Singletreff

Wenn man in München wohnt, hat man es häufig im weiteren und näheren Freundeskreis mit Singles zu tun, wobei man in der Altersgruppe ab 40 zwei Sorten unterscheiden kann.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Zum einen gibt es dort die Leute der sogenannten „2. Runde“: Es sind Menschen, die nach langer Beziehung (oft auch mit Kindern) wieder Single sind und nun in der 2. Runde versuchen, jemanden zu finden, der besser zu ihnen passt, als ihr Ex-Partner.

Oder sie wurden selbst vom Partner nach langen Jahren verlassen und versuchen nun, sich mit der einmaligen Situation auseinander zu setzen und einen Neustart zu schaffen. Sie waren zumeist das letzte Mal Single in ihren Zwanzigern, als man noch einfach so und ständig neue Menschen kennen lernte, ohne sich Gedanken darüber zu machen. Und dementsprechend verwirrt sind sie jetzt, wo alles völlig anders funktioniert mit dem Suchen und Finden der Liebe: alles ist erheblich ernster und die Liebe viel seltener und die neuen potentiellen Partner mit ihren eigenen Erfahrungen komplizierter.  Oft haben sie Selbstzweifel und sind dann aber, wenn es wieder richtig funkt, für den Rest ihres Lebens (oder zumindest für viele weitere Jahre) sehr glücklich, genießen das Leben mit dem neuen Glück intensiver und engagieren sich sehr, um nicht wieder in alte Fahrrinnen zu geraten (statistisch gesehen halten 2. Ehen, die jenseits der 40 geschlossen wurden, zu 75%).

Und dann gibt es noch eine zweite Sorte Singles jenseits der 40. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf eine lange Reihe von gescheiterten Beziehungen zurückschauen. Seit sie die 30 überschritten haben, hat selten etwas länger als 2-3 Jahre gehalten (meistens viel kürzer). Sie verfügen über einen riesigen Erfahrungsschatz und können die skurrilsten Geschichten vom anderen Geschlecht erzählen. Doch zum Lachen ist ihnen schon länger nicht mehr zumute, bei dem Thema Liebe. Denn auch sie suchen das dauernde, lange Glück, trotz all der aufregenden Abenteuer: Das Alter naht und man möchte jemanden an seiner Seite haben, auf den man sich verlassen kann, der zu einem steht (wir Menschen sind Primaten, die auf Zweierbeziehungen im Rahmen größerer Gruppen geeicht sind, denn auf diese Art hat unser Nachwuchs die größten Chancen…). Außerdem hat man wohl irgendwann genug erlebt, so dass Eroberung und Verliebtheitskick keine richtige Selbstbestätigung mehr bringen und man sich selbst dabei zuschaut, wie der Hormonschub abebbt und ein ums andere Mal nicht hält, was er anfangs verspricht.

Diese Gruppe der „Desillusionierten“  wissen genau, was sie erwarten vom gesuchten Traumpartner und was sie selbst zu bieten haben. Sie haben im Kopf Listen (die sogenannte „Fitting-List“), mit der das neue Gegenüber abgeglichen wird. Bei männlichen Singles steht ganz oben das Aussehen der Wunschdame auf dieser Liste, abgeglichen am eigenen Marktwert, der selbst durch den eigenen Lebensstil definiert wird (weltweites Netzwerk an Freunden und Events, Feriendomizilen oder interessanten Lebensgewohnheiten). Umgekehrt glauben die entsprechenden Singledamen ausgerechnet aus ihrem Aussehen, ihrem Alter und Bildungsstand ebenfalls zu wissen, was sie erwarten können und was zu ihnen passt. Bezeichnend ist, dass sich beide, Männer und Frauen, meist überschätzen, d.h. im Sinne der Marktwirtschaft gerne etwas mehr hätten, als sie selbst nach den Maßeinheiten der Werbe- und Glamourwelt wert sind. So treffen sie also aufeinander, erkennen sich schon von weitem (bewusst und unbewusst) an ihren Gesten der Selbst-Präsentation, an Kleidungsstil und Statussymbolen (Sexyness, Maßhemden, teures Uhrwerk, Handtaschen, Sonnenbrillen, Autoschlüsseln, etc.)

Und natürlich suchen die Herren eine Dame, die sie nicht wegen ihres potentiellen Lebensstandarts liebt, sondern als Person. Und natürlich suchen die Damen einen Herren, der sie nicht wegen ihres sexy Hintern liebt, sondern weil sie so ein toller Mensch ist. Und natürlich suchen die Herren eine Dame, der das Geld letztlich egal ist. Und natürlich suchen die Damen einen Herren, der zukünftig nicht mehr in Marktwert und Optionen denkt. Und natürlich schwören beide, dass die „Herzenswärme“ ganz oben auf ihrer Liste steht. Beide Seiten beschweren sich, dass die andere Partei sich keine Gedanken macht darüber, was sie selbst an Empathie und Gefühl einbringen muss, für eine glückliche Beziehung, sondern nur Erwartungen hat, den Schwerpunkt auf Äußerlichkeiten setzt. Beide Seiten beschweren sich über die Lieblosigkeit des anderen, über dessen Mißachtung der eigenen emotionalen Bedürfnisse, über seine Oberflächlichkeit. Und plötzlich ist der andere doch nicht so perfekt (obwohl man natürlich gewillt war, darüber hinweg zu sehen) und eigentlich kann man ja wirklich noch was anderes erwarten, denn dafür hat man ja nun nicht ewig gesucht, dass dann so eine halbe, emotional unbefriedigende Sache dabei heraus kommt….

(Und ich kann den Satz: „Aber sie/er muss mir doch äußerlich gefallen…“ nicht mehr hören. Es geht nicht darum, ein hässliches Entlein/ einen hässlichen Erpel auf Kommando zu lieben: In München gibt es hunderte attraktive Menschen. Seltsam nur, dass es bei keinem dieser ansehnlichen Versuche klappt…. Das Aussehen ist insofern unwichtig, weil es so viele hübsche Möglichkeiten gibt!)

Tja, so ist das mit der Herzenswärme: Sie ist eben eine Sache, die man nur geben kann, ohne etwas dafür zu fordern. Genau das macht sie aus: Man gibt sie. Und bekommt sie zurück, wenn man sie erwachsen und gesund und ohne Ansprüche gegeben hat, was man daran merkt, dass man nicht Angst hat, zu kurz zu kommen.

Haben wir sie in unserer Kindheit zu wenig erfahren und fordern sie daher immer weiter von anderen ein, ist jede Suche nach Liebe zum Scheitern verurteilt. Zum einen treffen solche Menschen immer nur auf Menschen, die auch  Mangelerscheinungen haben (alle anderen sind ja glücklich). Zum anderen zerstört man mit der Forderung jede Herzenswärme, denn wer sie selbst fordert, kann sie nicht gesund geben, ist auf Dauer beziehungsunfähig, vertreibt alle gesunden, herzenswarmen Menschen, die zu nahe kommen, mit der eigenen Gier.

Damit man selbst diesen Teufelskreis der Ohnmacht nicht bemerkt, stellt man Listen auf, bastelt sich im Kopf Traumpartner und Traumbeziehungen zusammen, glaubt das Scheitern hinge an Äußerlichkeiten oder an den Erwartungen der anderen. Denn ohne Hoffnung kann der Mensch nicht leben.

Und so gibt es heute eine erste Generation der Alten, die immer noch träumen und auf den passenden Traumpartner hoffen. Denn heute muss niemand mehr zusammen bleiben, wenn die Herzenswärme fehlt. Und deshalb bleiben am Ende auf beiden Seiten immer die übrig, die zwar hoffen, aber nicht geben können, was für glückliche Liebe unbedingt nötig ist – trotz all der schicken Handtaschen, hübschen Gesichter und Hintern und Autos und Uhren, all der tollen Reisedomizile und Designerkleider. Denn damit hat die Liebe nichts zu tun.

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