Uli Hoeneß wie Helmut Kohl?

Auch als der Altkanzler über seinen Zenit war, wollte er dies nicht wahr haben. Er, der für immer in den Geschichtsbüchern als Mann der Einheit geachtet wird, hatte den Zeitpunkt verpasst, an dem er hätte erkennen müssen, dass seine Zeit als Kanzler vorbei gewesen ist. Mit seiner stoischen pfälzer Gemütlichkeit wirkte er am Ende seiner Regentschaft wie ein Mann von gestern. Eine ähnliche, verzweifelte Gestrigkeit strahlt Uli Hoeneß auf den neutralen Fußballinteressierten heute aus, wenn er nach dem verlorenen CL-Finale wieder erwartungsgemäß in seine seit gefühlten hundert Jahren gleichen Stereotypen verfällt: Die Vizebayern dürfen nicht sein, deshalb wird mal wieder reflexartig gekauft, gekauft, gekauft … bis man wieder oben steht.

„Und Sie können mir garantieren, dass ich mit diesem Ronaldo Dortmund schlage?“ – „Pues claro, Senor Hoeness!“ – „Gut, ich nehme ihn!“

Ist das wirklich noch eine kluge, moderne Vereinsphilosophie, mit Geld alles platt zu walzen, was sich einem in den Weg stellt? Schon in diesem und dem letzen Jahr haben die Bayern mit Abstand das meiste Geld in ihren Kader gepumpt, Erfolg hat ihnen das nicht gebracht. Denn ihnen fehlen sicherlich nicht einzeln hoch veranlagte Spieler – es fehlt dagegen die Vision des großen Bildes, das wirkliche herausragende Mannschaften auszeichnet. Auch wenn man gegen Chelsea tatsächlich unglücklich unterlag, war auch in diesem Match spürbar, wie ausrechenbar die Mannschaft des FC Bayern mit seinen Solisten doch bleibt. 

Den Vorwurf des Versagens alleine an die Spieler zu richten, wäre falsch, denn diese erfüllen mehr oder weniger zuverlässig die Rolle, die ihnen zugeteilt worden ist. Nämlich die des Akteurs, der Spiele grundsätzlich alleine entscheiden kann. Und der immer genau dann scheitert, wenn die eigene Klasse zusätzlich eines mannschaftlichen Miteinanders und einer originellen Spielphilosophie bedarf. Das meist erfolgversprechende System der „überlegenen individuellen Klasse“ stösst genau in dem Moment an seine Grenzen, in dem der Gegner ausnahmsweise ebenbürdige Einzelspieler aufbieten kann. Die vier Niederlagen der Bayern in der letzten Saisons gegen Dortmund und Mönchengladbach haben unterstrichen, dass das, was gegen Mannschaften wie den FC Köln funktioniert, nicht gegen andere Spitzenteams klappen muss: Gegen die schwachen Teams der Liga feierte mal ein Torfestival nach dem nächsten, aber gegen die guten verlor man.

Der Erfolg in der Champions League rührt deshalb sicherlich auch daher, dass ausländischen Mannschaften der Bundesligaalltag nicht so präsent ist, der den Bayern-Gegnern Woche für Woche aufzeigt, dass bei gedoppelten Außenstürmern der FCB nur noch halb so gefährlich ist. 

Neben den Spielern ist auch Jupp Heynckes ein Opfer der fehlenden Vereinsphilosophie, weil es ihm kaum möglich ist, mit dem vorhandenen Personal ein anderes System zu spielen. Mit wem sollte er beispielsweise ein System mit spielendem Mittelstürmer und hängender Spitze spielen, wie es Dortmund mit Lewandowski und Kagawa oder Mönchengladbach mit Hanke und Reus prakizierte – und dafür dann Robben, Ribery und Gomez draußen lassen?

Die Bayern haben ein Führungsproblem, nur traut sich keiner aus dem Umfeld des Klubs, dies auszusprechen. Hoeneß ist als Manager schon längst heilig gesprochen und kaum jemand wird überhaupt die Frage zulassen, wann es einem Einkauf von Hoeneß das letzte Mal gelungen ist, seinen Marktwert zu erhöhen. Und Rummenigge? Den hat man einfach als Faktotum der Bayern akzeptiert, obwohl kaum einer beantworten kann, was ihn eigentlich bisher als Funktionär ausgezeichnet hat (außer autoritärem Auftreten). 

Erneut fragwürdig bleibt deshalb, mit welch erregter Bockigkeit die Führungsebene des FC Bayern versucht, mit den immer gleichen und alleine auf materiellen Erwägungen basierten Methoden den eigenen Fußball zu erneuern. Wenn man so viel Geld wie Chelsea-Triumphator Abramowitsch in die Hand nimmt, gewinnt man auch einmal in zehn Jahren die Champions-League. Dieser Materialismus mag also bedingt funktionieren, wenn er bis zum Exzess betrieben wird. Kreativität, Spielwitz, Originalität und Seele scheint in einem solchen System jedoch keinen Platz zu finden. Und genau diese Dinge fehlen dem FC Bayern mehr denn je.

Von Eduard Eschle

 

Foto oben: Vectorportal, „Cristiano Ronaldo Vector Portrait“
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Blockiert Hoeneß die Modernisierung der Bayern? Wie seht ihr das?

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