Seelengebrechen für Fortgeschrittene

Öffne deine Seele: Das heißt es in Hamburgs bekanntester Radioshow, wenn Seelenguru Marius mit seinen Hilfe suchenden Anrufern spricht – und diese Sendung wird für die Kommissare Jörg Albrecht und Hanna zum Mittelpunkt der Ermittlungen in einem Mordfall. Doch nicht nur sind die höchsten Kreise Hamburgs in diesen Fall verwickelt, darüber hinaus er führt die Kommissare auch in die Untiefen ihrer eigenen Seelen …

Die laue Sommernacht war nicht so harmlos, wie sie erschien: Mitten im Altonaer Volkspark, in der sommerlichen Cruising-Area, treibt eine Leiche im Wasserbecken. Gefesselt, doch scheinbar ohne vorherige Gegenwehr war der junge Mann dort ertrunken. Zudem nicht irgendjemand, sondern der stadtbekannte Falk Sieverstedt, Sohn einer der reichsten Familien Hamburgs und Mittelpunkt der Regenbogenpresse. Zugleich aber ein sensibler Mensch, der sich mit Fotografie beschäftigte und auf der Suche nach dem perfekten Foto war, so vollkommen, dass es Geheimnisse enthüllen kann – Geheimnisse, in die auch seine scheinbar intakte Familie involviert waren. 

Die Suche nach den Spuren

Als die Kommissare Jörg Albrecht und Hannah Friedrichs ihre Ermittlungen beginnen, stoßen sie bald auf eine ungewöhnliche Spur: Hatte Falk doch erst kurz zuvor mehrfach bei der Sendung „Second Chance“ angerufen und dort von Selbstmord gesprochen. Der Moderator Marius, von vielen Zuschauern und -hörern (die Sendung wird im Radio und im Fernsehen gesendet) wie ein Guru verehrt (und der sich in seiner Selbstgefälligkeit auch gerne so verehren lässt), ist nur wenig hilfreich bei den Untersuchungen. Vielmehr beginnt er die Kommissare herauszufordern und in deren Seelenleben herumzustochern – und leider ist darin tatsächlich nicht alles im Reinen. Schließlich tauchen Hinweise auf, dass andere (scheinbare) Selbstmorde ebenfalls mit diesem Fall verbunden sind. Doch plötzlich verschwindet Friedrichs und alle Beteiligten werden in ein multimediales Spektakel hineingezogen, in dem tatsächlich jeder seine am stärksten verborgenen Geheimnisse entblößen muss …

Die Liebe zum Detail

Dieser Krimi ist sicher nichts für Leser, die eher den schnellen Thrill suchen. Rother geht in seinem Roman in die Tiefe und Breite: Die Dialoge der Protagonisten, deren Charakterisierungen, die Beschreibungen der Tatorte – alles wird minutiös und detailreich beschrieben. Manchmal fast zu ausführlich, denn oft verliert man so das große Ganze aus den Augen, wenn man mit diesen vielen Details fast erschlagen wird. Auch einige Wendungen und weitere Fährten – die aus Spannungsgründen natürlich nicht genannt werden können –, werden zwar groß aufgebaut, aber gehen dann zugunsten des großen Finales etwas unter.

Epos-würdiges Finale

Denn das Finale ist wirklich gewaltig, nicht nur, was die Textmenge ausmacht (es umfasst mehr als ein Drittel des ohnehin über 500 Seiten langen Romans), es arbeitet auch psychologisch scharfsinnig und spannend zugleich, worin es in vielem eher an amerikanische Psycho-Thriller erinnert. Denn hier werden alle Protagonisten gezwungen, ihre Geheimnisse und Lebenslügen im vollen Fokus der medialen Aufmerksamkeit offen zu legen – um eine der Figuren zu beschützen. Das zudem durch eine doppelte Erzählperspektive, die mal aus der Sicht von Albrecht, mal aus der von Hannah Friedrichs berichtet, dann sogar in Ich-Perspektive. Zudem wird der Roman unterbrochen von weiteren erzählerischen Ausflügen wie Protokollen der Sendungen, wodurch das Seelenleben der Protagonisten in allen Facetten reflektiert wird.

Insgesamt ist der komplexe Roman also eher etwas für erfahrenere Krimifans, die sich tiefergehende, clever konstruierte Unterhaltung mit detailreichen Beschreibungen wünschen statt schneller Spannung. Tatsächlich handelt es sich hier um den zweiten Teil einer Serie, der aber durchaus eigenständig zu lesen ist. Wer aber Interesse an dem Roman hat, sollte trotzdem lieber zuerst zum Vorgänger „Ich bin Herr deiner Angst“ greifen – einige Verwicklungen und verratene Geheimnisse erhalten so einfach mehr Tiefe.

Diana Mantel (academicworld.net-userin)

Stephan M. Rother. Öffne deine Seele.
Rowohlt. 9,99 Euro.


Stand Oktober 2013
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