Shitstorm vom Achterdeck

Gestern hab ich in der Zeitung gelesen, dass die Partei der Piraten gerade untergeht. Ich habe mich noch nie besonders für die Piraten interessiert, sie sind mir ehrlich gesagt genauso fremd, wie die Idee meine persönlichen Daten bei Facebook einzustellen.

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Die Piraten sind für mich eine vorübergehendes Protest-Phänomen – genauso wie in Italien neuerdings sogar ein echter Clown gewählt wird. Und es passt zu uns Deutschen, dass wir dafür nicht einen, sondern mehrere Clowns wählen, die sich dann in einer Partei versuchen zu organisieren und letztlich an ihrem Clowntum d.h. an ihren menschlichen Schwächen scheitern.  

Wahrscheinlich werde ich mir mit diesem Beitrag hier einen gehörigen Shitstorm einhandeln. Das ist nämlich typisch für alle Menschen, die sich in ihrem undurchdachten, unreifen Stammtischprotest mit vordergründigem „So, den zeigen wir es mal“ auf den Weg machen die Welt zu ändern: Sie nehmen es persönlich, wenn man nicht ihrer Meinung ist und sie neigen zu Racheaktionen aus der sicheren Deckung heraus. Es gibt für sie immer einen Gegner und der ist an allem Schuld. Für die Piraten ist es (genauso wie damals für die 68er): Das Establishment, also die Etablierten, die die Urheberrechte in den Händen halten (weil gegen Kapitalismus zu sein ist mittlerweile doof, wenn man gerne konsumiert und sei es auch nur Computerspiele). Also: Freiheit für alle – diesmal halt im Internet und für alle geistigen Inhalte. 

Klar, dass die Piraten gescheitert sind. Denn sie widersprechen dem zutiefts menschlichen Bedürfnis für sich selbst, mit seinen eigenen Ideen etwas zu erreichen und zu verdienen – vor allem Anerkennung. Seltsam eigentlich, dass die Piraten das nicht selbst merken, wo sie sich doch die ganze Zeit so sehr bemühen anerkannt zu werden, besonders untereinander in der Partei selbst. Alle Meinungen sollen gelten und dann sind sie beleidigt, dass ihre eigene nicht die wichtigste ist. Und die männlichen Neulinge auf dem politischen Parkett haben ihre Triebe noch nicht so weit im Griff, dass sie auf sexistische Bemerkungen über eigene Parteigenossinen verzichten können und die mokieren dann, dass in der Partei (wie in jeder Partei und Machtgruppe) neurotisches Männergehabe sich immer wieder bahnbricht. (Verletztes Selbstwertgefühl zeigt sich bei Männern nun mal gerne in ihrer Hilflosigkeit im Umgang sexuellem Frust, der ja auch ein Anerkennungsfrust ist.) Gähn.

Genauso, wie auch die 68-Szene an ihrer Menschlichkeit scheiterte, tun es jetzt die Piraten (und auch jede zukünftige „Frauen-machen-alles-besser-Macht“ würde übrigens daran scheitern, aber das nur am Rande). Denn jeder Heilsbringer bleibt Mensch und somit ein Wesen zwischen Egoismus und Altruismus und je kämpferischer er oder sie ist, umso egoistischer sind sie und somit (ohne rechtes Maß): Neurotischer. Denn jeder Mensch, der für sich glaubt, er hätte jetzt die Wahrheit gefunden, stellt sein Ego über das der anderen. Bei den Piraten wird dieses Ego dann ständig mit Belanglosigkeiten in die Welt getwittert. Bei den 68ern wurde eine wilde politische Diskussion veranstaltet, mit möglichst vielen Fremdwörtern (ich weiß wovon ich rede, ich hab in Frankfurt Philosophie studiert). Und heute wohnen die 68er, die sich etabliert haben gerne in großen, hellen Altbauwohnungen mit Fischgrätenparkett und Stuck an der Decke und fliegen erster Klasse nach Kuba. Und die Piraten veröffentlichen Bücher und wollen natürlich mit ihrem geistigen Eigentum Geld verdienen.

Natürlich habe auch ich ein Wertesystem, mit dem ich mir die Welt erkläre und in Gut und Böse aufteile. Es heißt: Psychologie bzw. Psychoanalyse bzw. Psychotherapie Wissenschaften. Es hilft mir solche Phänomene wie die Piraten oder die Alt-68er schnell zu erfassen, mir mit ihrer allzudeutlichen Menschlichkeit (Bedeutungsstreben, Weltrettertum, Macht) zu begreifen, die Gefährlichkeit genauso wie die hoffentliche Selbstkritik einzuschätzen – und sich dann eben nicht weiter damit zu beschäftigen: Zeitverschwendung jede kleine Welle, jedes Shitphänomen genauer zu analysieren. Es gibt Wichtigeres. Und wir bleiben eben Menschen, auch wenn wir Piraten sein wollen. Das ist wie beim Kinderfasching, irgendwann ist Aschermittwoch, irgendwann wird abgeschminkt. 

Übrigens ist natürlich auch mein Wertesystem allzumenschlich. Ich käme aber nie auf die Idee eine Partei zu gründen.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

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