Sechzig Lichter

Jean-Babtiste Sabatier-Blot fotografiert von L.J.M. Daguerre im Jahr 1844

Lucy Strang ist eine der ersten Fotografinnen des 19.Jahrhunderts. Ihr Leben war kurz, aber prall gefüllt mit Licht, Farbe und Abenteuer. Ein grandioses viktorianisches Lebensbild zwischen Sydney, Bombay und London und zugleich eine Archäologie der Fotographie. Ein Roman von flammender Schönheit.

Die Autorin von Sechzig Lichter, Gail Jones, 1955 in Australien geboren, lehrt an der Universität von Perth Englische Literatur und Kulturwissenschaften. In Australien wurden ihre Bücher preisgekrönt, während sie hier meist noch unbekannt ist. Ihr erster Roman, „Black Mirror“, wurde mit dem Nita B. Kibble Award ausgezeichnet.

Die Fremde

Gail Jones taucht den Leser in Ihrem Melodrama in die Zeit des 19. Jahrhunderts und erzählt uns vom Schicksal von Lucy Strange. Der Name „Strange“ ist gut gewählt, fühlt sich Lucy in ihrem Leben doch immerwährend als „Fremde“.

Lucy und ihr Bruder Thomas müssen schon als Kinder ohne ihre Eltern aufwachsen. Ihre Mutter Honoria verstirbt bei der Geburt des dritten Kindes, ihr Vater Arthur erträgt diesen Verlust nicht lange und begeht Selbstmord. Seine Kinder überlässt er der Hebamme Mrs. Minchin, mit der die Kinder jedoch nicht zurechtkommen. Ihr kurioser Onkel Neville holt die verwahrlosten Kinder letztendlich von Australien nach England und sie arrangieren sich in ihrem gemeinsamen oft auch nicht leichten Dasein und wachsen bei ihm auf. Thomas beginnt eine „Lehre“ in der Laterna Magica und Lucy arbeitet in einer Fabrik zur Herstellung von empfindlichem Papier.

Im Alter von 16 Jahren verspricht Neville Lucy dem sehr viel älteren Isaak Newton. Isaak lebt in Indien und Lucy begibt sich auf eine Schiffsreise zu ihrem künftigen Ehemann. Während dieser Reise lernt sie William Crowley kennen. William zieht sie in seinen Bann und sie verliebt sich in ihn. In Indien angekommen, will William jedoch nichts mehr von ihr wissen, da er von seiner Frau und den Kindern erwartet wird.

Ankunft in Indien

Isaak – sehr viel älter und in Lucys Augen sehr andersartig denkend, hat eine ältere Frau erwartet und nicht mit der jungen Lucy gerechnet. Es entwickelt sich jedoch eine platonische Beziehung mit gegenseitiger Selbstachtung und Schätzung und Isaak lässt ihr den Freiraum, sich Indien mit ihren Augen anzusehen und Freundschaften mit den Hausangestellten zu schließen. Nach einiger Zeit entdeckt Lucy, dass sie auf ihrer Reise nach Indien schwanger geworden ist. In Absprache mit Isaak kehrt sie nach ihrer Geburt mit ihrer kleinen Tochter nach England zu ihrer Familie zurück…

Dies ist eine sehr liebevoll erzählte Geschichte über eine fantasievolle junge Frau, welche aufgrund ihrer stetigen Neugier, ihren Durst nach Wissen um Licht und Farbe umzusetzen versucht. Die Fotographie wird durch sie lebendig, die Momentaufnahmen werden mit Lichtspiegelungen und chemischen Zusammensetzungen in Bilder gefasst. Ebenso entwickeln sich parallel in ihrem Leben die bewegten Bilder durch die Laterna Magica, die ihren Bruder Thomas tief faszinieren und schon früh die Anfänge zu unserem heutigen Film bilden.

Die Liebe zur Fotographie jedoch bietet Lucy die Möglichkeit, ihre Erinnerungen dauerhaft festzuhalten. Zudem stehen diese von ihr festgehaltenen Bilder für die einzelnen Lebensstationen und die liebenswerten Menschen, die ihr viel bedeuten. Die interessantesten Entdeckungen verwahrt Lucy in einem Buch mit dem Titel „Besondere Gesehene Dinge“ auf.

Die Farbe während des Lesens entsteht durch die vielen bildreichen Beschreibungen in Lucys „Lebensstationen“, die bunten und fröhlichen Lichtblicke und Menschen in Indien im Gegensatz zum tristen grauen und geschäftigen England.

Sechzig Momente

Der Roman ist – wie schon der Titel verrät – in 60 Abschnitte eingeteilt – “Sechzig Lichter“ aus dem Leben von Lucy Strange, welches schon im jungen Alter von 22 Jahren durch die Schwindsucht beendet wird und die kleine Tochter Ellen in der Obhut der Familie ihres Bruders und ihrem Lebensgefährten zurücklässt. So wie ihre Momentaufnahmen, die sie als Mutter und Schwester lebendig zurücklassen, hätte sie sich selbst ihre Mutter gerne in Erinnerung behalten.

Ein toller Roman über eine innovative, starke Frau und ihre sehr lebendig beschriebenen Leidenschaften, vielseitig und sehr facettenreich ausgeschmückt. Ein Buch mit hohem literarischem Anspruch, poetisch mit vielen sinnlichen kleinen Momentaufnahmen, welche auf sehr kurzen 220 Seiten zusammengetragen werden und mir als Leser einen schönen Einblick in dieses kurze Leben einer faszinierenden Frau eröffnen.

Ich kann dieses Buch allen „Schöngeistern“ nur empfehlen!

Sandra Stockem

Gail Jones
Sechzig Lichter
224 Seiten
8,90 Euro

dtv

Stand Januar 2010
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