machen, die deinen Lebenslauf erstrahlen lassen“ umtaufen?Denn man gönnt uns nur ungern eine kleine Verschnaufpause. Dann sollte man die freie Zeit aber bitte sinnvoll nutzen. Wegfahren und entspannen ist unnötig!

Vielmehr liegen seit Anfang des Schuljahres eine Fülle an Prospekten zur möglichen Gestaltung der Ferien aus. Die Lehrer erwähnen wie beiläufig, die vielen verschiedenen Möglichkeiten und heben die Schüler hervor, die sich durch besonderes Engagement in vergangenen Ferien hervorgehoben haben. An diesen sollte man sich orientieren, sich also möglichst bald für Praktika, Seminare und sonstiges bewerben.

Natürlich versuchen sich viele Schüler diesem Leistungsdruck zu entziehen. Folglich drehen sich in den Pausen die Gespräche um mögliche Reise-, und Ausflugsziele.

Diese vergnügten Unterhaltungen werden jedoch durch Anmerkungen von gewissen Mitschülern, wie „Also ich habe keine Zeit zum wegfahren. Ich mache ein zweiwöchiges Praktikum und danach besuche ich ein Seminar in Bonn, für das ich von der Schule vorgeschlagen wurde“ – aufgrund ihrer guten schulischen Leistungen versteht sich –  getrübt. Hmm ja, wie soll man das noch groß toppen? Eine Reise, etwa nach Paris, Barcelona oder Florenz, wäre zwar schön, weiterbringen tut sie einen jedoch nicht, und besonders gut im Lebenslauf macht sie sich auch nicht.

Und das ist ja alles um was es heutzutage geht. Der Lebenslauf muss stimmen, und vor allem besser aussehen als der, der Mitschüler/innen. Seine Konkurrenz muss man ja ausstechen. Dadurch entsteht schon in jungen Jahren ein nicht zu unterschätzender Konkurrenzdruck. Schüler verlernen, einmal einfach nur abzuschalten, denn sie definieren sich nur noch über Leistung.

Die Leistungsgesellschaft ist schon lange Teil der Schule, schon klar. Wenn ich mir aber die ganzen Businessmänner- und Frauen ansehe, die gehetzt durch die Straßen laufen, dann stelle ich mir die Frage: Wenn das der Ertrag meiner doch so „sinnvoll“ genutzten Zeit ist, ist es mir das überhaupt wert? Aber halt, es ist ja keine Zeit um einmal anzuhalten und nachzudenken. Ich würde damit Zeit vergeuden, die es sinnvoll zu nutzen gilt. Schließlich bin ich 18.

 

Die Autorin
Alina, 18, aus München macht 2013 ihr Abitur. In ihren letzten Sommerferien ihrer Schulzeit absolviert  sie ein Praktikum in der Redaktion von academicworld.net.

 

Foto rechts oben: CBS, „Klassenraum 5“
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