Still got the Blues …

Mit „Kind of Blue“ hat Miles Corwin einen soliden, durschnittlichen Cop-Thriller geschaffen, der sich weder durch besondere Spannung noch durch allzu große Schnitzer auszeichnet. Ein Werk, bei dem eher die Freunde langsamen Ermittelns denn Fans von Action und schnellen Schnitten auf ihre Kosten kommen dürften.

Rezension "Kind of Blue"

Zurück im Dienst

Ash Levine ist ein typischer Lonesome Wolf. Nach dem durch ihn verschuldeten Tod einer Zeugin hat er bei der Polizei von Los Angeles den Hut genommen und sich selbst eine Auszeit gegönnt. Doch wie es eben so mit passionierten Schnüfflern ist, fehlt ihm schon bald die polizeiliche Routine und dem LAPD sein Sachverstand und seine Kompetenz. Als man bei der Suche nach den Mördern eines Polizisten im Ruhestand nicht weiterkommt, beschließt nun Ashs ehemaliger Vorgesetzter Duffy den Cop zu reaktivieren, da dessen Chefs nach dem besten Mann für den Fall verlangen.

Hin- und Hergerissen zwischen der Loyalität zum LAPD auf der einen Seite und der Enttäuschung über das Verhalten der Behörde nach dem Tod seiner Zeugin, die ihn einfach fallen haben lassen, beginn Ash mit seinen Ermittlungen und versucht die Hintergründe für den Mord an dem Pensionär herauszufinden.

Ruhiges Ermitteln

Der Roman beginnt sehr zögerlich und wer auf Krimis steht, bei denen die Handlung akzentuiert wird, wird von gut zwei Dritteln des Buches enttäuscht werden. Zunächst wird dem Leser die Figur Ash Levine und sein familiäres Umfeld näher gebracht. Sein Eltern sind beide Juden und sein Vater hat sogar den Holocaust überlebt, ehe er in die USA auswanderte und sich dort mit seiner jüngeren Frau niederließ.Das Judentum lastet wie als Bürde auf seinen Schultern und aufgrund seiner jüdischen Identität wird ihm sowohl privat in Gestalt seiner Mutter sehr zugesetzt als auch im Job, wo er sich diversen antisemitischen Anfeindungen gegenübersieht. Diese Beschreibungen nehmen viel Platz ein und erst allmählich greift Miles Corwin die Handlungsfäden auf und lässt Ash ermitteln. Und das tut er auch sehr strukturiert und durchdacht, weshalb Assoziationen zu Harry Bosch, dem Ermittler von Michael Connelly, der sich auch auf dem Klappentext lobend über das Buch äußern darf, nicht fehl am Platze sind. 

Die dominierende Ermittlungsarbeit wird breit aufgefächert (inklusive sämtlicher Sackgassen) und auch detailliert beschrieben. Dies mag zwar sehr realistisch sein, erfordert vom Leser aber auch einige Geduld und Durchhaltewillen. Insgesamt hätte dieser Teil eine deutliche Straffung vertragen können, da die Handlungen sich erst auf den letzten einhundert der 470 Seiten so richtig überschlagen.

Nichts Herausragendes

Will man abschließende Worte über das Werk verlieren, so trifft es „solider Durchschnitt“ wohl am besten. Das Buch weiß passagenweise wirklich gut zu unterhalten und zeigt auf eine in der Realität geerdete Weise polizeiliche Ermittlungsarbeit, doch mehr als über den Durchschnitt kommt das Werk zu keiner Zeit hinaus. Der jüdische Cop ist zwar interessant angelegt, doch Jazz hören und Surfen habe ich schon in dutzend anderen Büchern gelesen. Gerade was den letzten Punkt angeht, gibt es beispielsweise die überragenden Pacific-Bücher Don Winslows, die Ermitteln und Lebensart gekonnter zusammenbringen. Die Charaktere, die „Kind of Blue“ bevölkern, sind relativ eindimensional dargestellt und wer Action sucht, wird das Buch spätestens nach 100 Seiten zusammenklappen. Ein Buch, das etwas Durchhaltevermögen verlangt und Durchschnittsware, die man ruhig lesen kann, falls man Lust auf einen melancholischen Cop und Police Procedural hat, aber keinesfalls muss!

Marius Müller (academicworld.net-User)

Miles Corwin. Kind of Blue

9,99 Euro. Rowohlt

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