Tragikomische Auftragsmörder

Ein Mordsduo Mitte des 19. Jahrhunderts – die Geschwister Sisters sind Auftragsmörder. Ihr neuester Auftrag führt sie nach San Francisco. Doch im Gegensatz zu ihren sonstigen Vollstreckungen wird diese so richtig kompliziert – nicht nur Hexen mischen plötzlich mit …

Der zweite Roman des kanadischen Schriftstellers Patrick de Witt siedelt sich zur Zeit des kalifornischen Goldrausches im Jahre 1851 an und erzählt von den Hauptprotagonisten Eli und Charlie Sisters, zwei gedungene Killer, die im Auftrag des geheimnisvollen Kommodore nach San Francisco reiten, um Hermann Kermit Warm zu töten. Doch warum soll er sterben? Weil er dem Kommodore etwas Wichtiges gestohlen hat – so glaubt man jedenfalls. Als die Brüder Warm nach einer langen Reise voller absurder Situationen und Begegnungen schließlich finden, entpuppt sich die Situation anders, als erwartet.

Zu viel versprochen

Der Klappentext verspricht „Als würde man durch einen Tarantino-Film reiten“, was beim Leser gleich gewisse Assoziationen mit Western-Feeling, harten Kerlen, wilden Schießereien und tragisch-komischen Höhepunkten weckt. Leider merkt man spätestens ab der Hälfte des Buches, das hier mehr versprochen wurde, als gehalten wird. Die Geschichte ist aus der Sichtweise des jüngeren Bruders Eli Sisters erzählt, der als der ruhigere und nachdenklichere der beiden gilt.

In Tarantino-Manier würde man nun einen schweigsamen, intelligenten Django-Verschnitt erwarten, der mit tiefsinnigen Gedanken und viel Wortwitz unterhält. Eli jedoch ist ziemlich das Gegenteil: In seinen Reflexionen schneidet er zwar tiefgründige Themen an, behandelt diese jedoch nur oberflächlich. In seiner Weltvorstellung ist er, obgleich er als Auftragsmörder tätig ist, schon fast naiv-romantisch veranlagt. Frauen bringen ihn völlig aus dem Konzept. De Witt hält sich wenig mit detaillierter Beschreibung auf, sondern setzt auf das Tempo der Handlung, das leider eher mäßig ist. Eine sporadische Darstellung der Orte und Personen kann man dabei noch verschmerzen; einige differenzierte Hinweise die Handlung betreffend hätten dem Buch gut getan.

Zu viele Nebenstories

So fragt man sich ständig brennend, worum es sich bei der geheimnisvollen Formel Hermann Warms genau handelt, die Gold zum Leuchten bringt und gleichzeitig schlimme Verätzungen hervorruft. Man wird aber an diesem Punkt völlig im Dunkeln gelassen. Nachdem Warm und sein Verbündeter Morris über mehrere Seiten qualvoll an ihrer Entdeckung krepiert sind, wird die Formel, der Hauptgrund für die Geschichte, gar gänzlich nebensächlich.

Die Erzählweise entpuppt sich als Aneinanderreihung einzelner Episoden, deren Handlungsfäden jedoch abrupt abgeschnitten und nicht mehr aufgegriffen werden. So landen die beiden auf ihrem Weg nach Kalifornien im Haus einer vermeintlichen Hexe, die die Tür verflucht und sie zwingt, die Flucht aus dem Fenster zu wagen. Hier nimmt der Autor nach Abschluss des Kapitels im weiteren Verlauf der Geschichte keinerlei Bezug mehr auf. Dies passiert mit etlichen weiteren Episoden (beispielsweise die Begegnung mit einem ständig weinenden Reiter, die völlig aus dem Kontext gegriffen scheint), die dafür sorgen, dass man an Stelle eines flüssigen Erzählstrangs ein Bündel von Handlungsfäden vorfindet, die der Leser selbst sortieren und nach Wichtigkeit ordnen muss.

Voraussehbares Ende

Diese experimentelle Erzählstruktur, die wahrscheinlich für den ein oder anderen durchaus interessant zu lesen ist, schafft es leider nicht, sich am Ende zu einem stimmigen Ganzen zu vereinen. Stattdessen verpufft sie in einem ziemlich nichtssagenden Schluss, der ab der Hälfte des Buches bereits angekündigt wird. Denn bereits hier spricht Eli mehrfach davon, seinen Job an den Nagel zu hängen – was unweigerlich den Tod des Kommodores zur Folge hat, da dieser seine Leute nicht aussteigen lässt. Die einzige kleine Überraschung ist, dass der Kommodore nicht wie zuerst vermutet durch die Hand von Charlie stirbt, sondern durch den verweichlichten Eli. Allerdings wird auch das vor dem Ende offensichtlich, da Charlie eben genau diese Meuchelhand durch die geheimnisvolle Formel verliert.

Das Fazit

Wer sich beim Lesen nicht vor experimentellen Versuchen scheut, wird an dem ungewöhnlichen Erzählstil seine Freude haben. Bei den Liebhabern klassischer Western und kurzweiliger Action dürfte das das Buch schnell Langeweile hervorrufen. Auch Leser, die gerne auf ausgefeilte Erzählstränge und detailverliebte Beschreibungen setzen, kommen bei dieser Lektüre zu kurz.

Ramona Karl (academicworld.net-userin)

Patrick de Witt. Die Sisters Brothers.
Goldmann. 9,99 Euro.

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