Südstaaten-Sommer zwischen Traum und Wirklichkeit

Sommer 1967 in den Vereinigten Staaten. Während Martin Luther King noch um die Verwirklichung seines Traums von einer besseren Welt kämpft, hat die zwölfjährige Cecilia Rose Honeycutt längst ausgeträumt.

© Pierre-Joseph Redouté/Wikipedia

Eine Frau in einem alten, verblichenen, bauschigen Ballkleid, ein glitzerndes Diadem schief in der zerzausten Frisur, das Make-up verschmiert, läuft ohne sich umzusehen auf die Straße. Der Fahrer des Eiswagens hat keine Chance sie zu sehen. Zurück bleibt nur ein Paar roter Schuhe, wo gerade noch ein Mensch stand. 

Beth Hoffmans Erstlingsroman ist ein leichtes, luftiges Sommerbuch darüber, wie ein vernachlässigtes Kind seinen Platz in der Welt findet. Cecilia Rose Honeycutt, Hauptfigur und Erzählerin, hat stillschweigend die Rolle als Oberhaupt und Bindeglied ihrer zerbrechenden Familie angenommen. Ihre Mutter Camille ist in Georgia aufgewachsen, umgeben von Familie und Freunden. Nach der Hochzeit mit Handelsvertreter Carl zogen die beiden nach Ohio. Dort fiel es ihr schwer Kontakt zu den deutlich zurückhaltenderen Menschen aufzubauen, nie schlug sie dort wirklich Wurzeln. Als Carl immer öfter und länger unterwegs ist, oft nur die Wochenenden mit ihr verbringt, bleibt nur die kleine Tochter als Gesellschaft. Der verspricht sie beständig: „Cecilia Rose, wir gehen nach Georgia. Du sollst das wahre Leben kennenlernen. Die Frauen dort ziehen sich so hübsch an. Und die Leute sind freundlich und zuvorkommend – es ist alles ganz anders als hier.“

Das Ende eines Sahnebaisers

Auf Dauer scheint sie der Einsamkeit und (Gefühls-)Kälte des Nordens nicht gewachsen zu sein. Aus Sehnsucht nach dem Süden flüchtet sich ihr Geist dorthin, zurück zum vermeintlich glücklichsten Augenblick ihres Lebens: dem Jahr 1951, als sie Zwiebelkönig wurde. Die schönen Ballkleider mit passenden Schuhen, die Diademe und Handschuhe – all diese Dinge, die sie an jenen Sehnsuchtsort zurückkehren lassen, hütet sie wie Schätze. Das Paar roter verschlissener Satinschuhe wird zum Sinnbild des Niedergangs der Familie, aber auch der zunehmenden geistigen Verwirrung Camilles. Immer wenn Cecilia die roten Schuhe sieht weiß sie genau: Heute ist keine guter Tag. Aus Scham vergräbt sie sich in Bücher und die Schule. Freunde hat sie keine. Niemand der ihr die Geborgenheit gibt, die ihr schon von den Eltern vorenthalten wird. Das Leben mit der Mutter wird zur ständigen Gefühlsachterbahn.

„Sie wurde so unberechenbar, dass ich nie wusste, was mich nach der Schule zu Hause erwarten würde – ein Teller pappiger, halb gebackener Plätzchen oder gedämpfte Schluchzer, die unter verschlossenen Zimmertüren hindurchdrangen.“ Der Vater hat keinen Sinn und kein Verständnis, wenn die Tochter nach Hilfe für die entgleitende Mutter verlangt, die sich mit üppigen Tüllröcken alter Ballkleider aus dem Wohltätigkeitsladen ausstaffiert.

Was zeitlebens ihr Ziel war, erfüllt sich nach dem Tod der Mutter auf andere Weise: Cecilia kommt in den Süden. Sie wird künftig bei Ihrer Großtante Tallulah, genannt Tootie, leben. Dort findet sie ein Zuhause das diesen Namen verdient und Freundinnen, die ihr an Alter zwar weit voraus sind, die die kluge und warmherzige Cecilia aber sofort in ihre Herzen schließen. Vor allem Tooties dunkelhäutige Köchin Oletta wird zum wichtigen Bezugspunkt. „Sie roch nach warmem Zimt, nach Güte und Freundlichkeit“ – und all das wird Cecilia von ihr zuteil. 

 

Beth Hoffmann: Die Frauen von Savannah

Die Welt der Frauen

„Die Frauen von Savannah“ werden zu ihrer neuen, teils selbstgewählten, teils scheinbar vom Schicksal vorherbestimmten Familie. Bei ihnen findet sie die Liebe und Geborgenheit, die sie bislang entbehrte. Endlich kann sie an der Schwelle zum tatsächlichen Erwachsenwerden wirklich Kind sein; frei von erdrückender Verantwortung, dafür mit hinreichend Unterstützung, blüht Cecilia Rosa auf. Sie lernt ein Leben kennen, in dem Anteilnahme und liebevolle Zuneigung herrschen. Die Angst vor der ererbten psychischen Labilität schwindet. Durch das Fotografieren findet sich eine neue kreative Ausdrucksform, ein Ventil. Ein rassistischer Überfall sorgt hier nur für kurze Irritation, nicht wie im Klappentext vollmundig verkündet für größere Gefahr.

In dieser Welt der Gartenpartys, der extravaganten Hüte und duftenden Zimtschnecken haben die Männer keinen Platz. Die schon im Titel angesprochenen Frauen sind so überlebensgroße Figuren, dass für das andere Geschlecht nur am Rande Platz bleibt. Als diese illustre Gesellschaft des „Ladies of Savannah Garden Club“ am Ende auch noch Platz für die alte Misses Odell, Cecilias Nachbarin und einzige Stütze aus Ohio findet, wird es des Zuckergusses dann aber fast zu viel. Ein bisschen weniger „alles wird gut, wenn du es nur willst“ hätte dem Buch nicht geschadet.

Beth Hoffmans Debüt ist wie ein kleiner Traum von einer besseren Welt, die es so wohl nie gab. Leicht und verständlich geschildert, dabei aber durchaus originell geschrieben. Echt und ehrlich, humorvoll und anrührend. Auch die Übersetzung von Isabel Bogdan wirkt stets stimmig. Durch die stringente Erzählstruktur, allenfalls durchbrochen durch kleinere Erinnerungsdetaills an die Mutter, ist der Roman die perfekte Sommerlektüre: leicht und luftig wie die Tüllröcke der Damen. Probleme werden zwar thematisiert, geraten aber bei Long Island Iced Tea und Kuchen schnell wieder in den Hintergrund. Statt der von Martin Luther King gesuchten „Brotherhood“ ist es hier die Schwesternschaft, die alle Rassen und Altersgruppen an einen Tisch bringt.

(Gisela Stummer, academicworld.net)

 

Beth Hoffman, „Die Frauen von Savannah“

Kiepenheuer & Witsch, 368 Seiten, 16,95 Euro

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