Tim und Struppi: Auf sechs Beinen ins Abenteuer

Über 80 Jahre sind sie schon alt und dennoch ewig jung: Tim und Struppi. Während dieser Zeit ist das Gespann nicht nur über den gesamten Globus geabenteuert, sondern hat sich einen besonderen Platz in der Comicgeschichte erobert. Genauso wie im Herzen zahlloser Fans. Jetzt erleben die zwei mit Hilfe von Steven Spielberg ihre erste Motion-Capture-Filmepisode, als „Die Abenteuer von Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn“ ab 27. Oktober im Kino. 

Filmplakat zu „Die Abenteuer von Tim und Struppi“ ©Sony Pictures

Auf Welttournee
Hergé (1907-1983), Pionier der frankobelgischen Comictradition, hat mit „Les Aventures de Tintin et Milou“ eines der wundervollsten Werke der Neunten Kunst geschaffen. Die Geschichten um den schneeweißen Terrier und den jungenhaften Reporter mit roter Haartolle wurden zum Inbegriff des europäischen Abenteuercomics, künstlerisch außergewöhnlich, narrativ anspruchsvoll, humorvoll augenzwinkernd.

Auch auf die Leinwand haben es die beiden schon geschafft, sowohl im Zeichentrick- wie auch Realfilm. Das Motion-Capture-Verfahren, bei dem menschliche Bewegungen digitalisiert und auf computergenerierte Figuren übertragen werden, ist zusammen mit dem 3D-Effekt nun ein weiterer, technisch avancierter Versuch, Tim und Struppi optisch aufzurüsten. Nur, brauchen sie das wirklich? Alle Tintinologen wissen: Nein, denn die beiden sind für ihre wahren Verehrer ohnehin voller Leben. Aber einen Versuch ist es wert.

Wie es sich für den aufgeweckten Tim (Jamie Bell) gehört, führt jeder seiner Schritte in ein neues Abenteuer, selbst auf dem Flohmarkt. Eben hat er dort noch ein hübsches Schiffsmodell der ‚Einhorn‘ erstanden, da wird es ihm schon wieder gestohlen. Ein dunkles, Jahrhunderte altes Geheimnis verbindet sich mit jenem Schoner, das den Weg zu einem gewaltigen Schatz weisen soll.

Hinter dem ist nicht nur der verschlagene Sakharin (Daniel Craig) her, sondern alsbald auch Tim samt Struppi, in deren Schlepptau sich mal wieder das tollpatschige Detektiv-Duo Schulze und Schultze (Simon Pegg, Nick Frost) befindet. Ergänzt wird diese originelle Truppe vom äußerst trinkfreudigen, zu herzhaften Flüchen neigenden Kapitän Haddock (Andy Serkis). Um das Rätsel der ‚Einhorn‘ zu lösen, müssen sie alle einmal um die halbe Welt jagen.

Die Welt im Spiegel der Dreidimensionalität
Kein Zweifel, das Produzententeam aus Steven Spielberg, Peter Jackson und Kathleen Kennedy will seinen Film auch als Hommage an Hergé verstanden wissen. Gleich zu Beginn läßt Tim auf besagtem Markt ein Portrait von sich anfertigen, und als der Straßenkünstler das fertige Gemälde präsentiert, ist es ein Abbild von Hergés Originalcomic. Dieses Prinzip, der Urfassung optisch nahe zu kommen, wird auf sämtliche Figuren angewendet. Ob Tim mit blauem Pullover und Knickerbockern, ob Kapitän Haddock in zünftiger Seemannskluft, ob Schulze und Schultze mit Schnurrbart und Melone, sie alle sind visuelle wie charakterliche Doppelgänger ihrer Comic-Urahnen, freilich mit einigen Schönheitsfehlern.

Nicht nur Haddock könnte knurriger ausfallen, auch die ansonsten naturalistischen Figuren wollen ob ihrer der Computeranimation geschuldeten Weichheit, vor allem in den Gesichtern, nicht recht mit der an photorealistischen Standards orientierten, markanten Umgebung harmonisieren. Umso glücklicher die Wahl, sie von exzellenten Darstellern verkörpern zu lassen, die ihnen immerhin eine glaubwürdige, individuell-ausdrucksvolle Mimik schenken.

Grundsätzlich mag es Comic-Puristen befremden, dass eine schlichte, zweidimensionale Zeichnung nicht nur zum Filmbild, sondern gleich noch mit stereoskopischer Technik aufgeplustert wird. Freilich muß man Steven Spielberg zugute halten, dass er in seinem ersten 3D-Regiewerk dieses Verfahren überaus sorgfältig zu nutzen weiß, kein Licht und keine Schärfe verschenkt, dafür prägnante Bilder voll pfiffiger Ideen schafft.

Jetzt in 3D zu bewundern: Tim und Struppi mit Kapitän Haddock ©Sony Pictures

Herrlich, wenn das Geschehen an Land sich in einer Luftblase auf dem Wasser spiegelt oder sich plötzlich ein gewaltiges Schiff mitten aus goldgelben Dünen erhebt und in die Erinnerungen von Haddock segelt. Sowohl imposante Sequenzen, beispielsweise eine Seeschlacht, als auch kleine Szenen, wenn etwa Tims Haartolle wie eine Haifischflosse aus dem Ozean ragt, werden mit liebevoller Umsicht inszeniert, die als Bewunderung für, ja Achtung vor Hergé zu verstehen ist. Schließlich ist es definitiv kein Zufall, dass eine von Tim gelesene Zeitung genauso heißt wie jene Beilage, in der 1929 erstmals die „Tintin“-Serie erschien: „Le Petit Viengtième“.

Weltweiter Kult
Nichtsdestotrotz hat sich die Filmadaption in ihrer Bildästhetik weit von Hergés ‚Ligne claire‘ entfernt. Jener ’sich dem reinen Zeichen annähernde Stil‘ (Pierre Sterckx) beschränkt sich auf funktionale Konturierung und monochrome, flächige Kolorierung, also die klar definierte Form. Steven Spielberg hingegen, ohnehin ein Meister des ‚Bigger than life‘-Kinos, hat einen bunten, vitalen Film geschaffen, der wie eine verspielte, virtuelle Schmunzel-Variante von ‚Indiana Jones‘ daherkommt. Das ist ebenso unterhaltsam wie abwechslungsreich und wirft dennoch die Frage nach künstlerischer Integrität auf. Reicht es, das Flair einzufangen, wenn dabei der Geist verloren geht?

Natürlich entspricht die ‚Ligne claire‘ in ihrer ästhetischen wie psychologischen Beschränkung auf eine Perspektive nicht der gegenwärtigen, durch die Postmoderne mitgeprägten Konzentration auf Multiimpressionen. Im aktuellen Kino dominieren Bewegung, Veränderung und Attraktion. Hergé wiederum tauschte einst das Expressive gegen das Introvertierte, schuf Stimmungen aus seinen Bildern heraus, wollte dar- nicht ausstellen.

Solch differenzierte Beiläufigkeit geht „Die Abenteuer von Tim und Struppi“ völlig ab. Der Film zieht seine Dramatik vielmehr aus der Mannigfaltigkeit der Ereignisse, der Fülle an exotischen Schauplätzen, der Farbigkeit der Details. Immerhin verfällt er nie in sinnentleerte Hast und richtet stets den Focus auf seine Protagonisten, knüpfen sie doch das alles entscheidende Band zur Comicvorlage. Ohne sie hätte das Retro-Abenteuermovie trotz aller kinetischen Energie keine Identität, wäre ein turbulentes, aber beliebiges Werk, das zudem unter John Williams aufdringlichem, nie enden wollenden Score leidet. Nur wenige eigenständige Impulse kann der Film dem Zauber von Tim und Struppi hinzufügen, die auf der Leinwand primär von ihrem kultigen Klassikerstatus zehren und der unleugbaren Tatsache, dass sie dank Hergé eine Seele ihr eigen nennen dürfen. Nur eine zweidimensionale vielleicht, jedoch eine echte.

„Das kann doch nicht sein!“ Tim mit Schultze und Schulze ©Sony Pictures

Welten ohne Grenzen
In Anbetracht der visuellen Opulenz mag es kaum verwundern, dass auch die Drehbuchautoren Steven Moffat, Edgar Wright und Joe Cornish sich der Konzentration auf Wesentliches verweigerten, obwohl eine geradlinige Erzählweise Hergés transparentes Artwork eher widergespiegelt hätte. Stattdessen haben sie aus gleich drei Bänden, nämlich „Das Geheimnis der ‚Einhorn'“, „Der Schatz Rackhams des Roten“ sowie „Die Krabbe mit den goldenen Scheren“, eine Geschichte zusammengestellt, die ordentlich Rasanz, Action und Slapstick besitzt. Zu Lande, zu Wasser, in der Luft, in Wüsten und Städten, in der Gegenwart der 1930er Jahre und der Vergangenheit bei Piraten – die Welt ist hier ebenso groß wie die Abenteuer, Raum und Zeit sind scheinbar endlos dehnbar.

So hat es Spielberg ohnehin schon immer gehalten, oft zum höchsten Vergnügen des glückseligen Zuschauers. Diesmal allerdings, in diesem ganz speziellen künstlerischen Fall, wären mehr erzählerische Dezenz und bildästhetische Reduktion das rechte Maß gewesen, um Hergés stilistische Spuren, seine diskrete graphische Poesie nicht allzu sehr zu verwischen. Der in bewußt flächiger 2D-Animation gehaltene, eine eigene Story erzählende Vorspann besitzt noch den authentischsten Appeal.

Womöglich hätte man gar eine Realverfilmung riskieren sollen, in der die Effekte zugunsten toller Darsteller in Lebensgröße etwas in den Hintergrund gedrängt worden wären. Aber das ist wiederum nur eine (verwegene?) Idee, nichts als reine Spekulation. Sapristi!

Tatsächlich haben alle, die Tim und Struppi als Helden auf Papier ins Comic-Herz geschlossen haben, von der cineastischen Adaption keine Enttäuschung zu befürchten, wenn auch gewisse Irritationen. Die sind freilich schnell vergessen sobald man wieder einen Hergé-Band in die Hand nimmt, aufschlägt und abtaucht in eine der besten aller Welten: das Comicuniversum.

(Nathalie Mispagel, academicworld Kino-Expertin) 


Nathalie Mispagel lebt in Hassloch bei Frankfurt und studierte Jura, Allgemeine und Vergleichende Literatur- sowie Filmwissenschaft. Sie promovierte in Komparatistik und hat mit „New York in der europäischen Dichtung des 20. Jahrhunderts“ (erschienen bei Königshausen & Neumann) jüngst ihr erstes Buch veröffentlicht.

Die leidenschaftliche Cineastin schreibt seit zwei Jahren für academicworld.net.


Die Abenteuer von Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn

Regie: Steven Spielberg
Darsteller: Daniel Craig, Jamie Bell, Andy Serkis
Kinostart: 27. Oktober 2011

Im Verleih von Sony Pictures


Stand: Oktober 2011

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