Star-Religion

In der Kunsthalle Schirn in Frankfurt gibt es gerade eine sehr interessante Ausstellung über Paparazzi. Sie zeigt das Spiel zwischen den Fotographen und den Stars als zentrales Element unserer heutigen Kultur.

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Diese Inszenierung von Prominenz als „höhere Weihe“ ist für viele Menschen zu einer Art Religionsersatz geworden: Die Fotos und Geschichten rund um die Stars sind zu einem zentralen Element ihres psychischen Gleichgewichts geworden, so wie es all die Heiligen und Götzenkulte aus früheren Zeiten für unsere Vorfahren waren. So wie die christliche Religion, mit ihrem Glauben an die Erhebung der individuellen Seelen in ein jenseitiges Paradies, das mühevolle Leben der Gläubigen im Gleichgewicht hielt, so sind es die heutigen Stars in ihren fiktiven Paradiesleben, die die Sehnsüchte der geplagten Menschen binden. Bilder sind das zentrale Transformations- und Anbetungsmedium in dieser Glaubensgemeinschaft. Sie sind genauso, wie die Bilder in den Kirchen, das Element, dass die Sehnsüchte und Erwartungen fokussiert: Sie rufen Emotionen hervor und binden sie gleichzeitig. Unsere tiefen Wiedergutmachungsphantasien, aber auch Ängste oder Wut finden hier endlich einen Ruhepol.

Der Star betätigt sich in Feldern, die für uns als angenehm gelten: Er hat ein besonders Talent und ist damit sehr erfolgreich, er ist schön, reich, gut gekleidet, fährt schöne Autos,  er hat Freiheiten, er darf immer an den schönsten Orten und Festen ganz vorne dabei sein, er bekommt Bewunderung. All die Dinge, die im modernen Leben als toll und erfüllend gelten, die normalerweise selten und nur mit großen Mühen zu haben sind (wenn überhaupt) hat der Star, das Model oder It-Girl (mit dem gewissen Extra), der erfolgreiche Sportler, Schauspieler, Politiker, Musiker. Gleichzeitig ist er doch ein  Mensch, mit Liebeskummer, Hochzeitsplänen, Kindern. Das hält die Nähe zu den anderen Menschen, schafft Identifikation. Der Star, den wir gut finden, wird quasi von uns ausgewählt, um das Leben zu leben, das wir gerne hätten. Er darf auch ein paar Rückschläge haben, muss dann aber wieder in den besseren Lebenssphären verweilen, sonst stürzt er zurück zu den normalen Menschen – und wird dafür verachtet, wie ein gefallener Engel. Aller Neid, Frust und Enttäuschung wenden sich gegen ihn. Er hat die Sehnsucht und Bewunderung und Hoffnung seiner Fans verraten und das Traum-Stütz-Korsett gefährdet.

Es gibt auch negative Figuren unter den Stars, die aber nicht banal sind, sondern sich nur das trauen, was wir uns gerne trauen würden: Völlige Rücksichtslosigkeit. So wie früher schon der Teufel als Negativ-Star des Christentums eine große Faszination hatte, gibt es heute Putin oder Rumsfeld oder Berlusconi, Nick Jackelson, Paris Hilton (kennt jemand jemanden, der Paris Hilton mag oder je mochte?), Marc Zuckerberg. Sie werden respektiert für ihre Dreistigkeit, ihren Machtwillen oder ihren Reichtum, aber es ist eine Art negativer Respekt. Selbst Hitler hat für uns mittlerweile die Faszination von: Wie konnte jemand mit diesem Auftreten, Verhalten, Aussagen durchkommen?! Wie konnte jemand dermaßen mit seiner verzerrten, egomahnen Weltsicht sich so durchsetzen?!

Der christliche Gott hat ja die Eigenart/Besonderheit Mensch geworden zu sein. So wie Gott und seine Familie und deren Geschichten in der Bibel erzählt werden, erzählen die Boulevardmagazine die Geschichten der heuten Stars. Nur: Wir werden heute nicht erst im Paradies auf das perfekte Leben stoßen. Nein, es ist jetzt schon, hier, unter uns. Auch normalen Menschen können plötzlich in den Sternenhimmel aufsteigen. Der schwedische Prinz hat sich gerade mit einem Starlett aus einem Real-Life-Format verlobt. Sie wird zukünftig Prinzessin sein und neben dem Fitnesstrainer-Gatten ihrer Schwägerin das Starleben leben, das die globale Religionsgemeinschaft für toll befindet. Es kann jeden treffen: Heute noch unbekannt, kann jeder morgen durch einen glücklichen Zufall oder eine Casting-Show die Himmelfahrt antreten. Es kann den eigenen Sohn oder die eigene Tochter  oder Schwester treffen und schon ist man als Mutter-Kazenberger oder als Schwester der zukünftigen Königin von England selbst ein Teil der Traumwelt. 

Auch wenn die todgesagten Print-Medien  und  das veraltete Fernsehen mit Boulevard-Themen immer noch hervorragend funktionieren: Das Internet hat dem ganzen Starkult noch mehr Vorschub geleistet. Die täglichen Frühmessen sind heute ein paar Klicks durch die Online-Promimagazine. Und die Ikonen werden immer banaler: Die It-Girls und Models werden nur noch verehrt für ihr bloßes Dasein in der Dauerselbstinszenierung. Hier wird der tiefe infantile Wunsch gebunden, einfach so geliebt und bewundert zu werden, nur dafür, dass man da ist. Man darf alles, ist überall dabei, wird ohne Gegenleistung beschenkt (normalerweise endet dieser Traum einer perfekten Kindheit ja für normale Menschen bei der Einschulung). Sobald es um Prominente geht, ziehen die Bilder ,wie ein Blitzableiter der Psyche, unsere Sehnsuchtsprojektionen, genauso wie unsere Wut- und Neidurteile an. Auf Facebook können wir so tun, als wären wir wirklich verlinkt mit den Prominenten, dabei sind wir nur Follower. Und trotzdem braucht es eben auch den Abstand, damit der Glaube an das perfekte Leben funktioniert.

Wer das lächerlich oder banal findet oder glaubt es handle sich hier um einen endgültigen Absturz der menschlichen Psyche, der sei darauf hingewiesen:  Auch das christliche Paradies hatte immer schon diese Realitätsnähe, überhöht mit irrwitzigen Perfektionsvorstellungen. Höhere Wesen wogen unsere Seelen und wir durften mit ihnen selig auf Wolken schaukeln, weil wir doch so gut waren, in unserem Alltags-Leid. Man saß dann für immer zusammen mit den Heiligen, schaute herunter auf das Leid der noch Lebenden  und gebratene Hühner flogen durch die Luft.  Kirchen und Tempel von Rom bis in den Himalaya sind mit Bildern dieser allzumenschlichen Befindlichkeiten ausgeschmückt. Terroristen töten für ihr Paradies und man wird angeklagt, wenn man die religiösen Gefühle von Gläubigen verletzt. Ehrlich gesagt ist mir da der Starkult doch noch die liebste Religion. All der menschlichen Narzissmus, Egoismus, unsere ganze Banalität, die wir zu etwas göttlichem umdichten, bleibt hier deutlich sichtbar: Der ganze Mensch in seiner Angst und Sehnsucht wird wenigstens nicht auch noch in die Ewigkeit geschickt oder mit höherer Bedeutung geadelt. 

Mesut Özil hat während der WM nach dem Spiel gegen Ghana gefacebookt: „Der Löwe ist mein Lieblingstier“. 170 000 Likes hat er dafür bekommen. Mehr Banalität geht nicht. Deutlicher ist der Mensch nicht zu fassen. 

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