„Schweine züchten in Nazareth“

Einfühlsam, schräg, lustig und traurig zugleich ist Amanda Sthers Buch „Schweine züchten in Nazareth“. Eine Familiengeschichte der anderen Art wird da dem schier endlosen Konflikt im so genannten Heiligen Land gegenübergestellt.

In Israel sind Schweine nicht so gern gesehen. aboutpixel.de / Soili : ) © die_original

Kriegsschauplatz Familie
Am Ende ist sie fast zu kurz, diese kleine große Geschichte der Familie Rosenmerck. In wunderbar feinsinniger Art und Weise gelingt es der Autorin Amanda Sthers, den Dauerkriegsschauplatz des Nahen Ostens in dem der Familie zu spiegeln. Die Fronten sind festgefahren, Verhandlungen sind kompliziert und Versöhnung scheint schwer möglich, oder, wie David, der Sohn der Familie es ausdrückt: „Ihr seid meine Gefangenen und ich bin euer. Wir sind eine Familie. Eine Familie, die sich schreibt, die sich nicht berührt, die keine Kochgerüche in der Küche des anderen einatmet, aber dennoch eine Familie.“

In Briefen und E-Mails lernen wir schlaglichtartig die Mitglieder dieser Familie kennen, die sich so viel besser schriftlich als mündlich auszutauschen. In alle Winde hat es sie verschlagen, seit Sohn David – gefeierter Theaterautor – sich zu seiner Homosexualität bekannt hat.

Buchcover zu „Schweine züchten in Nazareth“ © Luchterhand Literaturverlag

Vierfach verloren
Die Mutter Monique lebt nach wie vor in Paris – im leeren Haus, das die entschwundene Familie zurückließ. Tochter Annabelle hat es zum Studium nach Amerika verschlagen, wo sie räumlich wie sozial ein unstetes Leben zubringt. Sohn David wohnt eigentlich zusammen mit seinem Lebensgefährten Laurent, tatsächlich gondelt er durch die ganze Welt. Und Vater Harry? Der ehemalige Kardiologe hat sich – seit er seinen Sohn geflissentlich ignoriert – zu einem wahren Himmelfahrtskommando entschlossen. Er züchtet Schweine in Nazareth … darüber und über die enormen Anfeindungen aller dortigen Glaubensgemeinschaften entsponn sich eine skurrile Freundschaft zu Rabbi Moshe Cattan.

 

Fazit: Herrlich schwarzhumorig, schelmisch und zutiefst ehrlich kommt er daher, dieser „Briefroman“ einer verlorenen Familie, die nicht so recht weiß, wie sie sich wiederfinden soll. Die Personen wachsen einem schnell ans Herz – gewinnt man doch einen guten Einblick in die jeweiligen Persönlichkeiten, allein schon dadurch, wie und was sie den jeweils anderen schreiben. Vermeintlich leicht und locker kommt diese Geschichte daher. Man kann sie in einem Rutsch durchlesen und doch wirkt sie nach. Bietet mehr als einen Anstoß zum Nachdenken. Etwa den wunderbar weißen Satz von Annabelle über Davids neues Stück „Schweine züchten in Nazareth“: „Es ist so ungerecht, selbst in der Kind-Eltern-Beziehung liebt man die, die einem weh tun.“

Gisela Stummer (academicworld.net)

192 Seiten
Luchterhand Literaturverlag (13. Juni 2011)
16, 99 €


Stand: Herbst 2011

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