Une vie pour une rose

Das verfluchte Häßliche wird von der gütigen Schönheit errettet! Solch universelle Geschichten können nicht oft genug erzählt werden, wie die Neuverfilmung von „Die Schöne und das Biest“, ab 1.5. im Kino, zu beweisen sucht.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

 

Mit der Zeit kommen sich die Schöne und das Biest näher und Belle versucht, die Geheimnisse des Biests zu lüften.

Ein Mythos für ein Märchen

Christophe Gans ist ein Zeremonienmeister der Opulenz. In seinen bislang drei Langfilmen hat der französische Regisseur und Drehbuchautor nie mit dem Offensichtlichen gegeizt, hat das Visuelle zur Vision verklärt und darüber phantastische, wenn auch bewußt künstliche Welten geschaffen. Die delikat stilisierte Manga-Verfilmung „Crying Freeman“ (1995) ist immer noch ein cineastischer Geheimtip, das mystische Historien-Abenteuer „Pakt der Wölfe“ (2001) ein eklektizistischer Rausch, die Videospiel-Adaption „Silent Hill“ (2006) ein grotesk-erschreckender Horrortrip. 

Mit „Die Schöne und das Biest“ wendet sich Christophe Gans nun einem traditionellen Stoff aus Frankreich zu, dessen mythologische Märchenmotivik weit zurückreicht. Erstmalig niedergeschrieben wurde dieses Volksmärchen 1740 von Gabrielle-Suzanne de Villeneuve, größere Bekanntheit erlangte jedoch die gekürzte Version von Jeanne Marie Leprince de Beaumont aus dem Jahre 1756. Die künstlerischen Anverwandlungen der Belle/Bête-Thematik waren vielfältig. Unter den cineastischen Varianten weiß Jean Cocteaus Schwarzweiß-Meisterwerk „La Belle et la Bête“ von 1946 noch heute zu betören, und auch Disneys entzückend-zuckriger Zeichentrickfilm von 1991 ist berühmt geworden. Irgendwo dazwischen, also zwischen vollendeter Kunst und hübschem Kitsch, verortet sich die aktuelle Verfilmung.

Ein Mensch für ein Monster

Die in eine Rahmenhandlung – eine Mutter liest ihren Kindern aus einem Buch vor, dessen Illustrationen in die Filmbilder übergehen – gebettete Geschichte ist schnell erzählt: Ein verarmter Kaufmann (André Dussollier) im 19. Jahrhundert, der mit drei Töchtern und drei Söhnen auf dem Land lebt, verirrt sich während einer Reise in einem Schneesturm. Zuflucht findet er in einem offenbar verlassenen Schloß. Als er dort eine Rose abbricht, die er seiner jüngsten Tochter Belle (Léa Seydoux) mitbringen will, wird er von einem löwenartigen Ungeheuer (Vincent Cassel) angefallen. Es fordert seinen Tod, doch stattdessen will sich Belle für ihren Vater opfern und begibt sich in das geheimnisvolle Schloß. Das Biest läßt sie nicht nur am Leben, sondern sucht stetig ihre Nähe, gar Zuneigung. Durch Träume erfährt Belle von dessen tragischem Schicksal. Einst war es ein Mann und Prinz, der sich sein Glück selbst verscherzte und nun verzweifelt der Erlösung harrt, die allein durch wahre Liebe erfolgen kann.

Solch schlichte Fabeln glänzen ja nicht gerade mit Überraschungsmomenten. Das konventionelle, leicht modernisierte Drehbuch von Christophe Gans sowie Sandra Vo-Anh hat dem Urtext auch keine entscheidenden hinzugefügt. Allen dramatischen Verwicklungen, mythischen Handlungselementen und spannenden Action-Szenen zum Trotz wird nie am glücklichen Ausgang des Geschehens ein Zweifel gelassen. Einerseits ist diese fehlende Doppelbödigkeit bezeichnend für Märchen, andererseits geht sie mit mangelnder Tiefgründigkeit einher, welche wiederum am urbildlich und ethisch Gleichnishaften eines Märchens vorbeiläuft. Die Charaktere, klassisch eindimensional wie in der Legende, können das nicht auffangen, auch wenn vor allem die beiden Hauptdarsteller es etwas ausgleichen. Léa Seydoux, gekleidet in spektakuläre, primärfarbene Roben, wirkt wundervoll mädchenhaft und zeigt sich zugleich entschlossen willensstark. Vincent Cassel wiederum, dessen Biestmimik ein Produkt von Performance Capture ist, verleiht über seine höchst seduktive Stimme dem fremdartigen Wesen im Edelgewand ein mal sanft menschliches, mal gefährlich animalisches Timbre. Es erzählt mehr als Worte von Leid und Zorn, von Einsamkeit und Hoffnung.

Ein Computerszenario für eine Idylle

„Die Schöne und das Biest“ fügt dem Belle/Bête-Stoff keine neue Lesart hinzu, besticht dafür mit einem ganz eigenen künstlerischen Konzept. Zu großen Teilen besteht die Märchen-Lovestory aus CGI-Bildern. Das ist konsequent, sieht indes teilweise wie ein überproduziertes Fantasy-Game aus und hat entsprechend wenig mit echter Poesie oder cineastischer Originalität zu tun. Die pittoresken Naturlandschaften, das düster-verwunschene Schloß, der undurchdringliche Wald, die güldene Sonne atmen schwelgerischen, romantischen Zauber, doch ist es ein etwas abgestandener, gewissermaßen eine gefällige, medienerprobte und -wirksame Instant-Magie.

Weil er allerdings von Christophe Gans inszeniert wird, hat selbst dieser ästhetisierte Overkill seinen Reiz und erstickt nicht an selbstzweckhafter, verkitschter Schwere. Der gesamte Kosmos ist belebt, die Elemente sind in Aufruhr. Weinende Statuen, wabernde Nebel, wildwuchernde Rosen verwandeln die synthetische Idylle in ein rätselhaftes, animistisches Reich hinter den Träumen. Plötzlich fügt sich unter dem entspannten Kamerablick von Christophe Beaucarne die scheinbar impulsive Mischung aus unterschiedlichen Stilen und Epochen (etwa Gotik, Manuelinik, Renaissance, Erstes Kaiserreich) in einem kontrastreichen Farbenspiel zum malerischen Gesamt(kunst)werk zusammen. Selbst verzauberte Beagles, die als krude Koboldmaki-/Basset-Hound-Chimären großäugig durch die Gemäuer hopsen, sind tolerierbar. Nur der zwischen märchenhaft säuselnd und dramatisch auftrumpfend changierende Soundtrack von Pierre Adenot erscheint dann doch übertrieben. 

Eine Geschichte für eine Phantasie

Märchenverfilmungen (auch) für Erwachsene sind zwar kein neuer Trend, verirren sich aber immer wieder in das zeitgenössische Kino. So, als würde unsere prosaische Gegenwart noch nach etwas anderem verlangen als nach modischen Novitäten. Immerhin sind Märchen uraltes, kollektiv vertrautes Kulturgut, deren archetypische Erzählmuster eine einfache, aber klare Moral besitzen. Mit ihren Zauberwelten und Zaubergeschöpfen sind sie der ultimative Gegenentwurf zum sachlich-rational ausgerichteten 20./21. Jahrhundert, das sich viel auf Logik und Objektivität einbildet und darüber oft genug nur unpersönliche Einförmigkeit produziert hat.

Dagegen wirken die auf mündlich tradierten Stoffen basierenden Volksmärchen, die von einer ursprünglichen Kraft des Guten, Schönen und der Liebe künden, geradezu unverwüstlich zeitlos. Selbst ein Film wie „Die Schöne und das Biest“, dessen computergenerierte Welten mehr populär stimmungsvoll als schöpferisch ausdrucksstark sind, hat jenen gewissen phantastischen Touch, der dem Alltag fehlt. In der Tat: Diese Geschichten können nicht oft genug erzählt werden.


DIE SCHÖNE UND DAS BIEST

Regie: Christophe Gans

Mit Vincent Cassel, Léa Seydoux und Yvonne Catterfeld

KINOSTART: 1. Mai 2014 im Concorde Filmverleih

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