The Grey – Unter Wölfen: Zurück zur Natur

Als normale Tiere galten sie eigentlich nie: Einst wurden Wölfe wie mythische Wesen verehrt oder gefürchtet, später drohte ihnen die Ausrottung, und sie avancierten zu Symbolen einer gefährdeten Umwelt, jetzt entdeckt Hollywood sie wieder als barbarische Bestien: „The Grey“, ab 12.4. im Kino.

The Grey – Unter Wölfen ab 12. April im Kino

Echte Männer in Alaska

Wer es noch nicht gewußt hat: Echte Männer arbeiten in Alaska bei Ölunternehmen, quälen sich mit Selbstmordabsichten wegen des Verlusts der geliebten Frau, erleiden Flugzeugabstürze in der Wildnis und versuchen anschließend, eine Gruppe Überlebender vor hungrigen Wölfen zu retten. Ach ja, und sie sind selbsternannte Wolfsexperten mit einem Wissensstand, der sogar die Gebrüder Grimm belustigt hätte.

Das war sie schon, die Handlung, welche in „The Grey“ auf knapp zwei quälend lange Kinostunden gedehnt wird, ohne auch nur mit einem einzigen klugen Gedanken zu überraschen. Gut, vielleicht haben die Drehbuchautoren Joe Carnahan, auch Regie, und Ian Mackenzie Jeffers angenommen, dergleichen wäre bei einem archaischen Getümmel wie ‚Mann gegen Wolf‘ nur hinderlich. Schlau scheinen hier eh nur die Vierbeiner zu sein, freilich auf derart grotesk wirklichkeitsferne und heimtückische Weise, dass es nicht nur Zoologen die Sprache verschlagen dürfte. Kein Zweifel: Rotkäppchens animalischer Erzfeind ist in seiner ganzen erbarmungslosen Pracht zurück, als hätte es die ökologische Aufklärung nie gegeben.


Jenseits der Zivilisation

Wäre „The Grey“ nur ein B-Movie, nur Tierhorror-Exploitation, hätte die spekulativ reaktionäre Wolfsdarstellung keiner Erwähnung bedurft. Joe Carnahan will jedoch weitaus mehr, nämlich ein wuchtiges Survivaldrama in der Tradition des männerdominierten Abenteuerkinos und legt entsprechend großen Wert auf Realismus. Tatsächlich gelingen Kameramann Masanobu Takayanagi ungeheuer kraftvolle Bilder von Alaska als unendliche, ehrfurchtgebietende Landschaft, von der Kälte des lebensfeindlichen Schnee-Nichts und der Einsamkeit in den weiten Gebirgswäldern. Weniger Zivilisation geht nicht. Hier springt einem das Dasein in seiner elementarsten Form an, hier muß Mann/Mensch gegen das kämpfen, was stets am meisten gefürchtet wurde: die Natur.

Unter Führung des knarzigen Ottway (Liam Neeson) versuchen sieben, die Flugkatastrophe während ihrer Heimreise überlebende Ölarbeiter dieser tödlich kalten Einöde zu entkommen. Sie haben weder Technik noch Waffen noch Nahrung. Dummerweise liegt ihre Absturzstelle zudem genau im Wolfsrevier, und die Karnivoren wollen nicht spielen, stattdessen mit Angriffen aus dem Hinterhalt die Schar dezimieren. Dass sie ein völlig untypisches Jagd- wie Sozialverhalten zeigen, wundert niemanden. Wahrscheinlich, weil die kernigen Herren neben ihrem Überleben mit gruppendynamischen Psychoduellen beschäftigt sind, sich sentimentale Familienstorys am Lagerfeuer erzählen und wenn es darauf ankommt, feste zusammenhalten. Welcher urwüchsige Kerl hat sich je anderes gewünscht?!

Leitwölfe unter sich

„The Grey“ will zur Grenze menschlicher Erfahrung vordringen? und stößt vornehmlich auf Klischees. Dort, wo Leben und Tod sich kreuzen, wo Natur die Kultur begrenzt, wo Mensch gegen Tier antritt, warten offenbar nur die Rückbesinnung auf ‚family values‘, diffuse Pseudo-Philosophie sowie ein bißchen Macho- und Kämpfergehabe. Und in der arktischen Finsternis die glühenden Augen und der dampfende Atem von atypisch agressiven Wölfen. Schon der Filmtitel transportiert die höchst schlichte Botschaft, dass in jedem Mann ein wildes Tier (ein Leitwolf?) steckt und die Grauen, also Alten die besten sind. Für Ladys gilt das im übrigen nicht. Ottways Erinnerungen an seine verstorbene Gattin zeigen in wiederkehrenden Rückblenden eine junge Frau, die gerne auch seine Tochter sein könnte. Hollywood as usual.

Ohnehin sollte man von Joe Carnahan („Smokin‘ Aces“, „The A-Team“) kaum Subtilität erwarten, vielmehr Action und Spannung. Die liefert er auch, macht das verschneite, blizzarddurchtobte Alaska zu einem bedrohlich-grandiosen Abenteuerspielplatz, der in seiner radikalen (Menschen-)Leere fundamentale Ängste tangiert. Ausgesetzsein in der Wildnis fern jeglicher menschlichen Ansiedlung und umgeben von feindlichen Wesen ist der Horror des modernen Menschen. Schon Oscar Wilde hat gewußt: „Wäre die Natur behaglich, hätten die Menschen die Architektur nicht erfunden.“


Leben und Sterben in der Wildnis

Wer richtig leben will, muß richtig zu sterben wissen. Auch davon erzählt „The Grey“. Als der Ex-Sträfling Diaz (Frank Grillo), anfangs der Aufmüpfige der Gruppe, seine physischen Grenzen erkennt und sich bewußt fürs Aufgeben entscheidet, wird kurzzeitig an metaphysischen Dimensionen gerührt. An einen Baumstamm gelehnt will er beim Anblick der majestätischen Berge verharren, will in geistiger Klarheit seinen Tod erwarten. Das ist wirklich mal eine starke Leistung, gerade weil sie im Mut des absichtlichen Nichtstun besteht. Leider ruiniert Carnahan diese intensive Sequenz wieder mit einem angedeuteten Wolfsangriff. Wahre Männer machen halt nicht nichts.

Offenbar gibt es noch genug Leute, die sich dieses Märchen erzählen lassen wollen. „The Grey“ gelangte in den U.S.A. an die Spitze der Kinocharts. Apropos Märchen: In jener vergangenen Zeit, als Geschichten vom ‚bösen Wolf‘ noch mündlich überliefert wurden, waren die Menschen der Natur weitgehend ausgeliefert. Da mußte man deren Wunder und unberechenbare Kräfte eben narrativ bannen. Heute hingegen hat sich die westliche Gesellschaft zu großen Teilen der Natur bemächtigt. Und plötzlich tauchen wieder ’nature unleashed‘-Storys auf. Als Wunsch- oder Alptraum des Menschen? Für Wölfe meint das jedenfalls eine Utopie.

Teh Grey – Unter Wölfen

Regie: Joe Carnahan
Darsteller: Liam Neeson, Dermot Mulroney, Frank Grillo
Kinostart: 12. April

Im Verleih von Universum Film GmbH

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

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