„Superclassico“ – Über die Unbeschwertheit von Konflikten

Miese Ehe in Dänemark, glückliche Scheidung in Argentinien und zwischendurch der ganz normale Beziehungswahnsinn. Die dänische Komödie „Superclassico“, ab 3.5. im Kino, versucht sich am interkontinentalen Culture-/Love-Clash.

Frisch verlobt und frisch geschieden (v.l.n.r.: Anders W. Berthelsen, Paprika Steen, Sebastian Estevanez) – Fotograf: Shazia Khan


Von Kopenhagen nach Buenos Aires

Es ist wieder einmal soweit: Das wichtigste Fußball-Derby in Buenos Aires, der sogenannte „Superclásico“ zwischen den Vereinen Boca Juniors und River Plate steht bevor. Zeitgleich treffen Christian (Anders W. Berthelsen) und sein 16jähriger Sohn Oscar (Jamie Morton) aus Kopenhagen in der Megametropole ein. Ihre Sorgen sind freilich nicht sportlicher Natur. Anna (Paprika Steen), deren Ehefrau bzw. Mutter, lebt seit knapp einem Jahr als erfolgreiche Fußballmanagerin in Argentinien und will jetzt die Scheidung wegen Juan Diaz (Sebastian Estevanez), populärer Fußballstar sowie Latin Lover. Christian hingegen hofft auf späte Versöhnung mit der Gattin, Oscar auf… eigentlich gar nichts. Er befindet sich in einer postpubertären Identitätskrise und redet kaum.

Angesichts des dänisch-argentinischen (Liebes-)Tohuwabohus kann es einem aber auch die Sprache verschlagen. Der nervlich indisponierte Christian leidet unter der subtropischen Hitze und wird zu allem Überfluß von Juans ältlicher Haushälterin Fernanda (Adriana Mascialino) unmißverständlich bedrängt. Anna wiederum sucht einerseits den Gefühlskick, findet sich andererseits für ihren feurigen Flankengott zu alt. Juan badet gerne nackt, ist überhaupt ein impulsiv-offenherziger Typ, braucht allerdings zum Unterzeichnen der Scheidungspapiere wegen Untreue den Beistand eines Priesters. Da muß selbst Oscar, bislang auf existenzialistischen Pfaden wandelnd, kapitulieren: Auf solche Alltagsabsurditäten konnte auch seine eifrige Lektüre von Kierkegaard und Camus nicht vorbereiten.

Von Humor zu Albernheit

Hier kühles Europa, dort hitziges Südamerika; hier Beziehungsaltlasten, dort Flirts mit der Zukunft – zwar kein originelles, gleichwohl durchaus tragfähiges Konzept für einen nett-witzigen Film. In „Superclassico“ wird es zudem mit einer schrägen Kommunikationsvielfalt angereichert, wenn sich Dänisch, Spanisch, Englisch und die Sprache der Liebe gegenseitig behindern, dabei geschickt ergänzen. Keine Frage, die Drehbuchautoren Ole Christian Madsen, auch Regie, und Anders Frithiof August haben zwecks Erheiterung jede nur denkbare Komplikation in den komödiantischen Ring geworfen, von Raub durch hilfsbereite Straßendiebe über Verlobungsfeiern zusammen mit Neu- und Ex-Mann bis hin zu einem kuriosen Ohrfeigenaustausch unter besorgten Vätern.

Mit dem richtigen Tempo erzählt und viel Sinn für Situationskomik weiß die schlichte Story auch über weite Strecken zu unterhalten. Trotzdem fügt sie sich nie zu einem Ganzen. Eben versprüht sie noch die Frische eines lässigen Zusammenpralls der Kulturen, da setzt sie plötzlich surreale Akzente, als Oscar – er hat sich derweil dem allgemeinen Emotionswirrwar angepaßt und sich in die Fremdenführerin Veronica (Dafne Schilling) verliebt – zwei Schaben leidenschaftlich Tango tanzen sieht.

Dann wieder gleitet das Geschehen ins derb Burleske ab, wenn Fernanda – gesichtsmäßig vielleicht 60 alt, jedoch mit dem (schönheitsoperierten) Körper einer 40jährigen ausgestattet – den unschuldig badenden Christian sexuell geradezu überfällt. Das mag für einen billigen Gag gut sein, trübt in seiner dramaturgischen Deplaziertheit jedoch den Eindruck von sommerlich-luftigem Entertainment.

Von Tradition zur Leichtigkeit

Was „Superclassico“ dennoch sympathisch macht, ist der entspannte Umgang mit Lebens- bzw. Familienmodellen. Anstatt sich am Traditionellen festzuklammern, feiert der Film die Vielfalt. Liebe mag ewig dauern, Ehen können hingegen zerbrechen, aber bei entsprechendem Wohlwollen aller Beteiligten in etwas Fundamentales wie freundschaftliche Achtung umgewandelt werden. Dass das natürlich ein Ideal ist, wird in dieser munter-harmlosen Komödie übermütig verhandelt und von der Voice-over eines unbeteiligten Beobachters mit wissender Lakonie kommentiert.

Am Ende läuft wieder alles auf Improvisation und Kompromiß als Essenz menschlicher Gemeinschaft hinaus. Und auf die Erkenntnis, daß nicht Toleranz oder Sprachkenntnisse die Völker zueinander rücken lassen, sondern die kollektive Erfahrung von missratenen Beziehungen. In der schönsten Filmsequenz hockt Christian seelisch angeschlagen an der Bar einer argentinischen Kneipe und hört sich die Klagen seines Sitznachbarn über Liebesleid und Scheidungsfrust an. Christian nickt mit inbrünstigem Verständnis. Er kann das Gehörte bestens nachvollziehen. Wen interessiert da noch, daß er eigentlich kein Wort Spanisch spricht?!

(von Nathalie Mispagel)

SUPERCLASSICO… MEINE FRAU WILL HEIRATEN!

Regie: Ole Christian Madsen
mit Anders W. Berthelsen, Paprika Steen, Jamie Morton u.v.a.
Dänemark 2011

Kinostart: 19. April 2012

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