Senna – Magier der Rennstrecke

Menschen brauchen Heroen – und finden sie oftmals im Sport. Gerade die Formel 1 scheint hierfür prädestiniert, bringt sie doch Männer hervor, die nicht nur tollkühner, sondern auch noch schneller als andere sind. Offenbar eine reizvolle Mischung! Einer dieser Spitzenpiloten wurde einst „The Magic“ genannt: Ayrton Senna, Formel 1-Ikone.

Senna Film

Senna, die Legende stirbt nie; © UPI

Der Fahrer

Der Brasilianer Ayrton Senna, 1960 in São Paulo geboren, galt als großes Fahrtalent. Er durchlief die klassische Rennkarriere, fuhr zunächst Kart, wechselte dann in den Motorsport der europäischen Formel-Ford-1600, später in die Formel-Ford-2000, um 1983 schließlich Formel 3-Meister zu werden. Damit war das Tor zur Formel 1 aufgestoßen.

161mal bestritt er einen Grand Prix, erreichte 65 Pole-Positions, konnte 41 Siege verzeichnen, dreimal sogar den WM-Titel gewinnen. 1994 kam er während des Grand Prix von San Marino bei einem schweren Unfall ums Leben. Er war 34 Jahre, jung genug, um zur Legende zu werden.

Was sich in jeder Rennstatistik nachlesen lässt, versucht der britische Regisseur Asif Kapadia („The Warrior“, „Far North“) in seinem ersten Dokumentarfilm „Senna“ mit neuem Leben zu füllen. Indem er ausschließlich auf Archivaufnahmen, primär TV-Bilder, zurückgreift, die er im Voice-Over-Verfahren von Formel 1-Insidern, von Sportjournalisten sowie Familienmitgliedern kommentieren lässt, gibt er dem Visuellen einen klaren Vorzug vor dem Analytischen.

Kapadia strebt mit seinem medialen Mosaik keinerlei Stellungnahme zum Automobilsport und dessen Vertretern an, sondern will ausschließlich Sennas Formel 1-Karriere (optisch) rekonstruieren, mit dem Ziel, dessen Status als Ausnahmefahrer zu manifestieren.

Der Filmtitel sagt alles: Es geht nicht um den Menschen Ayrton Senna, sondern um „den Senna“, sprich: um Renn-Idol und sportlichen Superstar.

Gleich geht`s los

Ein Leben am Limit; © UPI

Der Profi

Tatsächlich herrscht in der Motorwelt darüber Einigkeit, dass Senna zu den herausragendsten Formel 1-Piloten aller Zeiten zählt. Legendär ist allein sein erst sechster Grand Prix, als er 1984 mit einem völlig unterlegenen „Toleman“ im Regen von Monaco sämtliche routinierten Fahrer überholte und nur wegen Abbruch des Rennens nicht zum Sieg fahren konnte. Dass es zu derartigen Leistungen in einem ebenso gefährlichen wie monströsen Sport mehr als Können, Mut und Hartnäckigkeit bedarf, nämlich höchster Leidenschaft, wird in „Senna“ zwar betont, bleibt allerdings ohne Reflektion.

Woher nahm Ayrton Senna, Sohn einer wohlhabenden Familie, diesen Ehrgeiz, sich technischen wie physischen Extremen zu stellen? Was trieb ihn wirklich an und ließ ihn seinen unerbittlichen Siegeswillen entwickeln? Weshalb suchte er Herausforderungen in einem künstlichen, nur auf sich selbst verweisenden Kosmos wie der Formel 1?

Keine jener Fragen lässt sich allein mit Footage-Material beantworten, und auch die vielfältigen Kommentare dringen nie zu Sennas tieferem Naturell jenseits des höchst professionellen Rennspezialisten vor. Seine eigenen Aussagen, die von Interviews und anderen Auftritten stammen, sind wiederum Teil des medialen Dialogs und insofern nur bedingt essentiell.

Den Privatmann Senna enthüllen sie jedenfalls nicht, ebenso wenig wie die banalen Homevideos von Familenurlauben, während die Mitschnitte von Fahrer-Briefings vor den Rennen immerhin etwas von der lodernden Zähigkeit des Brasilianers darlegen, der keine Diskussion mit den Verantwortlichen scheute.

Doch nur ein Mensch?

Doch nur ein Mensch? © UPI

Der Mensch

Grundsätzlich mag es frappieren, dass sich heutzutage ganze Sportlerbiographien mit Hilfe von Archivbildern komplett wiedergeben lassen, und man bekommt eine Ahnung von der Allgegenwärtigkeit der Medien. Gleichwohl erweist sich die reine Konzentration auf bzw. die Montage von Archivmaterial als problematische künstlerische Entscheidung, weil jenes zwar teils interessante Einblicke in ein überhartes Geschäft bieten, jedoch nur an der Oberfläche des Racing-Business kratzen kann.

Außerdem ist die Auswahl der Filmsequenzen offensichtlich nach stark subjektiven Kriterien erfolgt; nichts wird gezeigt, was auch nur annähernd dem Nimbus von Senna schaden könnte. Kein Wunder, dass seine Familie den Film autorisiert hat. Der Brasilianer galt in der Formel 1 als distanziert-forscher, perfektionistischer Egoist, wird in ?Senna? aber tendenziell als kämpfender Außenseiter präsentiert, im steten Ringen mit der Rennaufsicht und etablierten Fahrern, permanent von unbändiger Energie getrieben.

Bekannt für seinen kompromisslosen Fahrstil, für mentale Stärke und überragenden Renninstinkt, hat sich Ayrton Senna, übrigens ein Meisterfahrer bei Regenwetter, in die Motorsport-Annalen eingeschrieben. Daneben war er ein selbstbewusster Marketing- und Presseprofi, tiefgläubig und sozial engagiert, explizit für brasilianische Straßenkinder.

Ohne ihn deswegen zerrissen wirken zu lassen, offenbaren die medialen Abbilder seines Lebens Senna als heterogene Persönlichkeit: Seinem bescheidenen, manchmal schüchternen öffentlichen Auftreten steht eine radikale Rücksichtslosigkeit im Sport gegenüber, seiner verblüffend sympathischen Ausstrahlung die Härte und Disziplin des Rennfahrers, seiner stolzen Besessenheit eine sublime Konzentration.

All jene Facetten will auch Asif Kapadia in seiner Dokumentation einfangen, lässt sie jedoch nicht als charakterliche bzw. biographische Brüche stehen, sondern entschärft und kultiviert sie im ungebrochen glanzvollen Portrait des Champions.

Zum Siegen verdammt...

Zum Siegen verdammt… © UPI

Der Konkurrent

Großes Augenmerk wird auf die jahrelange, öffentlich ausgetragene Rivalität mit Alain Prost gelegt, die weit über einen Fahrerwettkampf hinausging. Obwohl sie zeitweilig gemeinsam für „McLaren“ fuhren, galten die beiden Piloten auch außerhalb der Rennstrecke als verfeindet, wobei ihre Konkurrenz erst mit dem Tod endete: Alain Prost war einer der Sargträger bei Ayrton Sennas Beerdigung.

Überhaupt lag Senna gelegentlich in Fehde mit dem ganzen Rennzirkus, fühlte sich von der FIA unter Führung des sich wie ein selbstgefälliger Autokrat aufspielenden Jean-Marie Balestre ungerecht behandelt, beispielsweise 1989, als er in Suzuka wegen eines umstrittenen Überholmanövers mit anschließendem Crash erst disqualifiziert, später sogar gesperrt wurde. Dass die Formel 1 ein gewinnorientierter, hochkapitalistischer Betrieb ist, missfiel Senna; doch als Teil derselben zog er wiederum jeden Vorteil daraus.

Asif Kapadia hingegen hätte die Chance auf kritische Hinterfragung von Sinn, Unsinn, vielleicht gar Wahnsinn der Formel 1 gehabt. Während er Sennas Äußerungen über ein „reines Rennen“ ohne Geld und Politik effektiv am Ende seines Films platziert, ist er selbst dem Formel 1-Hype erlegen.

Rennaufnahmen werden mit dramatischer Musik unterlegt, Bilder von On-Board-Kameras vermitteln packende Dynamik, Grand Prixs sind als spannungsgeladene Events präsentiert. Das lässt den Sport aufregend attraktiv wirken, ignoriert freilich, dass die Formel 1 allein ökologisch eine höchst fragwürdige Veranstaltung ist, von den verstiegenen Medien-, Macht- und High Tech-Spielereien ganz abgesehen. Sie ist gnadenlos, was nicht zuletzt Sennas Unfall beweist.

Der Mythos

Das gesamte Rennen von Imola stand unter einem katastrophalen Stern; freitags verunglückte der Brasilianer Rubens Barrichello, samstags starb der Österreicher Roland Ratzenberger bei einem Unfall im Qualifying. Sonntags, am 1. Mai, verlor Senna ohne Fremdverschulden und ohne, dass man die Ursache je genau klären konnte, die Kontrolle über seinen „Williams-Renault“ und krachte mit tödlicher Konsequenz in die Streckenbegrenzung der berüchtigten Tamburello-Kurve.

Das Ende einer Legende hatte jedoch nicht einmal das endgültige Aus des Rennens zur Folge; die Verantwortlichen ließen den Grand Prix nur unter-, keineswegs abbrechen. Solch ernüchternde Details verschweigt Kapadia freilich, zeigt stattdessen die maßlose Gram im schockierten Brasilien, wo Senna, der eine starke öffentliche Integrationskraft besaß, in schweren Zeiten für die dringend benötigte Freude gesorgt hatte.

Eine dreitägige Staatstrauer wurde ausgerufen, Millionen säumten den Trauerzug durch São Paulo, es gab ein Staatsbegräbnis. Ein Hoffnungsträger war verloren, ein Mensch gestorben, aber eine Legende geboren.

Ihr huldigt die cineastische Hommage „Senna“ zwar unkritisch, doch mit derartigem Enthusiasmus, dass es schon wieder Respekt abnötigt. Immerhin kommt sie einer Wahrheit über Heroen ganz nahe: nur die Toten leben ewig.

(Autorin: Natalie Mispagel, academicworld-Filmexpertin)

Senna
Regie: Asif Kapadia
Produktion: James Gay-Rees, Tim Bevan, Eric Fellner
Ab 12. Mai 2011 im Kino!


Stand April 2011

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