Streik!

Der größte Feind des Feminismus sind ja mittlerweile nicht mehr die Männer, sondern die biologische Uhr. Doch letzte Woche im SPIEGEL wollte mir die Redakteurin Claudia Voigt, die dort häufiger Artikel zu sogenannten „Frauenfragen“ veröffentlicht, weiß machen, dass Frauen doch alles haben können: Kinder und Karriere. Frauen sollten doch einfach während des Studiums Kinder bekommen. Da müsste man dann halt auf ein bisschen Spaß verzichten, doch dafür könnte man nach dem Abschluss dann voll durchstarten… Und so hätte man auch den Männern dann wieder mal ein Schnippchen geschlagen, die stets fluchtartig den Raum verlassen, sobald Enddreißigerinnen mit „mühsam gezähmter Panik“ und der „K-Frage“ auf den Lippen das Zimmer beträten.

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Selbst die Glücklichen, die dann noch einen Erzeuger für ihr einsames Einzelkind auf den letzten Drücker gefunden haben, tragen einen „wehmütigen Zug im Gesicht“, da sie ja, ach, mit Anfang zwanzig von viel mehr Windelscheißern geträumt hätten, die sie dann später  – hubs wie schnell die Zeit verfliegt beim Herumleben – nicht mehr hin bekommen. Doch Studium und Gehalt und Karriere waren wichtiger.

Ja hätten sie sich nur von irgendeinem oder mehreren Trotteln schon im Studium ein paar Kinder machen lassen, weil männliche Studenten ja so aufs Kindermachen stehen bzw. im Vollrausch im Wohnheim kann Frau sie ja zu fast allem überreden, da merken die sowieso keinerlei „gezähmte Panik „…voll gut ausgetrickst… da kann man dann auch mal ein zwei Wochen die Vorlesungen sausen lassen, wenn die Bälger die Windpocken haben. Scheiß auf die Note (im doppelten Sinne des Wortes): Hauptsache wir Frauen haben alles und nehmen dafür am besten die Doppelbelastung noch  vor dem Bachelor auf uns… und bei unserem Powerstudium sind dann mehrere Kinder auch erst maximal vier Jahre alt, wenn es mit dem Durchstarten los geht, aber die sind ja in dem Alter schon easy Selbstversorger, wenn es nach Frau Voigt geht…

Blöd eigentlich, dass die Wissenschaft das immer noch nicht im Griff hat mit der abnehmenden Fruchtbarkeit ab Mitte Dreißig. Männer die mit Mitte Fünfzig Kinderwägen schieben sind zwar peinlich und vielleicht hohlen sie sich auch beim vielgerühmten Ballspiel einen Hexenschuss (Väter in dem Alter wissen ja dann auch wie schädlich diese blöden Videospiele sind und dann hat man schon so lange auf Traumfrau und Traumkind gewartet und da muss man dann schon alles richtig machen…).

Aber immerhin haben sie ihre Traumanzahl Traumkinder mit ihrer zwanzig Jahre jüngeren Traumfrau (macht die dann eigentlich keine Karriere mehr oder vielmehr reicht ihr die Karriere als „jüngere Tussi“ mit Vaterkomplex? Oder macht sie dann doch noch Karriere, weil sie ja den viel älteren Chefarzt geheiratet hat…? Ich finde ja diese weibliche Bevölkerungsgruppe ist noch viel zu wenig in den Feuilletons besprochen und gemaßregelt worden…)

Liebe Frau Voigt: Nicht die Evolution hat hier den „Schlamassel“ angerichtet, sondern unsere Leistungsgesellschaft, die Männer und Frauen mit immer mehr narzisstischen Störungen heranwachsen lässt, die keine Kinder mehr wollen oder bei Kindern nur durchrechnen, wie weit ihre Selbstverwirklichung, ihr perfekter Lebensplan durcheinander gerät. Wahrscheinlich hatten diese Leute schon Eltern, die vorwiegend an ihren perfekten Leistungslebensplan gedacht haben und daher nicht genug Zeit hatten ihren Kindern liebevoll beizubringen, dass das Leben einfach so kommt, wie es kommt.

Ich weiß ja nicht in was für einer SPIEGEL-Karriere-Welt sie leben, aber in meiner Welt begegne ich ständig Männern, die sehr gerne Kinder haben möchten, auch noch mit Enddreißigerinnen, die sogar Waschmaschinen benutzen können, weil ihre Väter es ihnen beigebracht haben, da sie das nach ihren Scheidungen lernen mussten und die neue Freundin ein Kind mit in die Beziehung gebracht hat, was sie erst mit zweiundvierzig bekommen hat und bei ihrer Mutter parkt, die sich darüber teilweise sogar freut, während die Tochter keine Karriere bei BMW oder Siemens macht….

Wirklich Frau Voigt: Ich kann es nicht mehr hören, dass mir jemand erzählt, wie ich es richtig machen soll, damit ich alles haben kann, was die Leistungsgesellschaft für mich vorgesehen hat. Ich habe keinen Bock mehr auf Selbstverwirklichung und Karriere und passende Kinder. Denn ich bekomme dadurch nur das Gefühl, dass beim kleinsten Fehltritt mein Leben gescheitert ist und ich empfinde es als Unverschämtheit, dass sich jetzt auch noch andere (selbst)betroffene Frauen in mein Leben einmischen, weil sie glauben es kapiert zu haben, wie es richtig geht. 

Ich kann ja noch verstehen, dass die Männer ständig versuchen mir als Akademikerin zu erzählen, wie ich das alles hin bekommen soll, den die haben langsam echt Angst, dass keine von uns intelligenten Frauen mehr Kinder bekommen möchte und da können die ja ausnahmsweise mal keine Maschine erfinden, die uns ersetzt. Ätsch bätsch. 

Und ehrlich gesagt frag ich mich auch langsam, was so erhaltenswert ist an einer Kultur und einem Volk, das dermaßen matrixmäßig seine Menschenleben verplant für seinen kapitalistischen Leistungszuwachs. Tja, was wird wohl aus dem Arbeitsmarkt und den Rentenfonds und Aktien aller Schulranzen- und Süßigkeitenfirmen, wenn ich nicht mehr mitmache und mich weigere Kinder zu bekommen, wo doch unser Wirtschaftssystem angeblich so unabänderlich auf Wachstum ausgerichtet sein muss? Ach ja, dann wird man mich wahrscheinlich auch irgendwann mit diesem „wehmütigen Zug im Gesicht“ vorfinden. Aber wissen Sie was: Dagegen gibt es ja Botox. Und außerdem werde ich zukünftig jedem Hosenscheißer, dem ich begegne, ob es meine eigener ist oder ein fremder, beibringen einfach nur zu leben, ohne Karriere, dafür aber mit viel Spaß während des Studiums und im Job und mit viel Zeit für die eigenen Kinder, damit die nicht schon mit so einem „wehmütigem Zug im Gesicht“ in der Spielecke ihres Kindergartens hocken.

Katharina Ohana

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