So-sein

Es gibt einen Satz, den kann ich noch weniger leiden, als so viele andere Sätze, die man immer wieder hört. Dieser Satz lautet: „Ich bin halt so…“.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin und academicworld-Expertin

Meistens wird er gesagt, um Kritik – und vor allem Kritik, die immer wieder an der gleichen Stelle ansetzt – abzuwehren und das eigene Selbstwertgefühl mit einem schnellen Handstreich wieder auf Linie zu bringen. Hinter diesem Satz steht Faulheit, Angst, Kritikunfähigkeit und Egoismus. Und all das verabscheue ich zutiefst, genauso wie Menschen, die glauben sich nicht verändern zu müssen. Denn das müssen wir alle, ständig – sonst bekommen wir irgendwann die Quittung (und bei manchen Menschen ist diese Lebensrechnung sehr hoch. Ich kann nicht sagen, dass ich viel Mitleid mit ihnen hätte, auch wenn ich weiß, wie schwer es ist sich zu verändern).

Meine böse Frage für diese Woche an meine Leser ist also:

Wer leidet unter Ihnen? Und warum?

Es gibt natürlich Menschen, die leiden unter einem, weil sie zu viel erwarten: Sie wollen umsorgt werden wie kleine Kinder (eigene Mütter, Tanten und andere Verwandte gehören oft dazu). Und da ihre infantilen Ansprüche nie ausreichend erfüllt werden, sind sie sauer und versuchen anderen ein schlechtes Gewissen zu machen. Es ist sehr genaue Unterscheidungsfähigkeit gefragt, um die richtige Einschätzung abzugeben: Wer genau verteilt hier das Leid? Wer ist derjenige, der zu viele Ansprüche stellt, sich zu viel Raum nimmt – und dann vielleicht noch Vorwürfe macht, weil das niemand erfüllt. 

Aber es gibt genug Menschen, die von verschiedenen Seite den immer gleichen Vorwurf hören: Du bist ständig aggressiv. Du fühlst Dich immer zu kurz gekommen. Du bestimmst ständig, wo es lang geht. Du weißt alles besser. Du bist faul, willst die Ernte und lässt andere arbeiten. Du willst immer, dass man auf Dich zu geht und meldest Dich selbst nicht. Du gibst zu viel Geld aus. Du bist geizig. Du bist immer nur gestresst. Du willst Dinge, die Du nicht kannst. Du machst Dich wichtig. Du fällst anderen ins Wort. Du hörst nie zu. Du betrügst Deinen Partner. Du glaubst Dein Kind wäre wichtiger als andere Kinder. Du belügst Dich selbst. Usw.

Und eigentlich wissen wir – oder sollten es spätestens nach dem dritten Vorwurf wissen, der in dieselbe Kerbe schlägt –  was wir für Schwachpunkte haben. Die Antwort: Ich bin halt so! ist nicht akzeptabel – am wenigstens für uns selbst – wollen wir am Ende nicht verlassen und einsam zurück bleiben. Denn tendenziell verschlimmern sich unsere Macken im Alter, wenn wir nichts dagegen tun. Und heute muss niemand mehr bei jemandem bleiben, der sich dauernd schlecht benimmt.

Außerdem sind wir eben auch nicht einfach so so, d.h. wir sind nicht genetisch faul oder aggressiv oder rücksichtslos. Wir sind vielleicht ruhiger oder lebhafter von Natur aus. Aber der Rest sind gelernte Muster und können verändert werden. Da es immer infantile Muster und ungereifte Verhaltensweisen sind, mit denen wir anderen schaden, können wir diese zum Reifen bringen. Auf jeden Fall sollten wir das tun, um am Ende nicht zu hören: Ich will nichts mehr mit Dir zu tun haben, denn Du bist halt so… 

Share.