Starke Frau auf rauer See

„Vom anderen Ende der Welt“ heißt der Debütroman von Liv Winterberg. Allein die Recherche muss eine beträchtliche Arbeit gewesen sein – hat sich aber gelohnt. Winterberg lässt den harten Alltag der Seefahrer im 18. Jahrhundert plastisch und deutlich vor dem inneren Auge des Lesers entstehen.

Nach unendlich langer Zeit auf See ohne die Ahnung von Land legt das Forschungsschiff „Sailing Queen“ auf Tahiti an. Die Männer können gar nicht schnell genug ihre Füße auf festen Untergrund bekommen nach all dem Leid und den Entbehrung der Reise – nur eine Person ist etwas zögerlich. Zurecht. Denn kaum hat sie das Schiff verlassen wird Mary Linley – oder Marc Middleton, wie ihre Reisegefährten sie nennen – von den Bewohnern des tropischen Paradieses als Frau erkannt und bedrängt. Da erst wird auch ihren Freunden und Kollegen klar, dass der junge Botaniker eine Botanikerin ist. Und die erste Frau sein wird, die eine Weltumsegelung hinter sich bringt.

Nach einem „echten“ Vorbild

Die Figur dieser willensstarken Frau, die alle gesellschaftlichen Konventionen im England des 18. Jahrhunderts über Bord wirft und entgegen dem Willen ihrer letzten lebenden Verwandten zu diesem großen Abenteuer in See sticht ist nicht bloße Fiktion. In vielem beruht die Geschichte von Mary auf einem tatsächlichen Vorbild: Jeanne Baret hieß diese bewundernswerte Frau. Auch diese junge Forscherin riskierte für ihre Berufung – die Wissenschaft und Forschung – ihr Leben und ihren guten Ruf. Und der war in diesen Tagen eigentlich fast noch mehr wert als das Leben. Man stelle sich vor: Eine junge Frau, Monate, gar Jahre fern der Zivilisation allein unter Männern  und die Seeleute dieser Tage waren wahrlich keine Gentlemen erster Güte …

In starken Bildern und bewegenden Schlaglichtern veranschaulicht die Autorin den harten Alltag auf See, die Methoden von Wissenschaft und Medizin. Mit liebevollem Blick folgt sie den Männern – und Mary –  einmal um die Welt. Wann fühlt das Schwanken des Schiffes fast körperlich. Dass die Protagonistin etwas zu rosig gezeichnet wird und manche zeitlichen Brüche etwas abrupt wirken kann man dieser abenteuerlichen Geschichte, die mitnichten der seichte Liebesroman ist, als den es der Klappentext verkaufen will, durchaus verzeihen. Ja, auch manche Charaktere und Dialoge hätten etwas mehr Tiefgang vertragen können, doch der flüssige, sympathische und phasenweise regelrecht mitreißende Schreibstil dieses Debütromans machen das problemlos wett.

An ihrem zweiten Buch schreibt Liv Winterberg bereits. Dann nimmt sie den Leser mit ins Frankreich des 15. Jahrhunderts – man darf gespannt sein.

 (Gisela Stummer, academicworld.net)

 

448 Seiten

dtv premium (Juni 2011)

14,90 Euro

Stand Juli 2012
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