Selbst-Schuld

Ein Bekannter von mir, ein ehemaliger Vorstand einer großen Technik-Firma, der heute als Coach andere Vorstände berät, bekam neulich ein Kind. Seine Frau lag noch im Krankenhaus, da schrieb er seiner Ex-Freundin eine schmachtende E-Mail über ihre verflossene Liebe, an die er so oft denken müsse.

Von Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

 

 

Katharina Ohana, Psychologische Beraterin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Die Angst vor der neuen Verantwortung, vor dem Stillsand in seinem Liebesleben mit Frau und Kind trieb ihn – vor dem Hintergrund seines schwachen männlichen Selbstwertgefühls – zu dieser Tat.

Eine Bekannte von mir, eine Rechtsanwältin, Mediatorin und ebenfalls Coach, vermietet ihre Sozialwohnung, die sie einst für sich und ihren Sohn als mittellose Studentin vom Staat in bester Wohnlage in München bekommen hatte, für das dreifache Geld und zieht zu ihrem neuen Freund, in dessen schicke Altbauwohnung, obwohl sie darüber hinaus auch gerade noch eine große Summe Geld geerbt hat. Ihr ist das Arbeiten schon immer ein Greul gewesen und jetzt kann sie durch ihr Einkommen aus dem Erbe und durch die Vermietung der Wohnung ein bequemes Leben führen, von dem sie annimmt, es würde ihr zustehen, weil sie – ja warum? – ein so toller Mensch ist?! 

Beide sind Wiederholungstäter, beide haben solche Sachen schon früher gemacht (Frauen betrogen, Geld geliehen und sich versucht vor der Rückzahlung zu drücken). Beide haben damit sehr schlechte Erfahrung damit gemacht – ohne sich je nach ihrer eigenen Schuld daran zu fragen. Weist man sie auf ihr Fehlverhalten hin, reagieren sie wie kleine Kinder, die man beim Schummeln erwischt hat. Sie versuchen ihren Egoismus  anderen in die Schuhe zu schieben, am liebstem dem, der sie erwischt hat.

Es gibt ein neues Buch über Fritz Bauer, der die Nürnberger Prozesse ins Rollen gebracht hat, dem es zu verdanken war, dass vom kleinen Lagerarbeiter bis zum Lager-Chef alle vor Gericht sich ihrer eigenen persönlichen Verantwortung bei der Judenermordung zumindest stellen mussten. Viele sind frei gesprochen worden und Bauer musste einsehen, dass es zu viele Deutsche gab, die sich schuldig gemacht hatten, dass es mit den Egoismen und Schwächen der menschlichen Natur zu tun hat, dass so viele nicht das Leid und Unrecht im Blick hatten, dass sie anderen antaten mit ihrem Verhalten. Am schlimmsten wog für Bauer, dass Menschen andere denunzierten, nicht weil sie glaubten damit dem gelten (mörderischen) Recht oder einer höheren Sache zu entsprechen. Sie denunzierten, weil sie sich einen eigenen Vorteil davon versprachen, auf Hab und Gut der denunzierten spekulierten, auf eigenen Aufstieg und Status – und dann später diese Selbstsucht entschuldigten, indem sie sich auf das damals herrschende Recht beriefen. 

Jemand, der eine Mutter der Misshandlung ihrer Kinder anklagt, ist kein Denunziant, genauso wenig, wie jemand, der einen Diebstahl meldet oder eine Freundin darauf hinweist, dass sie schon die ganze Zeit von ihrem Mann betrogen wird. Sie haben keinen Vorteil davon, sondern meist nur Ärger und es gehört Zivilcourage dazu, nicht weg zu schauen und auf Schuld, Egoismus und psychische Probleme hinzuweisen, die die allgemeine Moral zersetzen oder das Verbrechen alltäglich machen, weil alle weg schauen. Fritz Bauer ist fast darüber verzweifelt, dass gerade die, die vorher zum eigenen Vorteil die größten Verbrechen begangen hatten, sich jetzt als Opfer des neuen Rechts sahen. Und er wurde darüber hinaus sogar noch als Nestbeschmutzer beschimpft, der seine Mitmenschen auf ihre folgenreichen Schwächen, ihre Schande und Schuld aufmerksam gemacht hatte. Diese Kleingeistigkeit (infantile Unreife) der meisten Menschen, ihre eigentliche eigene Schuld nicht zu sehen und um sich zu beißen, wenn sie darauf hingewiesen werden, ist wohl das Grundübel der Menschheit. Denn nicht der Überbringer der Nachricht ist schuld, sondern der, der die Tat begangen hat. Nicht der Richter hat die Straftat verursacht, sondern der Verurteilte: Wegen seiner Tat steht er vor Gericht – auch wenn sich viele Schuldige dann lieber über die Ungerechtigkeit in ihren Schuldsprüchen auslassen, gerade weil sie psychisch nicht fähig sind die Eigenverantwortung für ihre Tat zu übernehmen.

Die egoistischsten und unreifsten Menschen haben die größten Schwierigkeiten damit ihre Schuld einzusehen. Wenn man das Vertrauen von Frau und Kind verrät, wird man schuldig. Wenn man anderen Hilfsbedürftigen eine vom Staat finanzierte Wohnung wegnimmt, um damit Profit zu machen, wird man schuldig – noch dazu wenn man nicht in Not ist, darüber hinaus das Recht nur zu gut kennt und als Coach andere Menschen berät, wie sie ihr Leben besser meistern sollten. Diese Schuld besteht sogar ohne geltendes Recht, denn sie ist unserem allgemeinen Empfinden von Gerechtigkeit geschuldet. Ohne das Gefühl von Gerechtigkeit ist der Mensch nicht fähig in sozialen Gemeinschaften zu leben. Wir sind Gruppenwesen und wir wissen sehr genau, quasi genetisch bedingt, wann jemand schuldig wird an anderen in dieser Gruppe und wir können nicht damit leben, bis ein Ausgleich, eine Strafe diese Schuld tilgt. Es gibt Dinge, die tut man nicht. Betrug, genauso wie Mord ist durch alle Zeiten hindurch in keiner Menschen-Gruppe toleriert worden. Das ist die Letztbegründung unserer Moral.

Doch diese Schuld tut dem Schuldigen, seinem ohnehin angeschlagenen Selbstwertgefühl weh, denn gerade dieses mangelnde, schwache infantile Selbstwertgefühl bringt ja den Egoismus und die Selbstsucht hervor, aus der die schuldhafte Tat entsteht: man will mehr für sich (mehr Geld, mehr Liebe, mehr Bestätigung), damit das eigene Selbstwertgefühl von außen stabilisiert wird. Und diese Schwäche führt gleichzeitig zum völligen Mangel an Selbstkritik, um mal den Blick auf die eigene Tat zu richten. Doch gerade der Schmerz der eigenen Schuld, zeigt wie real sie ist, dass wir sie letztlich nicht verdrängen können. 

Wir machen alle Fehler, sind alle Egoisten. Doch es gibt die Möglichkeit der psychischen Reife, der Erkenntnis und der Veränderung. Aus der eigenen Schuld zu lernen – und nicht zum Wiederholungstäter zu werden – ist die einzig sinnvolle Antwort. Solange wir an die Willensfreiheit des Menschen glauben, verpflichten wir ihn zur Eigenverantwortung, dazu eigene Schuld einzusehen und daraus zu lernen. Allen Schuldigen ist auch deshalb dringend geraten, sich den eigenen Schwächen hinter der Schuld zu stellen, weil sie natürlich ihr schwaches, egoistisches Verhalten in alle ihre Lebensumstände weiter tragen: Jeder, der mit einem schwachen, egoistischen Menschen auf Dauer zu tun hat, jeder Beziehungspartner, Mitarbeiter, Arbeitgeber wird diese Unreife über kurz oder lang erkennen. Wir können unsere Schwäche und Unreife nicht auf Dauer verbergen, bei allen Tricks: Irgendwann fliegt sie auf. Je älter wir dann sind, umso höher wird die Rechnung sein, die wir dann zahlen. Heute können sich Partner trennen, Arbeitgeber leichter Mitarbeiter entlassen, die mit ihrer Unreife die Unternehmen belasten. Schwache Menschen müssen mit Menschen vorlieb nehmen, die auch nur sehr schwache unreife Charaktere haben, ihren eigenen Egoismus, ohne Loyalität und Moral an erste Stelle stellen, die einen verraten, sobald es um ihren Vorteil geht oder die nie wirkliches Interesse für andere haben. Dann natürlich schreien sie nach Gerechtigkeit, die kleinen Geister, die egoistischen Kinder und plötzlich wissen sie dann ganz genau, was das ist.

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