„Shanghai“: Der dunkle Glanz Ostasiens

Shanghai! Welch exotischer Klang steckt in diesem Namen! Welch Phantasien vermag das legendäre „Paris des Ostens“ der 1930er Jahre heutzutage noch auslösen, auch wenn das moderne Shanghai längst ein gewaltiges Industriezentrum ist ohne jenen Zauber aus prä-kommunistischer Zeit. Aber damals, ja damals …

Shanghai. Kinostart: 15.9.2011

Geheimnisvolle Verschwörungen

Shanghai 1941: Global breitet sich der Zweite Weltkrieg aus, Asien wird vom Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg aufgerieben, derweil Shanghai, nach wie vor in Konzessionsgebiete aufgeteilt, den finalen Akt seines „Golden Age“ erlebt.

Die Hafenmetropole ist zu einem internationalen Tummelplatz und Auffangbecken von Einheimischen wie Fremden geworden, zu einem Zentrum von Geschäftsleuten und Reportern, Konsulatsangestellten und Flüchtlingen, Spionen und Verbrechern. Im Handel mischen die Kolonialmächte mit, über das Laster herrschen mächtige Triaden-Bosse, die Politik bestimmen japanische Besatzer, die in der Hafenmetropole rücksichtslos chinesische Rebellen jagen.

Derweil wird in Nachtclubs und Casinos nach westlichem Vorbild gefeiert. Dabei ist längst der Schlußakkord angestimmt, doch noch will ihn niemand hören.

Während die Stadt sich zum letzten Male aufbäumt, gerät der gerade angereiste Paul Soames (John Cusack), ein als Journalist getarnter amerikanischer Agent des Nachrichtendienstes der US-Marine, in einen tödlichen Strudel aus mysteriösen Ereignissen. Sein Freund und Agentenkollege Connor (Jeffrey Dean Morgan) ist erschossen worden, dessen japanische Geliebte Sumiko (Rinko Kikuchi) verschwunden.

Mit Unterstützung von Konsul Astor (David Morse) will Paul diesen Mord aufklären, in den offenbar auch der japanische Geheimdienstoffizier Tanaka, (Ken Watanabe), vielleicht sogar Triaden-Chef Anthony Lan-Ting (Chow Yun-Fat) und seine wunderschöne Gattin Anna (Gong Li) verwickelt sind. Was als Krimi beginnt, entpuppt sich als privates Drama mit hochpolitischem Kontext. Shanghai ist verloren und die Bewohner sowieso.

Elegantes Ambiente

Wenn Gong Li, ihr schwarzes Wolkenhaar in Wellen um das edle Haupt gelegt, verführerisch durch den Tanzsaal schreitet, wenn Ken Watanabe mit einem einzigen verächtlichen Blick den Weg zur Flucht freigibt, wenn Chow Yun-Fat sein dekadentes Lächeln zeigt, dann ist der Film mitten im Noir angekommen, im „Oriental Noir“.

Alles ist Fassade und doch nur fragiler Firnis über wild lodernden Leidenschaften, die auf emotionaler Ebene die politisch siedende, immer undurchsichtiger werdende Lage widerspiegeln. So liegt einem Shanghai zu Beginn noch mittels eines High-Angle-Shots zu Füßen, aber schon bald verliert sich die beeindruckende Kamera von Benoît Delhomme in den labyrinthischen, düsteren Gassen mit ihren Marktständen, Lagern, Hütten und Kammern, wo der chinesische Widerstand wächst.

Gleich einer Parallelwelt erstrahlen hingegen die exklusiven Spielcasinos und mondänen Wohnpaläste, wo sich die drohenden Schatten aus der städtischen Unterwelt zu kunstvollen Licht-/Dunkel-Arrangements aufgelöst haben, freilich ihre Herkunft nicht verbergen können. Verrat, Korruption und Gewalt sind bereits in sämtliche urbane Winkel gekrochen.

Moral ist hier ein teures Gut, das sich kaum jemand leisten kann; trotzdem muß sich irgendwann jeder für eine Seite entscheiden, heißt es doch einmal: „The heart is never neutral.“ Vor allem in Shanghai, wo europäisch-amerikanischer Lifestyle auf asiatisches Flair trifft, bleibt kein Raum für Indifferenz, nur für Intrigen, die mit delikater Eleganz zelebriert werden. Atemberaubend gewandete Damen überwachen politische Attentate, Männer tragen selbst beim Töten und/oder Sterben noch Anzug mit Hut, aber niemals zuviel Gewissen. Das ist längst mit der Nacht verwischt und vom Monsun fortgetragen.

Es gibt sie noch, die guten „alten“ Filme …

Magische Hafenmetropole

Mit „Shanghai“ ist Regisseur Mikael Håfström („Evil“, „Zimmer 1408“) eine kongeniale, ebenso spannende wie stilistisch erlesene Hommage an den Film Noir mit Anleihen beim historischen Spionagethriller und Liebesdrama gelungen.

Schicksalhaft verwebt die komplexe Story Persönliches mit Politischem, bis sich zuletzt im brennenden Shanghai Freund von Feind unterscheiden muß und sich wiederholt als das Gegenteil entpuppt. So wie formale Attribute, etwa die strukturierende Voice-over von Paul Soames, die Rückblenden-Dramaturgie oder der Low-key-Stil, dem klassischen Noir-Wesen huldigen, trifft das Drehbuch von Hossein Amini mit seiner kolportagehaften Färbung den rechten Ton, inklusive raffiniert-kultivierter Dialoge.

Wer hätte gedacht, daß heutzutage noch derart hochästhetische, im besten Sinne altmodische Filme gedreht werden? Tatsächlich bildete seit den 1930er Jahren im chinesischen Film der Mythos Shanghai als“New York des Fernen Ostens“ ein eigenes Subgenre, und eben als solche einstige Weltstadt wird die City präsentiert. Weil es sie in dieser Form heute nicht mehr gibt, wurden viele Szenen in London gedreht, während für die abschließende Invasion der Japaner in Shanghai, nach dem Angriff auf Pearl Habour und dem Eintritt der U.S.A. in den Pazifischen Krieg sowie Weltkrieg, in Bangkok der Hafenbezirk rekonstruiert wurde.

Entstanden ist ein phantastisches Set-Design, das nicht unerheblich zur dichten, konspirativen Atmosphäre, getaucht in das warme Gold des Ostens, beiträgt.

Zwiespältige Charaktere

Während Shanghai von der Geschichte eingeholt wird, erlebt Paul Soames eine sehr einseitige, unerfüllte Lovestory. Mit Anna hat er sich ein zwar faszinierendes, aber unerreichbares Objekt der Begierde ausgesucht, das seine Gefühle zudem nicht braucht. Vielmehr scheint Anna zu den wenigen Privilegierten der Stadt zu gehören, die bereit sind, für einen politischen Wandel ihre kostbar-halluzinierende Phantasma-Existenz am historischen Abgrund zu opfern.

Aber auch sie wird schließlich Hilfe benötigen, die wiederum nur jemand wie Paul Soames bieten kann. Als skrupelloser Agentenprofi besitzt er die Entschlossenheit eines zynischen Realisten, als insgeheimer Romantiker die Fähigkeit zur Selbstaufgabe, deren Risiko er alleine trägt.

Diese für ihn eher untypische, mythisch leicht überhöhte Rolle eines illusionslosen Idealisten meistert John Cusack mit beherrschtem Understatement und einer ambivalenten Tiefgründigkeit, welche ihn zu einem wahren Noir-Helden macht. Ein Mann wie er braucht zuletzt keine Rache, nur die Gewißheit, die verehrte Frau gerettet zu haben. Dann kann auch Shanghai untergehen.

Dennoch… In seinem abschließenden melancholischen Off-Kommentar deutet Soames an, daß er zu „Ihr“ zurückkehren werde. Ob Frau oder Stadt bleibt ungewiss – jedenfalls wird es seine Liebe sein.

(von Nathalie Mispagel, Kinoexpertin auf academicworld.net)

Shanghai

Action / Drama
USA 2010
Regie: Mikael Håfström
Mit John Cusack, Li Gong, Chow Yun-Fat

Kinostart: 15.09.2011

Verleih: Senator

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