SOS – Save Our Sights

Manchmal bringt selbst der Krieg richtige Helden hervor. Wie jene realen „Monuments Men“, ab 20. 2. im Kino, die ihr Leben für Kunst riskierten.

von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net

 

 

Monumentale Besetzung

Die Realität hinter der Geschichte

Wer rettet während Kriegszeiten die Kultur? Niemand, denn Krieg ist Anti-Kultur in Reinform. Doch genauso rückhaltlos, wie der Mensch sich auf Vernichtung von Leben wie Kultur einlassen kann, verschreibt er sich gelegentlich altruistischen Projekten. Ein solches verfolgte ab 1943 die MFA&A (Monuments, Fine Arts, and Archives Section), eine alliierte Sondereinheit aus Kunstexperten zum Schutz von jahrhundertealtem, unersetzbarem Kunstgut in Europa – zunächst primär vor Kriegsgefechten und Plünderung. Als die deutschen Grenzen überschritten waren, kam zum Schutz das Aufspüren und Sicherstellen jener von den Nazis zusammengeraubten und versteckten Kunstwerke hinzu. Der Erfolg dieser im Laufe der Jahre auf 350 Personen aufgestockten Abteilung war beispiellos. Ihre Mitarbeiter betrieben theoretische wie praktische Spurensuche, sie durchkämmten halb Europa und fanden zahllose Objekte, darunter Gemälde von da Vinci, Vermeer oder Rembrandt.

Über die sogenannten „Monuments Men“ haben Robert M. Edsel und Bret Witter 2010 einen populärwissenschaftlichen Tatsachenroman veröffentlicht, auf dem wiederum George Clooneys fünfte Regiearbeit basiert. Zusammen mit Grant Heslov zeichnet er zugleich für ein Drehbuch verantwortlich, das die hochinteressante, bislang wenig bekannte Story aus dem Zweiten Weltkrieg auf die riskanten Aktivitäten von acht Männern komprimiert, ohne sie ihrem historischen Kontext allzu sehr zu entfremden, aber auch ohne sie angemessen detailliert zu beleuchten.

Die Wahrheit hinter dem Pathos

Es beginnt wie in einem klassischen Caper-Movie mit der Rekrutierung der unterschiedlichsten und unwahrscheinlichsten ’Meisterdiebe’ für die MFA&A, geht weiter wie in einem Heist-Film mit Planung und Durchführung eines ’Sensationscoups’ und endet wie ein Heldenepos mit der behutsamen Apotheose der Kunstretter zu Heroen. Dazwischen herrscht mal Spannung, mal Ödnis, und am Ende hat man den Eindruck, daß Geschichte doch Spaß machen kann. Selbst Kriegs-Geschichte. So ähnlich könnte eine Zusammenfassung von „Monuments Men“ aussehen, die dem Film aber nur halb gerecht würde. Seine Stärken liegen weniger in Gesamteindruck und Narration, vielmehr in virtuos inszenierten Einzelsequenzen und der klaren Botschaft.

Gleichwohl wirkt er wie ein eher schlichtes ’Men on a Mission’-Movie. Für George Clooney, der seine Integrität als politisch engagierter Filmemacher längst bewiesen hat („The Ides of March“, 2011), mag die historische Naivität und das latent patriotische US-Pathos von „Monuments Men“ erstaunlich anmuten. Die Deutschen werden durchweg als ignorante Kulturbarbaren präsentiert, die Kunst lieber zerstören als verlieren. Daß ein Großteil der von den Alliierten aufgestöberten Schätze tatsächlich ausgelagerter Museumsbestand war, findet keine Erwähnung. Ebenfalls werden die wahren Verdienste der MFA&A nicht zur Sprache gebracht. Sie hat als erste institutionalisierte Kulturschutz-Aktion zu einem neuen Verantwortungsgefühl gegenüber Kulturgütern in Kriegszeiten sowie gegenüber Kriegsbeute beigetragen und das Bewußtsein für Kunst als neutralen, nationalunabhängigen Wert und wichtiges Element des kulturellen Wiederaufbaus geschärft. 

Die Helden hinter dem Kunstraub

„Monuments Men“ besticht in erster Linie als dramaturgisch klassischer Abenteuerfilm, veredelt von einer Riege aus gestandenen Männern – die einzigartige Cate Blanchett ist die einzigste Frau im All-Star-Ensemble – wie Schauspielern: George Clooney, Matt Damon, Jean Dujardin, John Goodman, Hugh Bonneville und andere geben ihren Kunstoffizieren ein Charisma mit, das allein schon jeden Nazi hätte zum Aufgeben zwingen müssen. In einigen wunderbar saloppen Szenen wird kurz ihre militärische Untauglichkeit skizziert, nur um sie hernach als brillante Hasardeure zu zeigen. Sie verstehen sich nicht nur auf die gepflegte, lakonisch-lässige Screwball-Kommunikation, sondern auch auf ’umgekehrten Kunstraub’. Dabei winden sie sich derart geschickt durch Kriegsgebiet und Feindesland, als hätte ihr akademischer Hintergrund sie bereits zu Glücksrittern qualifiziert. Gut, bei Dr. Indiana Jones war es ja auch nicht anders…

Diese launige Nuance wird schon über die teils schmissige Filmmusik transportiert, schwindet freilich im Laufe der Ereignisse. Durch zu viele Ortswechsel und zu viele Handlungsbruchstücke bremst die episodenhafte Story sich selbst aus, zerfasert sich buchstäblich irgendwo zwischen den Fronten. Keineswegs alle der Monuments Men überleben ihre kulturelle Mission, denn der Weg zu den geheimen Kunstlagern in Schlössern oder Bergwerken ist mit zerstörungswilligen Deutschen und raubfreudigen Russen gepflastert. Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, daß selbst die Rettung einer Michelangelo-Madonna die Welt nicht besser macht. Aber vielleicht reicher und wertvoller.

Die Botschaft hinter dem Abenteuer

In den U.S.A. wird „Monuments Men“ mit „It was the greatest art heist in history“ beworben, was das Dillemma des Werkes offenbart. Für einen investigativen Historienfilm ist er zu pointiert cineastisch und zu oberflächlich, für ein reines Entertainment-Movie wiederum zu ambitioniert in seiner geschichtlichen Authentizität. Gleichwohl besticht er durch eine sympathisch-altmodische Darstellung von Männerfreundschaft, inszenatorischen Feingeist beim Beharren auf Humanität trotz Kriegsalltag und speziell wegen seines Subtextes. George Clooney macht ohne Kompromisse deutlich, daß die Rettung der Menschheit nur über die Rettung ihres Erbes, also der Kultur funktionieren kann, unter anderem manifestiert in ihren Kunstwerken: „In gewisser Weise gehören diese Kulturgüter der ganzen Menschheit. Niemand muß sie besitzen.“

Das ist fast ein ungeheuerlicher Standpunkt in Zeiten, in denen beispielsweise ein (höchst kurzlebiger) ’Arabischer Frühling’ gefeiert, darüber freilich ignoriert wird, daß während der Revolution in Kairo etwa das Ägyptische Museum geplündert und manches Kunstwerk zerstört wurde. Ideale kommen und gehen, ebenso wie Führer und Tausendjährige Reiche. Zurück bleibt nur die Kunst, manchmal als letzte Bastion der Menschlichkeit. Für sie zu streiten ist eine der wenigen legitimen ’Kampfhandlungen’.


MONUMENTS MEN – UNGEWÖHNLICHE HELDEN
Regie: George Clooney
Mit: George Clooney, Matt Damon, Billy Murray, John Goodman, Jean Dujardin,
Bob Balaban, Hugh Bonneville und Cate Blanchett

Ab Donnerstag, den 20. Februar 2014 im Kino

https://www.facebook.com/20thCenturyFoxGermany

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