Uli im Kindergarten

Am Donnerstag konnte man viele Menschen vor dem Münchner Justizpalast beobachten, mit großen Plakaten. Es waren ganz normale Fußballfans, nach Kleidung und Wortwahl zu urteilen: Leute, die man früher als „kleine Leute“ bezeichnet hätte; heute würde man sagen „untere Mitteschicht“ oder sogar „Prekariat“ (was früher „Unterschicht“ hieß, aber dann zu diskriminierend und politisch unkorrekt wurde). Das Wort „klein“ oder „unter“ bezog sich auf den Bildungsstand, auf Geschmack und Macht. Heute bezieht es sich aber hauptsächlich auf das finanzielle Einkommen: Neureiche können noch so ungebildet und erschreckend geschmacklos sein, man würde sie nicht mehr als „kleine Leute“ oder „Unterschicht“ beschreiben: Schicht bedeutet heute Einkommensschicht. Alles andere ist Nebensache.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin

Warum macht sich also eine Einkommensschicht, die wohl nicht mehr als 40 000 Euro in Jahr verdient, für jemanden stark – bezeichnet ihn sogar als „unseren Uli“ -, der 400 Millionen (400 000 000) Euro oder mehr besitzt? Warum machen sich brave Steuerzahler stark für jemanden, der Steuern in vielfacher Millionenhöhe hinterzieht? Wie ist das psychologisch möglich?

Dazu muss ich etwas ausholen: Es gibt für die Psyche nichts Schwierigeres, als Gut und Böse, als Liebe und Frust für denselben Menschen auszuhalten. Wir kommen auf die Welt und sind hilflos. Wir haben Bedürfnisse (Hunger, Durst, Zuwendung), wollen überleben – und sind davon abhängig, dass unsere Eltern uns versorgen. Wir lieben sie, weil sie uns das geben, was wir brauchen. Gleichzeitig frustrieren sie uns, weil sie uns nicht noch viel mehr geben, nicht immer sofort zur Stelle sind, oft nicht genau erkennen, was wir brauchen, manchmal auch gar nicht helfen können und selbst hilflos sind. Es gibt also für das Empfinden von Babys eine gute Mutter und eine böse Mutter (meist ist es nun mal die Mutter, die uns am Anfang versorgt). Das beide dieselbe Person sind, erfolgt erst durch einen Prozess der Einsicht und psychischen Reifung, (sofern sich der Frust der bösen Mutter in Grenzen hält). Wir dürfen/wollen nicht auf unsere Mutter wütend sein, denn dann sind wir ja wütend auf die Person, die uns am Leben erhält, auf die Person, die wir lieben und von der wir weiter Liebe wollen. Deshalb schlagen Kinder oft ihren Teddy oder werfe ihre Puppe in die Ecke, weil sie ihre Wut lieber am Spielzeug auslassen und die Mutter (später auch den Vater) so voll und ganz gut bleiben kann. Der Teddy ist dann der Böse. Schöne Klarheit.

Nach und nach lernen wir auszuhalten, dass Menschen, die wir lieben, eben auch doofe Seiten haben, die wir nicht mögen, dass Menschen (alle anderen und wir selbst) Fehler machen, nicht immer nur für unsere Bedürfnisse da sind. Das muss man hinnehmen, das nennt man Schicksal oder menschliche Natur: Wir verzeihen die Fehler und lieben trotzdem, die anderen verzeihen unsere Fehler und lieben uns auch noch.

Leider gibt es aber sehr viele Menschen, die diesen psychischen Reifegrad nicht richtig erreichen: Sie wollen die Welt immer noch in eindeutig gut und eindeutig böse trennen, weil das einfacher und nicht so verwirrend ist. Weil ihr Frust in der Kindheit zu groß war, schaffen sie es nicht ihn irgendwann zu integrieren. Es muss immer noch eindeutig böse andere Menschen geben, wohingegen man selbst und die geliebten Personen nur gut sind. Diese innerlich unreifen Menschen (inneren Kinder) schaffen sich auch Ideale, meist ideale Menschen, wie Ersatzeltern, und die sollen dann bitte auch nur gut sein. Das können ideale Beziehungspartner sein (Stars, für die man schwärmt oder Traumpartner, auf die man hofft) oder der eigene Fußballverein. Und andere sind dann nur böse. Es können Ex-Partner sein oder Kollegen oder andere Fußballvereine, die nur noch schlecht sind, dumm und gemein und Schuld an allem haben, was schlecht läuft.

Uli Hoeneß war für viele Fans der ideale Papa, der die eigene Familie groß macht und stark und besonders, der fehlerfreie Orientierungsgeber, der die Wahrheit sagt und sich mit den bösen anderen anlegt. In dieser Rolle hat er sich auch sehr gerne inszeniert. Er hat viel Geld damit verdient, dass er aber nicht (über Steuern) in die Familie eingebracht hat. Er hatte sehr egoistische Interessen. Unser psychischer Mechanismus, lieber Gut und Schlecht getrennt zu halten und selbst immer nur auf der guten Seite zu stehen, hat ihm das sehr einfach gemacht.

Uli Hoeneß versteht sich dabei als guter Vater, der seinen Kindern ein paar Krumen von seinem sehr reich gedeckten Tisch gibt, um weiter geliebt zu werden. Ansonsten sieht er sich in einer völlig anderen Hierarchieebene – so wie Eltern, die ihre Kinder auch nicht als gleichwertige Menschen auf Augenhöhe empfinden. Die Kinder sind das Fußvolk, das den Papa liebt und bewundert und sich gut fühlt, weil er da ist und sie zu ihm aufblicken dürfen. Er selbst gehört in die Erwachsenenwelt, zu den anderen erwachsenen Multi-Millionären und Machthabern.

Fußballfans sind also vor allem deshalb kleine Leute, weil sie sehr kleine Kinder sind, die Gut und Böse nur getrennt ertragen. Und der Uli war nun mal der gute Papa und wenn sie ihn als gute Orientierung nicht mehr hätten, können sie in dieser egoistischen, verwirrenden Welt psychisch nicht überleben. Sicher: Sie könnten innerlich heranwachsen, differenzieren und Widersprüche aushalten lernen – in sich und bei anderen. Sie würden dann nie wieder einem Ratten- bzw. Kinderfänger hinter her laufen (keinem Hoeneß oder Guttenberg oder gar einem Hitler). Sie würden nicht mehr hoffen, dass da eine kommt und nur gut ist und alles richtig macht und dann alles perfekt wird, alle ihre Bedürfnisse für immer erfüllt werden.

Aber wie viele psychisch reife Menschen gibt es schon? Wie viele Menschen können in einem Konflikt Abstand nehmen und ihre eigenen guten und schlechten Anteile überdenken? Wie viele Chefs sehen ihre eigenen Fehler? Wie viele Ehepartner überlegen sich, was sie an sich verändern können, dass die Beziehung besser läuft? Wer von uns glaubt nicht, wenn nur dies oder das anders wäre, dann wäre endlich alles gut?

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