Tron Legacy: Lost in Cyperspace

© Walt Disney Pictures

„Tron“ von 1982 war revolutionär, nämlich einer der ersten Spielfilme mit computeranimierten Szenen. Knapp 30 Jahre später legt Disney nun mit dem Sequel „Tron: Legacy“ nach, sozusagen einer Fortsetzung des Originals mit modernen digitalen Mitteln. Welcome to Virtuality!

Reloaded
Ein Konzernerbe hat es heutzutage auch nicht leicht. Seit sein Vater 1989 spurlos verschwand, muß sich der Sproß (lässig, mehr nicht: Garrett Hedlund) die Zeit mit infantilen Computersabotagen vertreiben. Diesmal ist er in die Unternehmenszentrale eingedrungen und hat die neueste Version eines teuren Videogames kostenlos ins Internet gestellt, nur um die Firmenchefs in ihrer ökonomischen Selbstgefälligkeit aufzuscheuchen und daran zu erinnern, wer denn die Aktienmehrheit besitzt: Sam Flynn, Sohn des legendären Computergenies Kevin Flynn. Mit solch waghalsigen Aktionen behauptet er sich nicht allein als erfolgreicher Cyberguerilla, sondern qualifiziert sich bereits für kommende Abenteuer. Als ein Pagersignal Sam zu Kevins einstiger Spielhalle lockt, stößt er dort auf ein geheimes Kellerversteck, das früher als Forschungslabor diente. Natürlich aktiviert er rein zufällig die völlig verstaubte Computeranlage, und schon ist er per Laserstrahl in ein virtuelles Paralleluniversum gesaugt. Soll vorkommen…

Bereits „Tron“ spielte zu weiten Teilen in einem Großrechner, also im Cyberspace und erzählte von einer künstlichen, hier ’Raster’ genannten Welt, in der Computerprogramme humanoide Formen sowie anthropomorphe Charaktere annehmen und zusammen mit ihren oder gegen ihre User kämpfen. Auch wenn „Tron: Legacy“ sowohl optische als auch narrative Anleihen beim inzwischen fast zum Klassiker der Science-Fiction aufgestiegenen Vorgänger macht, ist dessen Kenntnis für das Verständnis kaum vonnöten, nimmt doch die Story ihren eigenen (Leer-)Lauf. Ein bißchen Gut-gegen-Böse-Kampf, etwas Vater-/Sohn-Konflikt, Spuren von Rebellions-Geist – das kann Hollywood mittlerweile im Schlaf oder eben in der 3D-Virtualität.

© Walt Disney Pictures

Update
Insofern zelebriert auch die Fortsetzung den Triumph der futuristischen Form über den trivialen Inhalt. Der Tron-Kosmos ist eine düstere, die physikalischen Gesetze aufhebende Cyberwelt, graphisch strukturiert durch Lichtbänder und umgeben von einer dystopischen Mondlandschaft. Kaum wagt man von Räumen zu sprechen, scheinen die Strukturen doch in Ebenen gestaltet zu sein, die scharf voneinander getrennt sind, um gleich wieder organisch ineinander überzugehen. Allein die gewaltige Gladiatorenarena präsentiert sich als komplexer Bau im und aus Nichts, offenbar von distinktiven Lichtern konstruiert, die unendliche Dimensionen simulieren. Wenn dann durch solche Formen noch zweirädrige Lightrunner kurven und ihre Neonschweife hinter sich herziehen, bewahrheitet sich der Werbeslogan: „Energy is the only currency.“ Dynamik ist das strukturbildende und damit wahrnehmungsbestimmende Prinzip in dieser als Graphik-Orgie gestalteten Virtual Reality-Show.

Wieder einmal dokumentiert die Computeranimation ihren verblüffenden Progress, scheinbar ein ewiges Update, das dennoch wie in einer Endlosschleife der avancierten Technik gebannt wirkt. Alles wird schneller, üppiger, erstaunlicher, aber einfach nicht tiefgründiger. Heißt es bei der Nahrungsaufnahme: „Das Auge ißt mit“, wäre bei der Filmrezeption zu betonen: „Das Gehirn schaut mit“. Freilich ist nicht jeder ein Anhänger dieser These, und auch Regisseur Joseph Kosinski setzt in seinem Kinodebüt eher auf sinnfreies Spektakel, denn auf Sensibilität, wuchert lieber mit außergewöhnlicher Ästhetik, etwa bei den rasanten Disc-Duellen. Cyperprunk überschattet Cyberpunk.

© Walt Disney Pictures

Hyperlink-Hopping

Für den interessanten Look ist auch Kameramann Claudio Miranda mitverantwortlich, der seine ganze Erfahrung als ehemaliger Beleuchter in die famosen, zu nachthell-geometrischen Lichtskulpturen ausgearbeiteten Bilder einfließen läßt. Konkret, gleichzeitig instabil wirkt dieser virtuelle Kosmos, entsteht und zerfällt, leuchtet auf und verlischt, als würde von einem Hyperlink zum anderen gesurft. Hier macht sogar endlich einmal die 3D-Technik Sinn, weil sie als künstliche, den Zuschauer trotz aller Effektopulenz in eine merkwürdige Distanz zum Geschehen setzende Methode den abstrakt-kühlen, latent gefährlichen Cyberraum simuliert. Menschen sind zum Beiwerk degradiert, tragen enge Anzüge mit farbig phosphoreszierenden, an Schaltkreise erinnernde Linien und bewegen sich gleich schimmernden Strichmännchen durch die Szenerie.

Wie sehr das Physische dabei verloren geht, wird deutlich, als sich Sam und sein im Computeruniversum gefangener Vater (charismatisch: Jeff Bridges; schon Hauptdarsteller im ersten Teil) bei ihrem Wiedersehen umarmen. Einen vagen Moment lang glaubt man die Nähe der beiden zu fühlen, gerade weil sie sich sinnfällig von der artifiziellen Umgebung abhebt. Einst hat Kevin Flynn diese virtuelle Welt entsprechend seiner utopischen Ideale programmiert, jetzt muß er miterleben, wie eine ursprünglich zum loyalen Mitstreiter kreierte Kopie seiner selbst (Jeff Bridges als im Motion-Capture-Verfahren animierte, jüngere Version) die Macht an sich gerissen hat. Cal ist kein Mensch-/Maschine-Ungetüm, vielmehr ein größenwahnsinniges Geist-/Kybernetik-Wesen, besessen von der Vorstellung, die reale Erde zu infiltrieren. Um ihm diese Möglichkeit zu verwehren, hat Kevin, an dessen Seite nur die Cyberkämpferin Quorra (mandeläugig: Olivia Wilde) ausharrt, gewissermaßen eine Metamorphose vom biblischen Schöpfer zum Zen-Mönch vollzogen. Solange er in Passivität verharrt und sich in seiner architektonisch minimalistischen Behausung verschanzt, bleibt der Status Quo in der Computersimulation gewahrt. Kein Wunder, daß er dem manisch aktiven Sam einmal vorwirft, er wäre schlecht für sein Karma!

Exit
Trotz seiner durch viel Action beschleunigten Dramaturgie, fehlt es dem Hightech-Abenteuer im gleichen Maße an Spannung wie es ihm an erzählerischer Substanz mangelt. Alles ist auf eine wirkungsästhetische Überwältigungsstrategie ausgerichtet, auf einen visuellen Overkill ohne Zauber oder Dichte, zusammengehalten von einem bestechenden Production- und Sounddesign. Explizit dem pulsierend-orchestralen Soundtrack des französischen Elektronik-Duos „Daft Punk“ kommt eine entscheidende Rolle bei der Rhythmisierung des Geschehens zu. Ihr toller, den 1980ern mit einem Synthie-Touch Tribut zollender Score besitzt genau jenen melancholisch-epischen Atem, welcher der Story abgeht.

„Tron“ war ein innovativer Schritt in die digitale Zukunft, „Tron: Legacy“ ist pures Event-Kino, das den Internethype unserer Zeit ins Monströse übersteigert: als Fluch, ewig online sein zu müssen. Da gibt es keine Reset-Taste mehr. Auch virtuelles Sterben bringt den Tod, und das Karma ist wieder einmal hin.

Diese Filmkritik ist von

Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld

TRON: LEGACY
Regie: Joseph Kosinski
Darsteller: Jeff Bridges, Garrett Hedlund, Olivia Wilde
im Verleih von Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Kinostart: 27. Januar 2011

Stand Januar 2011
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