Thriller meets Fantasy

Bei „Der Bann“ handelt es sich um den Debütroman von Stephen L. Jones. Vom Verlag als Thriller ausgeschrieben, hält das Buch für den Leser einige Überraschungen bereit, denn nicht alles geht mit natürlichen Dingen zu …

Hannah Wilde ist auf der Flucht. Zusammen mit ihrem schwer verletzten Ehemann und ihrer neunjährigen Tochter Leah flüchtet sie in ein abgelegenes, als Not-Zufluchtsort ausgestattetes Haus in einer einsamen Region. Die erhoffte Ruhe hält nicht lange an, schon bald muss sie befürchten, aufgespürt zu werden – von einem Wesen, das bereits einige ihrer Vorfahren grausam ermordet hat. Hannah steht der entscheidende Kampf bevor …

Wechselnde Zeiten

Erzählt wird die Geschichte aus drei verschiedenen Zeitebenen, die sich immer wieder abwechseln, sodass man nur nach und nach sämtliche Zusammenhänge erfassen kann. In der heutigen Zeit erlebt der Leser Hannahs Kampf, ihre Familie zu beschützen. Die 70er/80er Jahre geben einen Einblick in das Leben ihres Vaters Charles und wie er selbst Teil der unheimlichen Begebenheiten wurde. Und zuletzt gibt es einen Handlungsstrang um Balázs Lukás, später nur noch Jakab genannt, den Mörder, der Hannah auf den Fersen ist. Beginnend mit 1873 erhält der Leser hier Einblicke, wie er zu dem späteren Monster wurde.

Thriller vs. Fantasy

Der Klappentext sowie die Kennzeichnung des Buches als „Thriller“ wecken falsche Erwartungen an das Buch. Denn schnell wird klar, dass es sich nicht einfach um einen normalen Thriller handelt. Hannah flüchtet vor einem mehr als 150 Jahre alten Mann, der noch dazu die Fähigkeit besitzt, seine Gestalt zu wandeln und somit in die Rolle anderer Menschen zu schlüpfen.

Spannend, aber ungarisch

Die Geschichte an sich beginnt sehr spannend. Hannahs Flucht, der Überlebenskampf ihres Mannes sowie die ständige Angst, entdeckt zu werden, werden sehr dramatisch dargestellt. Auch Charles Geschichte, das Kennenlernen seiner späteren Frau, die ihn durch ihre eigene Angst auf die alten Legenden bringt, ist sehr interessant geschildert. Spannend ist auch, wie sich der Schreibstil der jeweiligen Atmosphäre anpasst. So lässt sich der komplette Text flüssig lesen, aber gerade zu Beginn bekommt man durch sehr kurze, abgehackte Sätze das Gefühl von Hannahs aufgeregter Stimmung vermittelt, während die Passagen um Charles zunächst viel längere Sätze mit vielen anschaulichen Beschreibungen beinhalten und damit ein ruhigeres Gefühl vermitteln. Mit Jakabs Auftreten wurde das Lesen schwieriger. Zum einen aufgrund der bereits erwähnten Fremdwörter, aber auch weil die Geschichte plötzlich diese unerwartete übernatürliche Wendung nahm, die sich zunächst nur schwer in das ansonsten sehr realistische Szenario einfügt.

Im Mittelteil begannen vor allem die Rückblicke, das Buch in die Länge zu ziehen, da man eigentlich nur noch wissen möchte, wie Hannas ereignisreiche Flucht weitergeht. Die erhoffte, unerwartete Wendung bleibt allerdings aus. Der Schluss konnte mich leider gar nicht überzeugen: Dieser ist zwar unerwartet, wirkt aber völlig konstruiert und widerspricht vielem des zuvor Gesagtem – in gewisser Weise ein erzwungenes „Happy“ End, dass nach dem sehr dramatischen Schluss überhaupt nicht notwendig gewesen wäre.

Fazit

Wer einen realistischen Thriller lesen will, ist hier an der falschen Stelle. Kann man sich auf die fantastischen Elemente einlassen, entwickelt sich eine dramatische Geschichte mit viel Gefühl und doppelt so viel Blut. Leider bremsen die vielen Rückblicke das hohe Tempo der Gegenwart und das gekünstelte Ende hinterlässt einen faden Beigeschmack.

Anja Zenker (academicworld.net-userin)

Der Bann. Stephen L. Jones.
Rowohlt. 9,99 Euro.

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