Summääh in the City

Britanniens pfiffigstes Schaf verschlägt es in die große Stadt und erstmals auf die Leinwand. „Shaun das Schaf – Der Film“, ab 19.3. im Kino, bietet vollkommenes Vergnügen.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

 

Ein extra-schafes Filmvergnügen

Unter Freunden auf der Farm

Nichts ist schöner als von morgens bis abends auf einer grünen Wiese zu leben, über sich den strahlenden Himmel, neben sich die friedlichsten Gestalten dieses Universums. Könnte man meinen, meint aber nicht Shaun, den die Routine zwischen Schlafen, Grasen und Geschorenwerden tierisch langweilt. Findig wie er ist, organisiert er mit seinen wolligen Kumpels einen Fernsehnachmittag im Haus des Farmers. Was als kleine Auszeit gedacht war, geht allerdings derart schief, daß sich am Ende der Bauer mit Gedächtnisverlust in einem städtischen Krankenhaus wiederfindet und die Schafherde samt Hütehund Bitzer zu seiner Rettung anrückt. In der City herrschen freilich andere Gesetze als auf dem Land, vor allem gibt es dort einen rabiat-überambitionierten Tierfänger mit Cop-Allüren. Doch der sympathisch-kesse Shaun, der kleine Timmy, die dicke Shirley und Co. werden einen Weg zurück auf ihren heimatlichen Hof, die ’Mossy Bottom Farm’, finden: Mit scha(r)fem Verstand geht eben alles! 

Schon der Vorspann zu dem süßen Song „Feels Like Summer“ ist ein Genuß. In kurzen Sequenzen wird Shauns und Bitzers Jugend auf vom Farmer selbst gedrehten Super-8-Filmen dargestellt, wie dieser, eine Art Vaterfigur, sie großgezogen hat und wie sie zusammen mit den anderen Schafen eine fröhliche Patchworkfamilie aus Zwei- und Vierbeinern wurden. Dieses herzige Szenario schafft nicht nur die rechte Atmosphäre, sondern setzt den Grundton für eine Story, die von Freundschaft und Solidarität handelt, vom kleinen Spaß im Augenblick und vom großen Glück, Teil einer echten, gleichwohl chaotischen Gemeinschaft zu sein. Hier wird keiner zurückgelassen; wer täglich gemeinsam blökt, der ist auch für härtere Herausforderungen gestählt.

Ohne Worte im Großstadtdschungel

Shaun erblickte 1995 das Licht des Fernsehschirms in dem oscarprämierten Kurzfilm „Wallace & Gromit – Unter Schafen“, damals noch als versehentlich geschorener Nebendarsteller. Seither konnte nicht nur Shaun, sondern auch die in den 1970er Jahren gegründete britische Filmproduktionsgesellschaft „Aardman Animations“ eine formidable Karriere hinlegen. Ihr Spezialgebiet, die Claymation, hat sie zur ästhetischen wie narrativen Vollendung gebracht und der Welt die hinreißendsten aller möglichen Knetfigürchen beschert. Darunter das legendäre Schaf Shaun, das seit 2007 eine eigene, weltweit erfolgreiche Fernsehserie (samt Spin-off „Timmy das Schäfchen“) mit bislang 130 Folgen von jeweils sieben einfallsreichen, dialoglosen Minuten besitzt. Zeit genug, um sich auf einen rund eineinhalbstündigen Spielfilm vorzubereiten. „Shaun das Schaf – Der Film” ist der sechste Langfilm von Aardman Animations und der erste nur mit Toneffekten.

Im Gegensatz zur Serie, die stets auf dem bzw. in unmittelbarer Umgebung des Bauernhofes spielt, sucht sich die herrlich ausgelassene Verfilmung ein offeneres Betätigungsfeld, nämlich ’the big city’. Damit wird ein breiter erzählerischer Bogen gespannt, innerhalb dessen die episodische Struktur bestehen bleibt. Auch die anderen Qualitäten, allesamt nach dem Prinzip ’schlicht, aber schlau’ gestaltet, sind erhalten, ob der köstliche Slapstick, die launige Situationskomik oder die parodistischen Kabinettstückchen. Allein die Stop-Motion-Technik verleiht den Protagonisten einen speziellen eckigen Charme, der sich in der skurrilen Story niederschlägt und ihren Rhythmus wie ihr hervorragendes Timing bestimmt. Überhaupt ist die muntere Handlung fast schon als character-driven zu bezeichnen, bringt doch der Erfindungsreichtum von Shaun erst den Plot zum Laufen und dessen Twists zum Durchdrehen.

Gesprochen wird hingegen nichts, sieht man vom unverständlichen Gemurmel der Menschen und einem gelegentlichen ’Määh’ ab. Reicht auch; die besten Geschichten brauchen bekanntlich nur wenige Worte. Und einen coolen Soundtrack, hier von Ilan Eshkeri komponiert, inklusive einer improvisierten Barber(sheep!)shop-Nummer im urbanen Hinterhof.

Mit Humor durch die Popkultur

Dabei hat „Shaun das Schaf – Der Film“ trotz einfacher Rollenprofile und überschaubarer Ereignisse viel zu berichten. Vom gemütlichen Land- und quirligen Stadtleben, von entdeckungsfreudigen Schafen und einsamen Hundestreunern, von bodenständigen Farmern auf der Suche nach ihrer verlorenen Identität und hysterischen Modefreaks auf der Suche nach dem aktuellen Kult. Per Zufall wird der Bauer nämlich zum Trendsetter, als er während eines lichten Moments einem Promi das Haar à la Shaun schert. Begeisterung bricht aus, bahnt sich mittels Facebook, Twitter, Blogging einen rasanten Weg, und schon hat die Stadt einen neuen Hype. Daß diese Frisur unter Schafen längst ein fragwürdiger Hit ist, gibt dem Geschehen seine ironische Würze.

Ohnehin zeichnet sich ’Shaun’ in Film wie Serie durch kuriose, nie bösartige Seitenhiebe auf die (Pop-)Kultur aus. Menschen sind schon komische Figuren, die zum Einschlafen Schäfchen zählen, angesagte Frisöre in Street-Art-Manier oder Christine-Keeler-Pose ablichten und in ihren OP-Sälen so schockierend viele Knochen herumstehen lassen. Bitzers Karriere als Chirurg ist nach Sichtung eines appetitlichen Skelettmodells jedenfalls schnell beendet. Und wenn dann noch die Tiere menschliche Marotten übernehmen, sind Humor und Parodie keinerlei Grenzen mehr gesetzt. Ein Kampfhund mit den Tätowierungen ’Bark’ und ’Bite’ auf den Pfoten oder eine Katze im „Das Schweigen der Lämmer“-Fieber dürften jedes Tierasyl bereichern.

Wobei gerade letzteres Beispiel zeigt, wie entspannt, gleichzeitig einfühlsam die Regisseure Richard Starzak und Mark Burton mit den Protagonisten umgehen. Kein Tier wird denunziert – außer vielleicht diese drei Rowdy-Schweine vom Bauernhof –, und allen Wesen – außer natürlich dem fiesen Tierfänger – wird ein echtes Happy-End zugestanden. Selbst das herrenlose Hundchen aus der City, das den Schafen uneigennützig zur Seite steht, findet am Ende sein passendes Frauchen. Ein Grund zum Lächeln trotz Wildwuchs-Gebiß!

Hinter dem Zeitgeist und stets vorweg

„Shaun das Schaf – Der Film“ kommt schwungvoll, spaßig und spritzig daher, ist trotzdem altmodisch im besten Sinne des Wortes. Die (beinahe…) Heile-Welt-Idylle eines Bauernhofes wird zum ersehnenswerten Miniaturkosmos, Stille und Freundlichkeit erscheinen plötzlich als Kulturwert, Kameradschaft avanciert zum größten Schatz unter Menschen wie Schafen. Mechanik spielt dabei eine wichtige Rolle, nicht nur hinsichtlich der ulkigen, von Shaun erdachten Maschinen, sondern ebenfalls bezogen auf die Filmtechnik. Handgemachte Plastilinfigürchen sind definitiv Retro, in der von Aardman Animations präsentierten Form freilich schon wieder Avantgarde. So liebevoll mit den animalischen Charakteren umgegangen wird, so ausführlich wird sich einem geradezu göttlichen Detail- wie Ideenüberfluß gewidmet. Ob die als Menschen verkleideten Schafe wie einst die Beatles einen Zebrastreifen als ’Abbey-Road-Parade’ überqueren, ob eine Ente abgezähltes Toastbrot als Bestechungsgeld nimmt, ob sich der Bauer im schlaftrunkenen Zustand mit Insektengift deodoriert – stets ist der treffend knappe Gag nur Teil eines visuellen wie textuellen Raumes, in dem es weitaus mehr zu sehen und zu denken gibt als erwartet.

Cineastisch betrachtet wandelt ’Shaun’ auf den traditionellen Stummfilm-Pfaden eines Buster Keaton: keine Worte, dafür verrückte ’physical comedy’; keine nennenswerten (Sprach-)Barrieren, dafür extravagant chaotische Dynamik voll trockenen Humors. Nicht nur Shaun und seine Gefährten wollen zurück zur Natur, na ja: zur unaufgeregten Sensation eines Farmdaseins. Auch ihre menschlichen Gestalter frönen einer Zurück-zu-den-Wurzeln-Kinematographie, die gleichzeitig Reduktion und Fülle feiert. Insofern spricht dieser Film keineswegs nur Kinder an. Sein Charme und Witz verzaubert vielmehr alle, die sanftmütige Anarchie in Kombination mit nuancierter Kinokunst lieben, also ebenso zarte wie aufmüpfige Seelen sind. Und ein junges Hirn haben. Am besten schaut man sich den Film mit ’good old friends’ an.

Übrigens: Die Befürchtung, daß man bei derart vielen Schäfchen einschlafen könnte, ist völlig unbegründet. Hier gibt es wilde Abenteuer bis zum Finale, wobei das letzte Schaf auch nicht das Licht ausmacht. Das letzte Schaf… fegt! So werden Kinomythen geboren.


Shaun das Schaf – Der Film

Regie: Mark Burton, Richard Starzak

Mit Justin Fletcher, John B. Sparkes, Andy Nyman

Starttermin: 19. März 2015 (1 Std. 25 Min.) 

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