Selbstfindung für das 20. Jahrhundert

Angelehnt an den klassischen Entwicklungsroman schickt Ulf Erdmann Ziegler in „Nichts Weißes“ seine Protagonisten durch die Welt der Buchstaben. Auf der Suche nach der perfekten Schrift, muss sich Marleen mit den Unwägbarkeiten des Lebens, einer chaotischen Familie und vielen Glaubenszweifeln – nicht nur religiöser Art – auseinander setzen.

Selbstfindung für das 20. Jahrhundert

Religiöse Verwirrung und Zeichenkult

Immer wieder ist die junge Marleen von religiös motivierten Zeitgenossen umgeben, die ihren Einfluss geltend machen wollen. Da hätten wir die fanatisch-katholische große Schwester, den militanten Ministranten als besten Freund aus Kindertagen, den Lover mit klösterlichen Neigungen, den Vater, der in die Fänge einer buddhistischen Sekte gerät … der einzige Kult, aber, dem Marleen auf Dauer verfällt, ist der um die gedruckten Buchstaben. Typographie als Ersatzreligion. Ihr Ziel: Sie will die perfekte Schrift erfinden. Neben so einer Mission gerät das restliche Leben schnell ins Hintertreffen, aber wer kann eine verrückte Familie mit drei Geschwistern schon mal eben so verdrängen. Von den Ersatzfamilien in Uni und Arbeitsplatz ganz zu schweigen. Lange ringt Marleen mit den Loslösungsprozessen und den eigenen Erwartungen. Dabei kommt sie ganz unverhofft in der modernen Medienwelt der Globalisierung an. Aber ob sie und ihre Träume darin noch bestehen können …

Entwicklungsgeschichten

In manchen Momenten erinnert der Roman von Ulf Erdmann Ziegler, den es jetzt auch als Taschenbuch gibt, an die klassischen Initiationsgeschichten der Goethezeit: Durch zahlreiche Irrungen und Wirrungen muss Marleen, die Protagonistin, ihren Weg finden. Allerdings lauert ihr die Gefahr nicht wie ehedem durch höllische Versuchungen, sondern – unserer Zeit viel angemessener – mehr die geistlich-religiösen Führer sind es, die sie von dem Weg abbringen wollen, der ganz der ihre ist. Dabei scheint jeder Satz, fast schon jedes Wort, auf mehreren Bedeutungsebenen zu funktionieren. Die Entwicklung der Medienwelt im Spiegel einer persönlichen Entwicklungsgeschichte, durchzogen von philosophischen und ästhetischen Diskursen, zu lesen auf mehreren Ebenen. Dass Erdmann Ziegler das alle in knappe 250 Seiten packt, macht das Ganze noch beeindruckender.

Gisela Stummer (academicworld.net)

Ulf Erdmann Ziegler. Nichts Weißes
9,99 Euro. Suhrkamp
 

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