Uninteressante Leute

Es ist aber nicht nur der Reichtum, der die Welt zerstört und die schönen Ecken wie die Cote d´Azur verschandelt. In seinem Schlepptau findet sich die noch größere Pest: der Massentourismus.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Busseweise werden tumb drein blickende Menschen vor kleinen südfranzösischen Städtchen wie „Saint Paul de Vence“ oder „Eze Village“ ausgeladen. Neben den großen Haltebuchten für diese doppelstöckigen Touristentransporter, die mich mit ihren Frontspiegeln immer an riesige Insekten mit Fühlern erinnern, gibt es schon die ersten unvermeidlichen Souvenirstände und Massenklosetts (denn auch hier handelt es sich um Menschen und im Gebrauch dieser Orte macht Arm und Reich ja sprichwörtlich keinen Unterschied), deren unschöner Geruch dann bis in die Gassen hineinweht, durch die sich all die unförmigen Leiber in unvorteilhaften Textilien an kitschbeladenen Läden vorbeidrücken. Die Restaurants sind mit Fototafeln ausgewiesen, auf denen man die immergleiche Pampe vorab bildhaft serviert bekommt.

Ich gebe es unumwunden zu: noch mehr als dumme Reiche ärgern mich dumme Massen, denn ihre Zerstörungskraft ist unmittelbarer, da es mehr von ihnen gibt. Und genauso wie die dummen Neureichen (und dumm meint hier mehr tumb als unintelligent, denn  Intelligenz und Tumbheit sind genauso unabhängig von einander, wie Intelligenz und Stil) wandeln die tumben Kleinbürger auf den Pfaden der Originale: Dem alten Stil und wahren Glamour, den Ikonen unserer Kultur. Warum eigentlich? Warum versucht Lieschen Müller und Hänschen Schmidt an Orten zu sein, wo einst Ava Gardener, Chagall, Yves Montand oder Gunther Sachs ihre gute Zeit verbrachten? Hoffen sie allen Ernstes dort auch eine vergleichbar gute Zeit zu haben, etwas zu erleben, was sie erhebt und mit diesen „Menschen-Göttern“  gleichmacht? Merken sie nicht, dass sie auf ihrer Suche nach ein paar Halmen vom grünen Rasen wie Nutzvieh gemolken werden? Merken sie nicht, dass sie gerade mit ihrer massenhaften Anwesenheit, ihren schlimmen Schuhen, dicken Bäuchen und hängenden Dekolletés die Schönheit der Orte zerstören? Sie wollen es bequem, sie wollen kitschige Erinnerungen mitnehmen (platt nachempfundene Chagall- und Renoirgemälde, schön einfach bunt… is‘ doch Kunst, also toll und macht was her) oder vielmehr Vorzeigeobjekte für die Nachbar- und Verwandtschaft. Sie wollen ihren Teil von der Sahnetorte, für möglichst wenig Geld bewegungsarmen Komfort, der sie mit Luxus und Leben der Ikonen irgendwie  verbindet. Mittler sind die Neureichen mit ihrem plumpen Luxus, den die Massen verstehen, der mit seiner unraffinierten Deutlichkeit nichts anderes ausdrückt als: Geld. Alles Haben. Voll wichtig sein. Super breit. Und Lieschen Müller und Hänschen Schmidt immer hinter her: Auch dagewesen sein, auch das Schöne wenigstens beglotzt haben. Keinerlei Reflexion über das eigene Verhalten, Benehmen, ohne Charme, ohne Anstrengung, keinen Schritt zu viel, direkt von der Bustür zum nächsten Eisstand, keuchend, schwitzend, platzfordernd, oft genug auch noch selbstgefällig drängelnd.

Das Zentrum der Psyche ist (wie hier schon viele Male beschrieben) unser Selbstwertgefühl. Wir leben als Gruppenwesen in einer Werteordnung, mittlerweile global neokapitalistisch gleichgeschaltet. Und ein als begehrens- und beneidenswert geltender Lebensstil der Moderne mit ihren aufkommenden Massen war der reicher Gäste an der Cote d´Azur: Von adeligen Engländern und Russen ausgehend Ende des 19.Jahrhunderts, verfolgt, kopiert, verwässert von allen, die möglichst weit oben mittun wollten – und das ist heute auch Lieschen Müller und Hänschen Schmidt, die Fernsehen schauen, den Geissens beim Reichsein auf ihren Jachten zuschauen, die wiederum in ihrem Reichsein versuchen, Gunther Sachs zu kopieren, der Yves Montand kopierte und sich die schone Brigitte Bardot eroberte und Champagner trank, weshalb heute jeder Möchtegern-Luxusmoment mit Prosecco begangen wird.

Wie unterscheiden wir Menschen in ihrem Wert? Denn wir sind nicht alle gleich, auch wenn wir es vor unserem Gesetz immer sein sollten. Wir werten immer, in unseren Gruppen gibt es immer ein unten und ein oben, denn Hierarchien stabilisieren die Gruppe. Für manche Menschen macht der Wert eines anderen sein Geld aus oder sein Aussehen oder sein Wissen oder seine Kleidung. Für mich macht den Wert eines Menschen sein Bewusstsein aus, über sich selbst und das Menschsein an sich, über seine Umgebung und das eigene Verhalten und Handeln darin. Je bewusster wir uns unserer Prägungen, Werte und Fremdbestimmungen sind, umso freier können wir immerhin versuchen, selbst Einfluss darauf zu nehmen. Selbstreferenz, Selbst-Bewusstsein, Selbstreflektion und objektive Selbstbewertung kann man zur hohen Kunst immer weiter entwickeln. Man kann sich Mühe geben mit sich selbst, nicht immer den bequemsten Schuh und Weg nehmen. Und ab einem bestimmten Grad würde man einfach nicht mehr in einen dieser riesen Würmer mit Reiseklo steigen und sich nicht mehr im tumben Gleichschritt mit anderen Glotzern durch enge Altstadtgässchen zwängen, nur um mal zu gucken wo der Picasso war, dessen Bilder heute Millionen wert sind… voll geil, ich würd‘ mir `nen Ferrari kaufen, ey, und alle würden mich dann anglotzen…

Ich finde, jeder sollte in die Verantwortung genommen werden, sich so nicht zu verhalten. Es sollte Hinweisschilder geben in Eze und Saint Paul: Dicke Touristen in Turnschuhen als Piktogramm und dann rot durchgestrichen. Oder besser noch: Karrt sie in den Bussen woanders hin. Oder man macht dem Aufstieg so schwierig, das nur die kommen, die bereit sind, sich für die Schönheit wenigstens etwas zu bemühen (allerdings hat das beim Mount Everest leider nicht geklappt.) Oder am allerbesten:  Sollen sie sich nur bei sich zu Hause so benehmen. Da stören sie niemanden, den das stört.


Stand Juni 2013
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