Ungeküsst: Dokumentarfilm „Love Alien“

Knapp 30, aber noch nie eine Freundin gehabt. Ein Jahr lang begleitet sich Filmemacher Wolfram Huke selbst auf der Suche nach den Geheimnissen der Beziehungskunst. Und fühlt sich dabei wie ein „Love Alien“, ab 16.5. im Kino.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

Macht alles allein, Leben, Filme und sogar Fotos: Wolfram Huke

„Küssen kann man nicht alleine…

Sie sind längst erwachsen, besitzen dennoch keinerlei Beziehungs-, meist auch keine Sex-Erfahrung. Dabei wären sie so gerne zu zweit. Ein bis zwei Millionen sogenannte „Absolute Beginners“ soll es in Deutschland geben, deren ungewolltes Single-Dasein vielleicht kein Tabu-Thema mehr ist, allerdings häufig als kuriose Randerscheinung wahrgenommen wird. Schließlich sind laut soziologischer Studien Sex und Sexiness in unserer Gesellschaft ungeheuer bedeutsam. Nur wer begehrt wird bzw. eifrig abschleppt, ist etwas wert. Da hat es einer, den offenbar keiner will, entsprechend schwer.

Als ’Aussortierter’ empfindet sich auch Wolfram Huke (Jahrgang 1981), der für seinen ersten Langfilm die eigene Situation dokumentiert. Als ehemaliger Philosophiestudent und ausgebildeter Journalist ist der baldige Absolvent der „Hochschule für Fernsehen und Film München“ ein intelligenter, eloquenter Akademiker, zudem weder freakiger Soziopath noch verhuschter Stubenhocker und insofern ein völlig normaler Typ. Nur eben Jungfrau. Er hat keine Ahnung vom Turteln, Händchenhalten, Knutschen etc., was ihn zum Außenseiter macht in einem medial übersexualisierten Universum der Küssenden, Berührenden, Liebenden. Also beschließt er an seinem 29. Geburtstag, sein neues Lebensjahr der (vorsichtigen) Annäherung an den Eros zu weihen. 

…und ich sag Dir auch den Grund:…

Die bei diesem privaten Selbstversuch stets mitgeführte Kamera macht die Sache vielleicht etwas leichter. Das Persönliche wird zum abstrakten Projekt, und tatsächlich spricht Huke in der Voice-over von sich in der zweiten Person. Ansonsten ist „Love Alien“ jedoch radikal subjektiv, konzentriert sich auf Huke – Hauptfigur, Regisseur, Autor, Kameramann, Komponist in Personalunion – und seine Erlebnisse als scheinbar einzigster Suchender unter sämtlichen Gefundenen. Außer einer Therapeutin kommen keine Experten zu Wort, was als Abwechslung zu gängigen Dokus durchaus imponiert, freilich eine detailliert psychologische, soziologische oder gesellschaftliche Ausleuchtung des Themas verhindert. Es ist zwar sehr persönlich und ehrlich aufgearbeitet, bleibt aber als allgemeines Phänomen zu unkonkret. Ähnliches ließe sich über die Kommentare aus Hukes unmittelbarem sozialen Umfeld sagen.

Wie er in diese Situation geriet, wird dort unterschiedlich gedeutet. Die kluge Psychologin attestiert ihm einen Hang zur Vermeidung von Beziehungen als Schutz vor Verletzungen, eine Bekannte aus Zagreb findet, er besäße keine Übung im Umgang mit Hindernissen. Seine Mutter wiederum hält ihn für egoistisch, glaubt aber, daß er im Falle von eigenem Reichtum durchaus für Frauen interessant sein könnte! Diese herrliche Replik entlarvt, wie hilflos selbst Beziehungserfahrene oftmals sind, wenn sie sich rational übers Kennenlernen oder Zusammenbleiben äußern sollen. Das Reglement der Liebesverhältnisse meinen sie zu verstehen, kommunizieren können sie es nicht.

…Küssen, das geht auf keinen Fall alleine…

Dem hat sich das Vokabular in den Internet-Partnerschaftsbörsen angeglichen, wo sich Huke ebenfalls umtut. Einmal rattert er die Texte der Anzeigen herunter und entlarvt so deren banale Phrasenhaftigkeit. Unsere ’Wohlfühl-Worthülsen’-Welt ist offenbar bevölkert von ’sportlichen Frauen, die gesellig sind, aber auch gerne mal kuscheln’. Fast möchte man Huke beglückwünschen, daß er hier kein passendes Gegenüber findet. Nur… er leidet darunter, solo zu sein. Wobei er freilich kaum benennen kann, was genau er vermißt, weil er es ja nicht kennt. Stattdessen philosophiert er in der Badewanne sitzend vor sich hin, wie trübe es sei, abends in die leere Wohnung zu kommen. Dorthin verirrt sich gelegentlich allein die Nachbarskatze. 

Gut, in der Bude sieht es chaotisch aus. Ansonsten jedoch läßt sich nichts gravierend Negatives über Huke sagen. Weshalb gerade er, weder Adonis noch Quasimodo, ungeküßt ist, bleibt letztendlich unbeantwortet. Wie bei vielen absoluten Beginnern. Diverse Erfahrungen von Ablehnung können das Alleinsein eines Mannes wie Huke nicht erschöpfend erklären, der sportlich sein leichtes Übergewicht zu bekämpfen sucht, sich beim Wandern auf dem Jakobsweg gesellig zeigt und bestimmt auch gerne mal kuscheln würde. Obendrein bekundet er mit seinem unaufgeregt lakonischen, authentisch wirkenden, einem Jahres-Tagebuch gleichenden Dokumentarfilm durchaus Humor und Mut. Wie er zutreffend in einem Interview bemerkt, handelt es sich bei dem Thema schließlich um etwas Intimes und schlimmer noch: etwas Uncooles.

…Denn dazu braucht man einen anderen Mund.“

Rein stilistisch betrachtet ist „Love Alien“ unspektakulär und wenig bemerkenswert. Manchmal spricht Huke direkt ins Objektiv, manchmal filmt er sein Gegenüber oder die Umgebung, in der sich die Pärchen nur so tummeln, manchmal wird die Kamera einfach herumgeschleppt, weshalb vieles aus der Untersicht zu sehen ist. Ohnehin ist die erzählerische Perspektive des Filmes höchst einseitig, beschränkt sich auf den Leidensdruck eines unfreiwilligen Singles. Das mag auf Dauer etwas langweilen. Weil Huke sich derweil aber an Alltag und Außenwelt abarbeitet, gelingen „Love Alien“ wie nebenbei bezeichnende Einblicke in den heutigen Beziehungsdschungel bzw. dessen Ödnis. 

Sehr desillusionierend ist etwa Hukes Begegnung mit zwei Stilberaterinnen. Die meinen, der Mensch müsste sich als eigenes Produkt betrachten, das durch Kleidung seinen Marktwert festlege. Das lässt tief blicken: Die Partnerwahl – in der heutigen kapitalistischen Konsumgesellschaft auch nur ein Geschäft. Dass Johanna aus Magdeburg, seit einigen Jahren Hukes Silvester-Mitfeiernde und ebenfalls ohne Beziehungserfahrung, ihre Traumtypen da eher in Büchern und Filmen findet, mag wenig erstaunen. 

Ob jene Ungeküßten irgendwann doch einmal Freund bzw. Freundin finden, bleibt offen. Bis dahin können sich Huke und Co. wenigstens mit der Gewißheit trösten, daß sie nicht zum Mainstream zählen. Ihnen ist Max Raabes freundlich-ironischer Song aus dem Abspann gewidmet: „Küssen kann man nicht alleine…“


Love Alien 

Deutschland 2012

Länge: 72 Minuten
Regie:Wolfram Huke

Kinostart: 16.05.2013
www.love-alien.de

 

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Teilnahmeschluss: 20.5.2013 – viel Glück! 

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