Serie: Die besten Bücher. Teil 2: Bücher übers Wandern

Wandern ist eine zeitliche und örtliche Aneinanderreihung von Ärgernissen und Mühsalen und am Ende ist es wunderschön.
 
Aus den Puschen kommen und darüber schreiben: Die besten Bücher übers Wandern. Gelesen und bewertet von David Lins (academicworld.net).

Kaputt auf dem Appalachian Trail

Angesichts der Flut an Jakobswegliteratur (Kerkeling sei Dank) vermag es zu erstauen, dass es lediglich fünf Bücher mit Appalachian-Trail-Bezug gibt. Handelt es sich doch dabei um einen der spektakulärsten und längsten Weitwanderwege der Welt.

Neben Brysons „A walk in the woods“ (Robert Redfords Verfilmung des Buches könnte durchaus einen Boom auslösen), dem „Appalachian Trail Thru-Hike Planner“ sowie dem Reisebericht eines blinden (!) Hikers existieren bis dato nur zwei weitere Werke. „Eight bullets“ behandelt den Mord (und versuchten Mord – an der Autorin) an einer lesbischen Wanderin durch einen homophoben Irren auf dem Trail. Mit etwas wenigen kranken, aber sicherlich zutiefst gestörten Menschen befasst sich das jüngste Werk „Kings of Nowhere“. Der Appalachian Trail ist Schauplatz der Geschehens um die drei Hauptcharaktere Simone, Richard und Taz, die einander zufällig auf dem AT treffen und es zulassen, dass sich ihre Geschichten ineinander verweben. Wer Landschafts- und Trailbeschreibungen sucht, liegt mit dem Buch sicher falsch. Die Figuren sind unterwegs, wohin auch immer, der AT (eher bedrohlich als verlockend dargestellt) bildet nur Kulisse und Bühne.

Fazit: Forrester ist ein durchaus faszinierendes Werk gelungen, einzig wünscht man sich als Leser, der Autor hätte den Mut gefunden, eine gerade Geschichte zu erzählen und nicht ständig zwischen den Figuren und teilweise auch völlig rätselhaft bleibenden Nebenhandlungen hin und her zu springen.

Wertung: 6/10

T. J. Forrester. Kings of Nowhere
16,99 Euro, Blumenbar


Ultraleicht, inklusive des Satzbaus

„Ein Ausrüstungsratgeber“ – so steht es bei Amazon in der Titelzeile. Genau das ist es. Wer ein Ausrüstungsfreak ist, der findet viel Freude an der ersten Hälfte des Buches, an den vielen beschriebenen Besuchen in Outdoorläden und dem Abwägen und -wiegen von Wanderutensilien. 

Schließlich ist es gerade die Vorbereitungs- und Vorfreudezeit, die einen großen Anteil am Reiz des Weitwanderns ausmacht. Winterbergs Pilgertour selbst (sie beginnt erst auf Seite 100) verkommt dann eher zu einer bloßen Aneinanderreihung der Beschreibungen von Tageswanderungen. Höhepunkte gibt es kaum, aber das ist durchaus Teil des Wanderlebens. Die Tage sind oft gleichförmig und das meiste passiert irgendwo in den Gehirnwindungen und nicht um einen herum. Sprich: Man kann dem Autor nicht vorwerfen, dass sein Weg nicht von Abenteuern gesäumt ist. Wohl aber kann man ihm vorwerfen, dass das Buch vor allem gegen Ende sprachlich und inhaltlich auf dem Zahnfleisch daherkommt. 

Kostproben? 

„Ich trinke einen Kaffee mit Haselnussmilch.
Fantastisch.
Dann ein Brot mit Tahin.“

„Steffi hat eine neue Blase.
Ich habe eine neue Erkenntnis:
Wenn das Smartphone wasserdicht im Loksak verpackt ist, macht es keine guten Bilder mehr.“

„Hach.
Wie schön. Danke, Hospitalieros!
Draußen gießt es in Strömen.
Huch.
Pfui.“

In diesem Stil wird Seite um Seite gefüllt und der Leser wünscht Winterberg endlich in Santiago de Compostela am Ziel der Reise und des Buches, um von den Banalsätzen erlöst zu werden. Das ist dann auf Seite 160 soweit, es folgen jedoch über 50 Seiten „Allerlei“: Packlisten, Bildnachweise, Gewichtstabellen und Preislisten (trotz weitgehender Inhaltsgleiche nicht zu verwechseln mit den Packlisten – die sich übrigens auch noch einmal im ersten Teil des Buches befinden) inklusive eines ausführlichen Registers. 

Fazit: Die erste Hälfte macht Spaß, danach wird es allzu banal. Als Blog oder E-Book wäre das Ganze nett, für ein „echtes“ Buch reicht es eigentlich nicht.

Wertung: 4/10

Philipp Winterberg. Jakobsweg im Smoking: Auf dem Weg zur perfekten Packliste. 
19,90 Euro, Tredition


Zu Fuß durch Deutschland. Unterwegs im Todesstreifen

Andreas Kieling ist einer der besten deutschen Tierfilmer, seine Reportagen sind immer wieder absolut sehenswert. Seine Wanderung entlang der einstigen deutsch-deutschen Grenze mag so mancher dann auch schon aus dem Fernsehen kennen, seine „Grenzerfahrung“ ist jedoch auch in Buchformat  ein wunderschönes Stück Heimatkunde, die Lust macht, Deutschlands Wildnis selbst einmal zu erforschen.

Fazit: Kieling hat ein echtes Abenteurerherz und beschreibt mit klarer und gut lesbarer Sprache.

Wertung: 6/10

Andreas Kieling, Sabine Wünsch. 
Ein deutscher Wandersommer. 1400 Kilometer durch unsere wilde Heimat
14,99 Euro, Malik National Geographic. 

 

 


Gang nach Canossa: Ich bin dann mal büßen

Ein König und ein Papst und Abbitte durch eine Reise nach Italien. Den Gang nach Canossa kennt man aus dem Geschichtsunterricht der Mittelstufe, beziehungsweise dem gleichnamigen geflügelten Wort. Geht irgendwie um Abbitte leisten und für Sünden büßen.

Das will auch Dennis Gastmann („In 80.000 Fragen über die Welt“) und zieht eines Märztages los (gut, es war der März des Jahres 2012), um drei Monate zu Fuß von Hamburg über das Elsass und  die Alpen bis nach Canossa zu laufen. Und dabei zu gucken, was am Wegesrand so für Geschichten für einen „Weltreporter“ liegen …

Gastmanns Buch ist ungeheuer schön zu lesen, weil er einfach die perfekte Mischung trifft. Er schreibt über die körperlichen Leiden (wenn man den ganzen Tag läuft und sonst recht wenig zu tun hat dabei, dann hat man auch richtig gut Zeit, alles wahrzunehmen, was weh tut), sinniert über die eigene Vergangenheit und Familie, erzählt von seinem Vor-Gänger, Heinrich IV., berichtet über Land, Leute und natürlich Essen – dem allabendlichen Höhepunkt des Wandererdaseins.

Man ist dabei – und das ist das Essentielle, wenn man übers Unterwegssein schreibt.

Wertung: 8/10

Dennis Gastmann. Gang nach Canossa: Ein Mann, ein Ziel, ein Abenteuer
18,95 Euro, Rowohlt Berlin

 

 


Einmal längs durch die USA: Der Appalachian Trail

Der Appalachian Trail ist mit etwa 3.500 km einer der längsten Fernwanderwege der Welt und zieht sich in Süd-Nord-Richtung durch 14 US-Staaten. Bill Bryson („Eine kurze Geschichte von fast allem“) nahm sich den Wanderweg immer wieder in kleineren oder größeren Häppchen vor, manchmal allein, lieber jedoch in Begleitung seines übergewichtigen Kumpels Katz. 

Bryson liefert Informatives zum Trail, zu Land und Leuten, gräbt Anekdoten, Geschichten und Geschichtchen aus und verbindet dies mit seiner ganz persönlichen Wandererfahrung. 

Es gibt kaum ein Buch, dass das Erleben des Fernwanderes besser einfängt als dieses Buch. Im Original heißt es übrigens „A walk in the woods“, was nicht nur besser klingt, sondern auch die Essenz richtiger wiedergibt.

Fazit: So ist Wandern! Witzig und atmosphärisch perfekt. Eines der besten Bücher überhaupt zu diesem Thema.

Wertung: 10/10

Bill Bryson. Picknick mit Bären
8,99 Euro, Goldmann


Zu Fuß durch Deutschland

Wolfgang Lührs will nicht zum alten Eisen gehören und es lieber noch einmal wissen. Mit 59 Jahren von Lüneburg nach Füssen, 1.200 Kilometer in sechs Wochen,  so lautet der Plan. Der Autor beschäftigt sich mit dem Weg, der Natur und alles was so um ihn herum passiert – und nutzt die geschenkte Denkzeit intensiv und klug.

Schön und wohltuend, dass auch geschildet wird, was unschön am Wandern ist: Blasen, Rückenschmerzen, Stuhlgang, nervtötende Besserwisser, unfreundliche Wirte und vieles mehr. Das überwiegt zwar nicht beim Erlebnis Fernwandern, aber existiert nun mal ebenso neben den schönen Momenten. Außerdem weiß er: Bier ist flüssige Moral und wichtiges Ritual am Abend.

Fazit: Lührs sieht das Wesentliche und beschreibt ehrlich und offen. Animierend zum Selbst-Losziehen!

Wertung: 7/10

Wolfgang Lührs. Vom Wispern der Wälder und vom Wesen des Wanderns
19,90 Euro, Die Werkstatt


Humorlos über die Alpen

Nadja Klinger ist zu Fuß über die Alpen gegangen, vom Bodensee aus, durch die Schweiz nach Italien zum Comer See – und hat sich dabei vielleicht eine falsche Route ausgesucht. Sie trifft auf Wirte, die ihr kein Zimmer geben wollen, auf wenig Herzlichkeit in den Gasthäusern, auf völlig uninteressante, schnarchende andere Wanderer. 

Hätte sie lieber durch Tirol laufen sollen? Oder liegt es am Ende eventuell doch an ihr selbst? Denn irgendwie wird man auch als Leser nicht warm mit der spröden Art der Autorin. 

Und wenn man seine Erfahrungen mit der der Autorin vergleicht, so erinnert man sich selbst an von alpinen Großvätern spendierte Schnäpse, Pensionsmütter, die einen morgens ermutigt haben, sich doch noch ein paar Brote für unterwegs zu schmieren und Teenager, die einen freundlich bis enthusiastisch durch das Dorf geführt haben, bis man ein Nachtquartier gefunden hatte.

Klinger hat glänzend recherchiert – die Passagen, in denen es NICHT um ihre Wanderung geht, sondern um Umwelt und Geschichte lesen sich hervorragend, aber dem gesamten Buch fehlt die Leichtigkeit, die man sucht und findet, wenn man auf Wanderung ist.

Fazit: Gut und fundiert geschrieben, doch kaum vorstellbar, dass sich jemand von diesem Buch animieren lässt, selbst die Alpen zu überqueren.

Wertung: 3/10


Nadja Klinger. Über die Alpen
19,95 Euro, Rowohlt Berlin

 

 


Zu Fuß durch Deutschland. Ohne Geld

Dass einer der Jungs aus der Kelly Family ein ziemlicher Adrenalin-Junkie ist, hat man schon mitbekommen. Joey Kelly war der erste Mensch, der alle acht weltweit stattfindenden Ironman in einem einzigen Jahr gelaufen ist. Was gibt es da noch für Ziele? 

Kelly wanderte nun auf den Spuren von Survival-Papst Rüdiger Nehberg von Wilhelmshaven bis auf die Zugspitze. Ohne Geld und mitgenommene Nahrung. Herausgekommen ist dabei eine Mischung aus Reisebericht und Autobiographie – was durchaus schlüssig ist, denn auf einem langen Marsch hat man viel Zeit über sich und die Welt nachzudenken. 

Fazit: Sicher eine extreme Art zu Wandern und nichts für Jedermann. Erstaunlich kurzweilig und sympathisch.

Wertung: 6/10

Joey Kelly. Hysterie des Körpers
9,99 Euro, rororo

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