Tabu – Es ist die Seele … ein Fremdes auf Erden

Dichter im Grenzland: Der österreichische Lyriker Georg Trakl gehört zu den bedeutendsten Frühexpressionisten deutscher Sprache. In dem Drama „Tabu – Es ist die Seele… ein Fremdes auf Erden“, ab 31.5. im Kino, wird sein kurzes Leben auf eine quälende (inzestuöse) Verbindung zu seiner Schwester reduziert.

Grete Trakl (Peri Baumeister) ist die Muse ihres Bruders Georg (Lars Eidinger)

Verrätselte Schwermut

Manche Filmplakate sind aufreizend bedeutungsschwer: Da blickt eine junge Frau traumverloren durch ein mit Gardinen verhangenes Fenster, darunter das Bild eines jungen Mannes in der Hocke, der betroffen moosbewachsene Felsen anstarrt. Man weiß sofort, hier dräut Unheil. Hier wird nicht nur an der Liebe, sondern gleich am ganzen Leben gelitten. Das kann nicht gut ausgehen.

Wird es auch nicht, weil „Tabu“ von Georg Trakl erzählt, diesem von resignierender Verzweiflung heimgesuchten Mann, diesem drogenabhängigen Getriebenen, diesem literarischen Genie. Sein schmales Gesamtwerk hat ihm zwar einen Platz im Olymp der Poesie verschafft, aber keinen in der gegenwärtigen populären Wahrnehmung, sind Trakls symbolistisch-dunkle Gedichte in ihrer schwebenden Atmosphäre des Irrealen doch ausnehmend verrätselt und ungeheuer schwermütig. Passend dazu führte er eine von Ängsten und Depressionen dominierte Existenz, der 1914 nach nur 27 übermäßig kräftezehrenden Jahren ein tragisches Ende gesetzt wurde. Wohl durch Selbstmord.

Scheitern als Erlösung

Jene in ihrer exaltierten Misere geradezu spektakuläre Biographie nutzt Drehbuchautorin Ursula Mauder wie einen historisch verbürgten Rahmen, um eine weitgehend erfundene Geschichte über (Geschwister-)Liebe als Akt elementarer Selbstzerstörung zu entwerfen. Tatsächlich pflegte Trakl eine höchst innige Beziehung zu seiner Schwester Grete, wobei der Inzest zwar wahrscheinlich ist, freilich unbeweisbar bleibt. „Tabu“ hingegen macht die Fiktion zum Fakt, probiert sich an der Darstellung von Maß- sowie Bedingungslosigkeit und bastelt gleichzeitig am Bild des gepeinigten Künstlers.

Georg Trakl (Lars Eidinger), aufgewachsen in Salzburg, kann weder mit noch ohne Grete (Peri Baumeister) leben. Er flieht zur Pharmazieausbildung nach Wien, wohin sie ihm zum Musikstudium alsbald folgt. Beider Liebe ist ebenso absurd absolut wie ohne jede Chance auf Zukunft, weshalb der manisch leidende Trakl die ungestüm-emphatische Grete zu einer Hochzeit mit ihrem Professor Albert Brückner (Rainer Bock) drängt. Sie fügt sich. Gleichwohl kommen die zwei nicht voneinander los. Ihr Dasein ist derart ineinander verhakt, daß nur der Tod sie trennen kann. Erst das Scheitern bringt Erlösung.

Schicksalhafte Radikaliät

Leid, Schuld, Verfall und Tod sind in ihrer beherrschenden Schicksalhaftigkeit primäre Motive in Trakls lyrischem Universum, gegen die auch eine ohnehin fatale Liebe nichts mehr ausrichten kann. Eine ähnliche Radikalität strebt ebenfalls Regisseur Christoph Stark an, bleibt inszenatorisch allerdings narrativer wie visueller Konvention verpflichtet. Sinnlichkeit und Wahn, Leidenschaft und Zerrissenheit werden eher ausgestellt, kaum erfühlt, so wie Hauptdarsteller Lars Eidinger sich Trakls ruhelose Hypersensibilität mehr erspielt, denn lebt. Theatrale Wucht quillt ihm aus jeder Pore, Freude an schwierigen Charakterrollen, Hingabe an die schauspielerische Herausforderung. Doch das ist nicht identisch mit der Hingabe an einen komplizierten, zutiefst melancholischen Menschen. 

Ohnehin will „Tabu“ kein authentisches Künstlerportrait konzipieren, sondern sich mit intendierter Tiefgründigkeit an übergroßen Gefühlen, an Obsessionen jenseits gesellschaftlicher Normen abarbeiten, die die Betroffenen zu Außenseitern machen. Gleichzeitig befeuert der Film den Mythos vom besessenen Künstler, der Schmerz und Sehnsucht zur Reife benötigt. Solch allzu einfacher Kurzschluß zwischen Lebensweg und Werk mag griffig sein, auch durchaus medienwirksam, wird aber keineswegs der Komplexität eines Dichters gerecht. Schon gar nicht der von Georg Trakl, dessen Oeuvre sich durch kunstvolle Vieldeutigkeit bis hin zu hermetischer Metaphorik auszeichnet.

Suggestive Poesie

Den verirrt Suchenden und verloren Liebenden, also das archetypisch menschlich Abgründige, welches die Kreativen hinter „Tabu“ offensichtlich aufstöbern wollten, läßt sich nur schwer einfangen. Auch Bogumil Godfrejow gelingt es trotz seiner ambitioniert atmosphärischen Kameraarbeit nicht wirklich. Zwischen den grandios suggestiven Worten Trakls – teilweise werden Auszüge seiner Gedichte rezitiert ? und den gewollt bedeutungsschweren Bildern besteht eine unüberwindliche Diskrepanz. Während Trakl in seiner Poesie ambivalente Sinnkorrespondenzen einer autonomen Welt voller magisch-mystischer Zusammenhänge heraufzubeschwören verstand, bleibt die Dramaturgie von „Tabu“ der bewußten Anschaulichkeit verpflichtet, versteht Intensität, ob Liebe als Qual oder Leben als Hölle, nur als etwas physisch Greifbares und visuell Anschauliches. Da markieren Georg und Gretes geheime Ausflüge in wildromantische Schluchten den Gipfel des Verbotenen und sind die zerzaust in Trakls Stirn hängende Haarsträhnen der Ausdruck heftigster innerer Konflikte. 

Und das ist vielleicht keineswegs als Kritik zu verstehen. Nicht, weil Film ein visuelles Medium ist und an das Bild gebunden wäre, denn bekanntermaßen kann Kino mehr als „zeigen“. Sondern weil es für Trakls Sprache möglicherweise keine adäquate Optik gibt und die Betrachung einzelner biographischer Splitter wiederum keinen zwingenden Rückbezug auf den Künstler zuläßt. In Anbetracht von „Tabu“ möchte man beinahe mal einen unter Cineasten untypischen Ratschlag geben: Statt schauen, besser Trakls kühne Lyrik lesen.

(von Nathalie Mispagel)

Tabu – Es ist die Seele … ein Fremdes auf Erden

Regie: Christoph Stark
mit Lars Eidinger, Peri Baumeister, Rainer Bock, Petra Morzé
In Verleih von Camino Filmverleih GmbH

Kinostart: 31. Mai 2012

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