Stampede des Stumpfsinns

Aliens bedrohen die Erde! Kennen wir schon. Die Menschheit rüstet mittels Mega-Maschinen zum Gefecht! Ebenfalls vertraut. In der Krise werden Außenseiter zu Helden! Auch nicht neu. Was bietet das Science-Fiction-Actionspektakel „Pacific Rim“, ab 18.8. im Kino, also Innovatives? Ehrlich gesagt: nichts. Das wird freilich mit hämmernder Wucht präsentiert.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

„Heute am Rande unserer Hoffnung, am Ende unserer Zeit, haben wir uns entscheiden, aneinander zu glauben. Heute stellen wir uns den Monstern, die vor unserer Tür stehen!“: Pacific Facepalm

Fighting Aliens

Da durchforstet man das All nach Außerirdischen und hätte anstatt nach oben besser nach unten geschaut. In den Tiefen der Ozeane lauert nämlich das wahre Grauen in Gestalt riesenhafter Bestien, die eines Tages den Fluten entsteigen und innerhalb weniger Jahre den gesamten Planeten an die Grenzen seiner Überlebenskräfte bringen. Um die Ungeheuer, Kaijus genannt, zu vernichten, haben die Menschen gigantische, bemannte Kampfroboter konstruiert. Diese sogenannten ’Jaeger’ werden von zwei Piloten gesteuert, deren Gehirne neuronal gekoppelt sind. Doch selbst solch’ abenteuerlichen Experimente können nicht verhindern, daß die aus einem Dimensionsportal unter dem Pazifik stammenden, immer häufiger und erbarmungsloser zuschlagenden Kaijus langsam die Oberhand gewinnen. Die Zeit der Entscheidung naht.

Zugegeben, die Handlung von „Pacific Rim“ ist wenig vielversprechend, dafür schien es der Regisseur und Co-Autor umso mehr. Der Mexikaner Guillermo del Toro ist neben Tarsem Singh einer der wenigen zeitgenössischen Filmemacher, die das Gegenwartskino mit bislang ungesehenen, aufregenden Bildern beglückt haben. „Cronos“, „Pans Labyrinth“, selbst die Comicverfilmung „Hell Boy“ sprechen ihre eigene visuelle Sprache und verfügen über komplexe Subtexte. Die Geschöpfe der Nacht haben bei del Toro einen ihn angemessenen Auftritt, oft mit märchenhaftem Unterton. In „Pacific Rim“ bleibt von derartigen Tugenden allerdings nichts mehr übrig.

Cancelling Apokalypse

Es stimmt nachdenklich, dass es zur Handhabung der gewaltigen Roboter zweier Gehirne bedarf. Offenbar hat die Entwicklung der geistigen Fähigkeiten des Menschen nicht dem technologischen Fortschritt standgehalten… Angesichts von schauerlich hohlen Drehbüchern wie für „Pacific Rim“ glaubt man das sofort. Die Protagonisten sind konturlos, ihre flachen Dialoge rein Plot-orientiert, die Story nimmt jedes Klischee mit, das sich versehentlich in ihre Nähe verirrt hat. Versammelt sind der gebrochene Ex-Pilot (Charlie Hunnam) und die unerfahrene Rekrutin (Rinko Kikuchi), die später den finalen Sieg einleiten; da gibt es zwecks Auflockerung zwei nerdige Wissenschaftler (Charlie Day, Burn Gorman) und einen schillernden Unterweltskönig (Ron Perlman); obendrein demonstriert ein knarzig-pflichtbewußter Ex-Soldat (Idris Elba) seine Opferbereitschaft.

Ähnlich überraschungsarm gestalten sich die Ereignisse. Die Jaeger liefern sich geisttötende Fights mit den Kaijus, wobei nur die Wahl des Schauplatzes, also Wasser, Erde, Luft, und die Wahl der Piloten variiert. Da jene neuronal verknüpft sind und desto besser harmonieren, je näher sie sich stehen, herrscht in diesem globalen Geschäft gewissermaßen ’Vetternwirtschaft’: Väter arbeiten mit Söhnen, Brüder mit Brüdern, Ehefrauen mit Ehemännern. Die Rettung der Welt vor einer Alien-Invasion hängt also von der Stärke zwischenmenschlicher Zusammenarbeit ab. Außerdem lassen sich auf diese Weise schnell ein paar Tragödien einbauen, denn wenn einer stirbt, ist es gleich ein Verwandter. Auch die Zukunft bzw. Endzeit bleiben trotz internationalen Personals (r)eine Familiensache!

Enlightening Night

Während der Film intellektuell im seichten Gewässer schlingert, gebärdet er sich optisch und akustisch wie ein Tsunami. Mit ähnlicher Zerstörungswut. Ganze Städte werden hinweggefegt, Brücken torpediert, Containerschiffe als Wurfgeschosse eingesetzt, während die Beats wummern und dröhnen, als gäbe es kein Morgen. Gibt es ja auch beinahe nicht. Denn jeder der titanenhaften Kaijus besitzt die unkontrollierbare Urgewalt eines auf Skyscrapervolumen angeschwollenen Godzillas mit diesem gewissen reptilienhaften Ichthyosaurier-Appeal. Nur ihr blau phosphorizierendes Innenleben verweist auf eine extraterrestrische Herkunft. Soviel fiese Häßlichkeit trifft auf monumentale Laufroboter, die in ihrer Ahnenreihe auch ein paar Transformers aufweisen dürften.

Gemeinsam machen sie die Erde zum Schlachtfeld, übrigens gerne bei Nacht. Kameramann Guillermo Navarro erschafft eine Atmosphäre kunstvoller Düsternis, akzentuiert von den Primärfarben Rot und Blau, aus der sich irdische wie außerirdische Goliaths erheben. Unzählige Untersichten lassen sie furchtbar zornigen Göttern ähneln, die sich, befeuert von sensationell detaillierter CGI-Technik in 3D-Optik, einen letzten epischen Krieg um die Zukunft unserer Welt liefern. Die Millionen Opfer an Menschenleben werden als Kollateralschaden kurzerhand mitgenommen.

Eine besonders hübsche Kampfzone gibt der Hauptschauplatz Hongkong ab. Trampeln nicht gerade übermotivierte Kolosse durch die City, zeigt er sich als exotisch illuminiertes Labyrinth gleich einem fernöstlichen Traum. Vielleicht ist nur in diesen Momenten Guillermo del Toro ganz bei sich und seiner visuellen Kunst, bevor er erzählerisch wieder in die technikverliebten Stützpunkte der Mechas und Mitarbeiter abdriftet. Dort dominiert ein Production-Design aus metallischem Industrial-Look und virtuellen Cyber-Mätzchen, das wiederum in der Steuerzentrale der Jaeger sein Pendant findet. Die Handhabung der Maschinen erinnert an ein interaktives Ego-Shooter-Computerspiel mit mechanischem Real-Event-Touch, programmiert auf den totalen Overkill.

Rocking Future

Eigenartigerweise gehen Filmemacher davon aus, dass Zuschauer bei Mega-Effekten, Mega-Action und Mega-Radau freiwillig auf eine Story verzichten. Anders wären ebenso hanebüchene wie abgedroschene Handlungskonstruktionen, ermüdende Konflikte, triviale Emotionen und der als Ironie missverstandene, langweilige Pseudo-Witz vieler ’High Concept Movies’ kaum zu erklären. Sie setzen nur auf brachiale Gewalt. In „Pacific Rim“ passiert wirklich nichts im interpersonellen Kontaktbereich, was sich nicht mit einem stolzen Blick (zwischen Männern), einem ordentlichen Faustkampf (unter Männern) oder markigen Durchhalte-Ansprachen (für Männer) beilegen ließe. Sex gibt es in solch martialisch-militaristischen Welten keinen, nur Pin-up-Shots von kampfbereiten Boys mit breiter Brust. Jaeger-Piloten sind die kommenden Rockstars.

Zwischen all seinem bombastischen Unsinn hat „Pacific Rim“ die durchaus realitätsnahe Erkenntnis versteckt, dass selbst ein drohendes Inferno die Menschheit wohl kaum zum nachdenklichen Innehalten bewegen könnte. Stattdessen sind Kaijus und Jaeger samt Piloten zu weltweiten Pop-Ikonen und umjubelten Medien-Berühmtheiten avanciert. Sogar einen florierenden Schwarzmarkt für Produkte aus den getöteten Kaijus gibt es. Wer will wegen so ein bisschen Weltuntergang schließlich schon auf Fun, Entertainment und Party verzichten? Apokalypse kommt cooler als Reality-TV!

„Pacific Rim“ entwischt man nur unter Verlusten. Nach dem Kinobesuch sollte man Verstand, Gehör und Seelenfrieden schnell wieder zusammenklauben, bevor das nächste Filmmonster darüberstapft. Die kennen ja nur ein Motto: Tritt sich fest!


Pacific Rim

Regie. Guillermo del Toro
Mit: Charlie Hunnam, Idris Elba, Rinko Kikuchi

Kinostart. 18. Juli 2013

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