Tee und Literatur

Major Pettigrew und Mrs. Ali haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Kein Wunder also, dass die Umwelt über ihre Freundschaft erstaunt bis befremdet reagiert. Tatsächlich aber scheinen sich da zwischen Teetrinken und Literaturdiskurs zwei Seelenverwandte gefunden zu haben – und das jenseits des gemeinhin in Liebesgeschichten geschilderten Alters.

Einsamkeit in der Provinz

Eigentlich ist der pensionierte Major Ernest Pettigrew ein richtiger Gentleman der alten Schule. Mit Jagd, Golfen und Clubbesuchen verbringt der Witwer seine Tage in der englischen Provinz. Offene Zurschaustellung von Gefühlen ist ihm zuwider, am besten redet man mit Nachbarn und Freunden nur über Belanglosigkeiten wie das Wetter. Zum eigenen Sohn Roger, einem aufgeblasenen Wichtigtuer, hat er kaum Kontakt. Da stirbt auch noch sein Bruder.

Genau in dieser Situation tritt Mrs. Ali auf den Plan, die ebenfalls verwitwete Besitzerin des örtlichen Lebensmittelladens. Überrascht stellt er fest, wie belesen und gebildet die Frau mit den pakistanischen Wurzeln ist – und wie lebenslustig. Zumindest dann, wenn der gestrenge Neffe, der nach dem Tod ihres Mannes zur Unterstützung bzw. Überwachung entsandt wurde. Aus der zufälligen Begegnung der beiden flüchtigen Bekannten entspinnen sich bald ausufernde Literaturdiskussionen zum Tee, die beiden freunden sich an, werden für einander immer wichtiger. Doch noch bevor sie sich selbst eingestehen, dass sie sich verliebt haben, schreiten Nachbarn und Familien ein. Um die 60 müsse man sich ja wohl nicht mehr einer derartig unpassenden Leidenschaft hingeben. Gut, dass Nachbarin Grace wenigstens zu den beiden hält und ihnen schon mal einen Schubs in die richtige Richtung verpasst.

Vorurteile und ihre Überwindung

Ein englischer Gentleman und eine pakistanische Geschäftsfrau, beide nicht mehr ganz jugendlich. Schon bei der Ahnung einer Beziehung brechen die Vorurteile in der vordergründig toleranten Gesellschaft zu Tage – auf beiden Seiten. Die Art und Weise, wie Helen Simonson die Menschen, vor allem die Damen der ländlichen Gesellschaft zeichnet, ist einfach hinreißend. Vom Vorort Drachen Daisy bis zur schüchternen, aber tatkräftigen Grace bietet sie alles auf, was man sich an englischen Damen nur so vorstellen kann.

Rezension "Mrs. Alis unpassende Leidenschaft"

Daneben gibt es noch die sehr netten Episoden mit den Widersprüchen, den die im Westen lebenden Pakistani ausgesetzt sind. Ob wohl hier die Männer vermeintlich noch mehr Macht haben als im englischen Dorfidyll, sind es letztlich wieder nur die biestigen älteren Damen mit den Vorurteilen, die das Heft in der Hand haben. Zumindest solange sich keiner wehrt. Die Geschichte von Ernest und Yasmina (Mrs. Ali) ist charmant und humorvoll, besonders überraschend entwickelt sie sich allerdings nicht. Aber dafür gelingt Simonson eine heitere Gesellschaftsstudie, die alle Zeit zu unterhalten versteht. Auch weil nicht immer auf jeden das maßgeschneiderte Happy-End wartet.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Helen Simonson. Mrs. Alis unpassende Leidenschaft
19,99 Euro. Droemer

Stand Juni 2012
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