Tim und Struppis Streifzug durch die Sekundärliteratur

Es hätte Steven Spielbergs jüngster Verfilmung von „Tim und Struppi“ kaum bedurft, um den Kultcharakter der beiden Comicfiguren zu unterstreichen. Immerhin hat der Kinoauftritt wieder neue Literatur hervorgebracht, unter anderen Georg Seeßlens „Tintin, und wie er die Welt sah. Fast alles über Tim, Struppi, Mühlenhof & den Rest des Universums“ sowie Joachim Körbers „Die Geschichte bei Tim und Struppi. Eine Reise durch die Zeit – von den Maya bis zum Mond“.

Foto: David Lins

Unterwegs in neuen Medien: Tim & Struppi, Foto: David Lins

Tim für Akademiker – Georg Seeßlen, und wie er die Tintin-Welt sieht

Das Format ist entzückend handlich, das Motto der Reihe „Kultur & Kritik“ gewagt anspruchsvoll. Letzteres bleibt verpflichtend, meint Georg Seeßlen doch bereits im Vorwort: „Tintin war nie mein Freund.“ und „Dieses Buch will die Tintinologie nicht neu erfinden. Es versucht vielmehr, einen Mythos der populären Kultur zu entschlüsseln (…)“. Ganz klar, hier schreibt kein Fan von ’Tim’, sondern ein versierter Wissenschaftler über ’Tintin’, der den gewaltigen Referenzraum jener Comicfigur literatur-, film-, kunst- und kulturwissenschaftlich, ikonographisch, historisch, gesellschaftlich und psychoanalytisch ausloten will.

Tatsächlich ist es ausgesprochen fesselnd, welche interkulturellen, -textuellen sowie -medialen Wellen der gute alte Tintin geschlagen hat, wobei er hier allerdings nicht nur ’gut wegkommt’. Vielmehr widmet sich Seeßlen mit dem Gestus des aufgeklärt-betroffenen Intellektuellen explizit den weniger netten Seiten des Helden und dessen Schöpfers. Aus rechtskatholischem Elternhaus stammend und politisch-moralisch von teils fragwürdigen Wegbegleitern wie dem extremistischen Abbé Wallez, Leiter der Zeitung „Le Vingtième Siècle“, beeinflußt, steht Hergé vor allem mit seinem Frühwerk unter Ideologieverdacht hinsichtlich antimoderner, antiliberaler, kolonialistischer oder nationalistischer Haltungen. Obwohl Künstler wie Figur im Laufe der Jahre zweifelsohne eine deutliche Wandlung, ja Emanzipation durchgemacht haben, behauptet Georg Seeßlen, daß es letztendlich nie ganz gelang, „die Spuren von Rassismus und reaktionärer Ideologie aus dem Werk zu tilgen“.

Georg Seeßlen. Tintin, und wie er die Welt sah: Fast alles über Tim, Struppi, Mühlenhof & den Rest des Universums

Kein Zweifel, die Analyse von Tintin und dessen realem wie fiktivem Umfeld erfolgt mit entschiedener Strenge, aber auch subtiler Freude am Thema. Gestützt auf eine ungeheure Sachkenntnis dreht der Autor fast jeden Stein im Tintin-Kosmos um, findet Religionsthematik und Genderproblematik, begibt sich auf hermeneutische Spurensuche und landet immer wieder bei der Semiotik. Tintin ist eben nicht nur eine Zeichnung, sondern auch ein Ikon.

Besonders aufschlußreich ist das Kapitel über den Stil der ’ligne claire’ geraten, auch wenn es nur mit wenigen Bildern zwecks Illustration auskommen muß. Dafür huldigt Seeßlen mit differenziert-vitaler Sprache dem Comic als ’Tanz der Zeichen’, erläutert die Syntagmen zwischen Visuellem und Narrativem, um dieserart die ganze Faszination von graphischer Zweidimensionalität aufzuzeigen. Immerhin ist Hergés berühmte ’klare Linie’ eine kunstvolle Symbiose aus Kontur und Abstraktion, die sich nicht allein auf Raumkonstruktion, Figurencharakterisierung sowie Handlungsabläufe erstreckt, sondern ebenfalls auf die Philosophie der Comics. Wie heißt es einmal so schön: „Das Leben wird zur Linie und diese wiederum zum Leben.“

Zwar hätte es den Rahmen des kleinen, kompakten Buches gesprengt, doch wären Fußnoten eine nützliche Ergänzung zur vorhandenen Literaturliste gewesen. Schließlich regt der Text geradezu an, mitzudenken, nachzugrübeln, weiterzulesen – etwas, was wirklich gute Forschungsliteratur ausmacht. Seeßlen hat keine Recherchen gescheut und ist keiner Kontroverse ausgewichen, um ein möglichst umfassendes, wenn auch teils befremdliches Bild von Tintin zu entwerfen. Allein das Kapitel über Tims psychische Verortung wimmelt nur so vor ewig werdenden Ichs, amorph-sinnlichen Es`, bizarren Über-Ichs, faunischen Animas und Meta-Personen, daß der Leser sich unwillkürlich fragen muß: Tintin, der berühmteste Neurotiker Belgiens?

Doch jener Fülle an Theorien, Informationen und Erkenntnissen bedarf es, um die schon im Klappentext formulierte These zu verifizieren: ’Tintin gehört zum Weltkulturerbe.’ Daran hatten die Fans ohnehin nie einen Zweifel, können die Gründe hierfür jetzt aber nochmals in komprimierter Form nachlesen.

Nur eines leistet das Buch kaum, will es allerdings wohl auch nicht. So recht kann es nämlich nicht die über das zweifelsohne aufregende akademische Moment hinausgehende ehrliche Zuneigung zu, ja die Liebe für Tintin erklären, die viele Fans empfinden. Aber das ist sowieso eine von diesen wunderbar verschrobenen Herzensangelegenheiten.

Joachim Körber. Die Geschichte bei Tim & Struppi: Eine Reise durch die Zeit – von den Maya bis zum Mond

Tim für Liebhaber – Joachim Körber reist mit Tim durch die Zeit

Schon das Cover wirkt vielversprechend: Tims Mondrakete, Struppis Knochen und ein Reisekoffer mit Aufklebern von Tibet bis Syldavien. Tim ist in seinen 24 ½ Abenteuern schließlich weit herumgekommen, nicht nur global-territorial betrachtet, sondern auch historisch. Weil Hergé bei der Konstruktion seiner Erzählungen ebenso großen Wert auf graphische Detailgenauigkeit wie realitätsnahe Überzeugungskraft legte, bietet sein Werk sich an, es im Spiegel der damaligen politischen und kulturellen Geschichte zu betrachten bzw. die Anknüpfungspunkte zwischen Fakt und Fiktion herauszuarbeiten.

Dieser analytische Ansatz von Joachim Körber ist zwar kaum neu, dennoch effektiv, zumal er ebenfalls das mentalitätsgeschichtliche Umfeld miteinbezieht, in dem Tim entstanden ist. Immerhin war auch Hergé ein Kind, manchmal Opfer des Zeitgeists. Das, was heutzutage als ideologische Entgleisung gilt, war zu Hergés Lebzeiten noch weit verbreitetes Gedankengut, wie Körber überzeugend darlegt. Nicht weniger hell-, aber doch etwas nachsichtiger als Georg Seeßlen durchleuchtet er Hergés Weltbild und kommt zu dem Schluß, daß sich aus einem naiven Mann ein kritischer Künstler entwickelt hat: „Denn Tim hat in fünfzig Jahren wahrlich einen weiten Weg zurückgelegt. Vom Sprachrohr des Antikommunismus in Tim im Lande der Sowjets – wo ihm die Worte (…) jedoch wohl zumindest teilweise von außen in den Mund gelegt wurden – wird er in Tim und die Picaros quasi zum linken Tupamaro, der ganz wie Che Guevara mit der Maschinenpistole durch den südamerikanischen Dschungel hetzt.“

Tim – als Freund erhaben über jeden Zweifel

Inwieweit Hergés bzw. Tims Wandlungen als narrative Rhetorik gedeutet oder doch als tiefgreifender Umbruch verstanden werden sollten, läßt Körber offen, denn: „Nicht die letztendliche Haltung des Künstlers und seine persönlichen Befindlichkeiten sind von Bedeutung, sondern das Werk, das sie hinterlassen und die Lehren, die man daraus ziehen kann.“ Damit offenbart sich der Autor als kluger Forscher ohne Neigung zur Selbstgerechtigkeit, weicht zudem der einseitigen biographischen Interpretation aus und erweist den wahren Tim-Fans seine Referenz: Sie sind Tim zugetan, schätzen ihn mit allen Fehlern und Vorzügen, eben wie einen echten Freund.

Ohnehin legt Körber Wert darauf herauszuarbeiten, worin Tims nachhaltiger Erfolg begründet ist und was ihn zu einem zeitlosen kulturellen Phänomen macht. Einer der Ursachen hierfür ist die glückliche Verbindung der ’Statik von Fantasiewelten mit der Dynamik zeitgeschichtlicher Entwicklung’. Tim abenteuert durch die Welt des 19. Jahrhunderts, die von Hergé trotzdem immer ein bißchen auf der Höhe der Gegenwart gehalten wird, ist selbst allerdings ein Held für die Zukunft. Solch Neben-, ja Ineinander von Nostalgie und Aktualität, von Erfindung und Erfahrung, von Stillstand und Bewegung ist geradezu prädestiniert, um in den Olymp der Klassiker einzuziehen. Tatsächlich war und ist Tim weder hip noch veraltet.

Vielmehr lassen sich an Hergés Comicalben Segmente der (Mentalitäts-)Geschichte des 20. Jahrhunderts ablesen, ästhetisch verfremdet, kritisch kommentiert und teils mit bissig-satirischer Schärfe aufgearbeitet. Um dies zu dokumentieren, erläutert Körber die entsprechenden historischen Hintergründe, das kultur-gesellschaftliche Umfeld sowie Hergés damalige Informationsquellen und spiegelt dies alles wider anhand der Bildergeschichten. Jene mögen eine herrliche Kinderlektüre sein, doch erst ein erwachsener Leser kann ermessen, wieviel Rechercheakribie und Realismusbezug tatsächlich in dem Gesamtwerk stecken. Auf einer künstlerischen Ebene leistet Hergé etwas, was auch die Historiographie thematisiert, nämlich die (Re-)Konstruktion von Geschichte.

Wann ist ein Comic Literatur?

Launig erkundet Joachim Körber Tims Universum und trägt von Beginn an die eine große Frage mit sich herum: Ist Tim Literatur? Hält ein Comic literarischen Kriterien stand? Abgesehen davon, daß allein die Definition der Begriffe ’Literatur’ und ’Comic’ höchst diffizil ist und unterschiedliche Ansätze, aber keine Entscheidung hervorgebracht hat, lassen sich beide unter manch identischem Kriterium wie Stil, historische Authentizität oder Intertextualität betrachten. Auch Körber sucht immer wieder die Verbindung zur Literatur, beispielsweise über das Abenteuergenre, und rückt so seiner Schlußerkenntnis immer näher: Spätestens mit dem erzählerisch genialen Band „Die Juwelen der Sängerin“ kann Hergé laut Körber zur großen Literatur gezählt werden.

Eine kühne These, über die es nachzudenken gilt. Ob man ihr zustimmt oder nicht, ist gleichwohl unerheblich und wirkt sich keineswegs auf die Brillanz Hergés aus. Tim bleibt trotzdem Lektüre der besten, nämlich belebten, intelligenten, warmherzigen Art. Ein immerwährendes Geschenk an den Leser!  (Nathalie Mispagel)

Georg Seeßlen. Tintin, und wie er die Welt sah: Fast alles über Tim, Struppi, Mühlenhof & den Rest des Universums
12,90 Euro, Bertz + Fischer

Joachim Körber. Die Geschichte bei Tim & Struppi: Eine Reise durch die Zeit – von den  Maya bis zum Mond

12,80 Euro, Wiley-VCH Verlag


Nathalie Mispagel lebt in Hassloch bei Frankfurt und studierte Jura, Allgemeine und Vergleichende Literatur- sowie Filmwissenschaft. Sie promovierte in Komparatistik und hat mit „New York in der europäischen Dichtung des 20. Jahrhunderts“ (erschienen bei Königshausen & Neumann) jüngst ihr erstes Buch veröffentlicht.

Die leidenschaftliche Cineastin schreibt seit zwei Jahren für academicworld.net.


Stand: Dezember 2011

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