Schweigende Männer vor herbstlicher Landschaft

Werden, Lieben, Sterben. Und soviel Sehnen dazwischen. Manche Leben bringen, brauchen vielleicht nicht mehr. Das russische Minimal-Drama „Stille Seelen“, ab 15.11. im Kino, stellt sich dem – durch Schweigen.

Aist (Igor Sergeyew) und Miron (Yuriy Tsurilo) sinnieren an Feuer und Fluss

Grau

Bedeckter Himmel über grauem Asphalt, fade Gebäude in farbloser Umgebung, ewiger Herbst zwischen braunen Gräsern: So könnte es aussehen am Ende der Welt. Tatsächlich ist das hier Neja, eine kleine Stadt in der Oblast Kostroma, irgendwo im nordwestlichen Rußland. Ihre Kultur ist finnisch-ugrischen Ursprungs. Doch wen interessiert das heute noch? Traditionen verstummen, Bräuche verschwinden, Rituale werden vergessen.

Nur nicht von Aist (Igor Sergeyew) und Miron (Yuriy Tsurilo), zwei Männer wie das Land: blass, einsam, kahl. Als Mirons Frau Tanja stirbt, will er sie zusammen mit Aist nach einem fast vergessenen, möglicherweise fiktiven Merja-Kult aus dieser Welt entlassen. Hierfür fahren die beiden mit Tanjas Leichnam in deren weit entfernte, einstige Heimat, um sie am Flußufer zu verbrennen. Es bleibt eine Reise ohne Wiederkehr, deren einzige Zeugen zwei Vögelchen werden, die Aist in einem Käfig mitnimmt.

Karg

Kargheit bestimmt das Dasein in jener Region. Sie scheint aus der frugalen Natur in die öden Wohnungen gekrochen zu sein, in Mirons bescheidene Papierfabrik, in die Menschen und sogar in deren Kommunikation. Kein Wort wird zuviel gesagt. Allein Miron erzählt ausführlich während der langen Autofahrt von seiner Beziehung zu Tanja, geizt nicht mit intimen Details und offenbart ein recht eigenartiges Liebesleben. Unterdessen erinnert sich Aist an seine Kindheit. Vergangenheit und Gegenwart fließen ineinander, Bewegung und Stagnation werden eins im Moment meditativer Entrückung.

Passend hierzu setzt die Kamera von Michail Kritschman (Technik-Preis ’Osella’, Filmfestspiele von Venedig 2010) auf ausgedehnte Einstellungen in entsättigten Farben. Wie die Regie von Aleksei Fedorchenko, welche sich jeglicher Dynamik verwehrt, huldigt sie dem dramaturgischen Understatement. Minutenlang geht der Blick vom Rücksitz des Autos nach vorne, optisch einförmig, akustisch nur vom Zwitschern und Herumflattern der Vögel unterbrochen. Die Lautlosigkeit des Todes reist mit, das Unausgesprochene im Dasein.

Jenseits des Popcorn: „Stille Seelen“

Glanzlos

„Stille Seelen“ (u.a. FIPRESCI-Preis, Filmfestspiele von Venedig 2010) zelebriert die Glanzlosigkeit als Kunst. Freilich recht demonstrativ, sodaß die Grenze vom ethnologisch-ambitionierten Arthouse-Kino zum artifiziellen Feelbad-Movie verschwimmt. Was das Abbild ungeschminkter (Traum?-)Wirklichkeit sein soll, entpuppt sich schnell als patriarchaliches Klischee, beispielsweise käuflicher Sex als Trost im Angesicht menschlicher Sterblichkeit oder einsilbige Männer als Sinnbild lakonischer Tiefgründigkeit. Dabei leiden diese maulfaulen Gesellen meist nur unter geistigem Stumpfsinn.

Ebenfalls zeichnet sich die Symbolik durch eine gewisse aufdringliche Einfalt aus. Bezugnehmend auf den Wassermythos des alten Merja-Volkes, für das Flüsse heilig waren, dominiert sowohl im Beerdigungsritual als auch in den Erinnerungen von Aist, der das Geschehen mit schwermütiger Voice-over begleitet, das Wasser. Es steht für den Fluß der Existenz, die nur von der Liebe überdauert werden kann. Die Vögel wiederum sind eingesperrte Seele, nervöser Todesbote und entfesselter Geist. In dieser Reihenfolge.

Trist

Eine poetisch-universale Ballade auf schicksalhaftes Leben und Leiden ist das Roadmovie „Stille Seelen“ nicht geworden, dafür eine Ode an die Tristesse. Vor dem oft menschenleer wirkenden Hintergrund des nördlichen Wolga-Gebietes ergeben sich Ansichten, die den Raum auf beinahe irreale Weise atmen lassen. Eine verwaiste Villa im Nebel, Laternen mit Pfütze vor einem verschlossenen Holzgebäude, Zementplatten an der Strandpromenade, alte Kähne und Boote im Regen – Momente unaufdringlicher Poesie.

Stille und Gleichmut, zwei im gegenwärtigen Kino beinahe verlorene Tugenden, finden ihren Widerhall im Niemandsland der weiten Natur. Das befremdet und befreit zugleich. Wenn alles gesagt ist, bleibt nur noch das Schweigen.

(von Nathalie Mispagel)


Stille Seelen
Regie: Aleksei Fedorchenko 
Darsteller: Yuliya Aug, Igor Sergeyew, Viktor Sukhorukov, Yuriy Tsurilo 
Verleih: filmkinotext

Kinostart: 15. November 2012

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