Ugo Riccarelli: Der Zauberer

Der Italiener Ugo Riccarelli erzählt von einem Aufschneider, einem begnadeten Erzähler und Abenteurer, der seine Geschichten wie Seemannsknoten mit dem wirklichen Leben verknüpft: Seinem Vater. Zudem vom Urgroßvater, der zur See fuhr, von der Großmutter, die blutjung heiratete und blutjung Witwe wurde, von einem Onkel, der ein Windbeutel war, und vom anderen, der sich erfolglos an Erfindungen versuchte. Dabei bedient sich Riccarelli einer traumhaften Sprache, die das wirklich Erlebte der Figuren und deren Erzählungen miteinander verschmelzen lassen.

Ein namenloser Erzähler berichtet von seinem Vater, der – seinem eigenen Bezeugen nach – ein Aufschneider, Betrüger und Zauberer war, der sich allen unangenehmen Situationen des Lebens zu entwenden vermochte. Sein Vater ging mit dem italienischen Militär nach Afrika, wo er die Schrecken des Krieges, die Wirren der Zeit und die Aggressivität der faschistischen Diktatur mit seinen Kameraden erleben musste. Der Erzähler blickt dabei nicht nur auf die Geschichte seines Vaters zurück, sondern auch auf dessen Vater, Großvater, Mutter und viele andere Verwandte, die Einfluss auf den Mann hatten, den der Erzähler einen gewandten Betrüger nennt.

Von Knoten und Verknüpfungen

Von seinem Großvater Mondo, dem viel bereisten Seemann, hat der Vater die Eigenschaft, die kompliziertesten Knoten zu knüpfen und wieder zu lösen. Doch anders als Mondo, vermag der Vater Geschichten statt Seile miteinander zu knüpfen, so dass er andere Menschen mit diesen begeistern kann, oder sich selbst von unliebsamen Elementen seines Lebens einfach lösen kann. So zum Beispiel als sein eigener Vater an einer mysteriösen Krankheit stirbt. Zunächst beweint er den über alles geliebten Vater, bis er sich schließlich ein für alle Mal, dank seiner Gabe, von der Trauer und dem Schmerz befreit und diesen ablegt, wie ein getragenes Hemd.

Darüber hinaus hat er die Leidenschaft an der Konstruktion von Dingen von seinem Onkel geerbt, der, so versichert uns der Erzähler, bereits bestehende Dinge lieber selbst neu zusammenbaute, anstatt sie einfach fertig zu kaufen.

Von Afrika und Liebe

Italienische Soldaten während des Nordafrika-Feldzuges 1942; © Bundesarchiv, Bild 101I-784-0208-17A / Moosmüller / CC-BY-SA

Eines Tages gelangt der Vater dann nach Afrika, wo er den Soldaten die Hitze, Heimatlosigkeit und den Krieg durch seine Geschichten und seine zauberhafte Entrückung erträglicher zu machen versucht. Bis sich schließlich ausgerechnet er, der die Gabe, Frauenköpfe zu verdrehen, von einem anderen Onkel geerbt hat, unsterblich in die Gefangene seines französischen Wächters Monsieur Laplace verliebt. Dieses wunderschöne Geschöpf mit den tiefblauen Augen versucht er zu befreien und sich selbst gleich mit – oder auch nicht. Vielleicht befreit er letztlich auch nur seine eigenen Gefühle. Genau weiß man es nicht, da der Vater ja ein Zauberer und liebenswürdiger Schwindler ist, für den es die eine, absolute Wahrheit nicht zu geben scheint.

Das Ganze klingt ein wenig verwirrend? Ist es auch. Denn der Autor hat seinen Protagonisten ebenso vage gehalten, wie dessen Erzählungen. Man kann sich nie ganz sicher sein, ob die gerade erzählten Ereignisse nun tatsächlich geschehen oder vielmehr Ausdruck einer anderen Version der Wahrheit sind. Oder einfach frei erfunden, um seinen Sohn – wie man erfahren wird – auf äußerst notwendige Weise zu unterhalten, um diesen nicht in eine Unterhaltung mit dem Tod driften zu lassen.

Von Wahrheit und Magie

Wahrheit oder nicht ? das ist aber auch gar nicht entscheidend. Denn Ugo Riccarelli schafft es mit einer derartigen Leichtigkeit, Wahres und Magisches, Reelles und Erträumtes miteinander zu kombinieren, dass am Ende alles seine eigene Realität besitzt. Da erscheint es ebenso zwingend logisch, dass der Vater sich aus allen schwierigen Situationen Kraft seiner Fähigkeit, Knoten zu lösen und festzuziehen, befreien kann, wie auch dass er nur aufgrund seiner Erinnerungen die Stiche von Skorpionen überlebt, Essenzen mixt, die Menschen dazu bringen, sich zu beruhigen, zu schlafen oder einfach anders zu sein. Und dennoch nicht die Macht hat, seine große Liebe festzuhalten.

Ugo Riccarellis Der Zauberer ist keine so herausragende Lektüre wie sein 2006 erschienenes Epos Der vollkommene Schmerz, das zu dem Besten zählt, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Aber das muss es auch gar nicht, denn Der Zauberer ist immer noch ein großartiges Buch, das von den wunderbaren Erzählkünsten, dieses in Deutschland viel zu wenig beachteten Autors, lebt. Riccarelli führt den Magischen Realismus, oder besser: Das Reale und das Fantastische, auf eine neue Ebene.

Es gibt derzeit kaum einen Autor, der ein größerer Fabulierkünstler ist, der eine schönere Bildsprache erschaffen kann, als Riccarelli. Man lässt sich von diesem begnadeten Erzähler, diesem literarischen Abenteurer, einfach in seine Welt entführen und bestaunt mit Gänsehaut, wie der Autor seine Geschichten ähnlich Seemannsknoten miteinander verbindet. Dank Riccarelli will man wieder glauben. Glauben, dass nicht alles einer zwingenden Erklärung bedarf. Und manchmal ist ein kleiner Schwindel schöner als jede logische Konsequenz. Der Zauberer ist für alle, die das Träumen noch nicht ganz aufgegeben haben.

Florian Jetzlsperger

Ugo Riccarelli
Der Zauberer
208 Seiten
19,90 Euro

Zsolnay Verlag

Stand November 2009
Share.