„Und außerdem sehen nur Amerikaner Marsmenschen.“

Anthony McCarten lässt in „Liebe am Ende der Welt“ ebendort ein ganzes Panoptikum scheinbarer und wirklicher Spinner auffahren. Aliensichtungen, unbefleckte Empfängnis mal 3 und daneben noch viele unschöne Seiten des Lebens am Ende der Welt bilden den Kern dieses vielleicht phantastischen Werkes.

Buchcover „Liebe am Ende der Welt“

Die Möglichkeit des Phantastischen bietet lange einen der Kernpunkte dieses Romans aus dem fernen Neuseeland. Obgleich man dort ja ohnehin schon etwas abgelegen vom Weltgeschehen lebt, steigert sich diese Zivilisationsferne in dem kleinen und leicht verlotterten Provinzstättchen, in dem die Handlung sich abspielt, noch einmal deutlich. Delia, Lucinda und Yvonne sind drei junge Mädchen, die in ihren Sommerferien in der örtlichen Fleischfabrik Schicht um Schicht schieben. Die Herzen der geschlachteten Rinder packen sie dort sorgsam ein. Ihre eigenen Herzen werden je noch alles andere als gut behandelt.

Neuseeländer sind anders – oder?
Auffällig unauffällig, geraten die drei Mädchen plötzlich ins Zentrum des Interesses, als die vom Vater schlecht behandelte Delia verkündet von Außerirdischen ent- und verführt worden zu sein. Als kurz darauf alle Drei schwanger sind, aber standhaft behaupten noch Jungfrau zu sein, werden die Medien aufmerksam. Hieß es vorher noch: „Wenn Leute Außerirdische sehen, waren das meistens Amerikaner. Die bildeten sich so was schon beim kleinsten Anlass ein, gerade wenn sie deprimiert waren oder nicht schlafen konnten oder irgendwelche Pillen nahmen. […] Neuseeländer waren anders. Die sahen Gespenster, keine Ufos“, so schlägt – zumindest außerhalb des örtlich Begrenzten Wohnortes – die Stimmung in Richtung Sensationslust um.

Den drei örtlichen „Madonnen“, mit der scheinbar unbefleckten Empfängnis, stehen drei ganz besondere „Helden“ zur Seite: der örtliche Pfarrer, der abgehalfterte Skandaljournalist Vic und der gerade aus der Armee entlassene, zornige und intellektuelle Bibliothekar Phillip. Jeder auf seine Weise versuchen sie das Geheimnis – oder die Geheimnisse? – um die Mädchen zu ergründen. Wunder oder Skandal oder vielleicht doch nur vertuschter Alltag?

Lakonisch erzählte Tragik
Kunstvoll gelingt es McCarten in diesem Buch, das im Original schon 1999 erschien, die Andeutung des Phantastischen lange im Vagen zu lassen und sich vorrangig um die Abgründe hinter der ohnehin nicht besonders heilen Fassade der Stadt zu kümmern, in der die unschuldig Schuldigen, sowie auch die wirklich Schuldigen leben. Eine wundervoll poetische Geschichte – gerade auch wegen ihres tragischen Kerns – um die Frage nach der Wahrheit und darum, wie viel wir davon überhaupt aushalten können und wollen.

Gisela Stummer (academicworld.net)

368 Seiten
Diogenes Verlag (September 2011)
22,90 Euro


Stand: Sommer 2011

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