Schrecken ohne Ende

Paradiesische Strände, tolle Landschaften und eine atemberaubende Artenvielfalt. All das ist Südafrika. Das Land hat aber auch eine andere, düstere Seite. Ethnische Probleme und Gangstreitigkeiten führen zu blutgetränkten Straßen in Teilen des Landes. Die Brutstätte der Gewalt sind dabei die Cape Flats, die riesigen, labyrinthischen Vorstadtslums. Sie dienen als Schauplatz des Romans „Blutiges Erwachen“ von Roger Smith über das Fressen und Gefressen werden in der südafrikanischen Hölle.

Rezension "Blutiges Erwachen"

Roger Smith: Blutiges Erwachen

Jenseits der heilen Welt
Als Roxy Palmer die Möglichkeit bekommt ihren Mann nach einem Überfall loszuwerden, ergreift sie die Chance beim Schopf und verpasst ihm eine Kugel mitten in den Kopf. Doch statt dem erhofften Frieden, findet sie sich plötzlich schutzlos in einer Welt wieder, in der ihr Leben keinen Pfifferling mehr wert ist. Sie wird zum Spielball im Kampf rivalisierender Gangs, die jenseits von Recht und Ordnung zwischen ihresgleichen zusammengepfercht ein Leben führen, das vom täglichen Kampf ums Überleben geprägt ist.

Nur Billy Afrika, ein Söldner, der auf der Gehaltsliste von Roxys Mann Joe stand und dem dieser noch Geld schuldet, scheint ihr helfen zu wollen und bietet sich als ihr persönlicher Leibwächter an. Doch schnell stellt sie fest, dass Billy in erster Linie rein wirtschaftliche Interessen verfolgt. Er sieht seine ausstehenden Lohnzahlungen in Gefahr. Außerdem kämpft Billy in seiner ganz persönlichen Schlacht. Er muss sich den Dämonen seiner eigenen Vergangenheit stellen. Diese führen ihn tief in die Ghettos von Kapstadt. Aus diesen gibt es aber kein Entkommen. Bald geht es für Billy und Roxy nur noch ums nackte Überleben …

Drastische Sprache vor traumhafter Kulisse
Roger Smith ist nach „Kap der Finsternis“ ein weiterer schockierender Thriller gelungen, in dem er den Leser mit seiner harten Ausdrucksweise und seiner kompromisslosen Sprache aufrüttelt. Detailliert beschreibt er unter anderem Vergewaltigungen in südafrikanischen Männergefängnissen und die kaltblütigen Morde der Bestie „Piper“, der sein blutiges Handwerk bevorzugt mit einem Okapi-Messer ausübt.

Kein noch so kleines Detail wird dabei ausgelassen, auch wenn beim Leser gelegentlich der Eindruck entsteht, dass doch das ein oder andere auch ungesagt hätte bleiben können. Allerdings besteht die Intention von Smith sicher gerade darin, dieses Gefühl beim Leser zu erzeugen. Man darf seine Augen nicht vor der Wahrheit verschließen. Tag für Tag werden auf der Welt duzende Menschen regelrecht abgeschlachtet, ohne dass wir groß Notiz davon nehmen. Das muss sich ändern.

Emotionale Reise in die harte Realität Südafrikas
Blutiges Erwachen ist ein Roman, der den Leser emotional mitnimmt und zum Nachdenken anregt. Teilweise traut man sich angesichts der drastischen Schilderungen kaum weiter zu lesen, allerdings kann man dann doch nicht aufhören. Er fesselt von der ersten Seite an. Nur selten wird dem Leser durch die Schilderung der atemberaubenden Schönheit von Südafrika eine Verschnaufpause vergönnt. Als Reiseführer dient dieser Roman allerdings sicherlich nicht. Angesichts der brutalen Gewaltexzesse, erfährt man Südafrika nicht unbedingt als Land, das als Pflichtstation bei der Weltreise unabkömmlich ist.

Fazit: Spannung bis zum Schluss, viele überraschende Wendungen und Figuren mit Charakter und Tiefgang machen diesen Roman zu etwas ganz Besonderem. Thrillerliebhaber, die eine Vorliebe für Südafrika haben, werden dieses Buch lieben. Alle anderen sollten sich von der bildstarken Sprache nicht abschrecken lassen. Zartbesaiteten Gutmenschen ohne das Bedürfnis die harte Realität einmal vor Augen geführt zu bekommen, sollten vielleicht doch lieber zum Rosemunde Pilcher Roman greifen.

Thomas Hepp (Academicworld-User)

Roger Smith. Blutiges Erwachen

8,99 Euro. HEYNE HARDCORE


Stand: Dezember 2011

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