Schön Operiert Teil II

Die Psychologen können genau nachweisen, wie sehr unser Urteilsvermögen von der Schönheit korrumpiert wird – und zwar immer: Wir empfinden schöne Menschen immer auch als bessere Menschen, sofern wir sie nicht aus demselben Grund mit Neid belegen und an ihnen mit schlechtem, vorurteilsbeladenem Verhalten und Vorurteilen schuldig werden. Doch auch Neid und Missgunst sind nur eine Bestätigung für unsere Empfindung für die Schönheit – wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen.

Jeder Mann, jede Frau, der/die je einem schönen Menschen hinterhergeschaute oder sogar von ihm/ihr träumte, jeder der einem besonders schönen Kind je über den Kopf strich, hat eigentlich kein Recht mehr SchönheitsOPs kategorisch zu verteufeln. Talkmaster und Moderatorinnen lassen gerne in ihren Shows steile Thesen gegen die plastische Chirurgie aufeinander krachen, ohne dass sie sich dabei selbst unglaubwürdig fühlen. Dabei wissen doch gerade sie um die Relevanz ihres Äußeren für ihren Beruf. Doch die Medien zeigen gerne Extreme, und beim Thema Schönheitschirurgie haben die gescheiterten Beispiele, missglückte oder übertriebene Eingriffe, vor der Kamera eine starke Wirkung auf die einschaltenden Zuschauer: Der Gruseleffekt weckt Schadenfreude und das Gefühl eigener Überlegenheit. Die gelungenen Gesichter und Körper, die man ja gerade nicht als operierte erkennt, würden wohl eher Bewunderung und die Überlegungen schüren, selbst etwas machen zulassen – und das wären eben politisch völlig unkorrekt. Und so entstehen bigotte Situationen, in denen eine heimlich operierte Feministin den Schönheitswahn anprangert und auf verunstaltete Opfer verweist und der Zuschauer vor der Röhre, die Leserin von Klatsch- und Hochglanzmagazinen schöne Menschen bewundert und sogar lieber in unser Parlament wählt und gleichzeitig böse Bemerkungen macht über einen gealterten Filmstar oder die verschrumpelte Klassenkameradin auf dem dreißigjährigen Abiturtreffen und beim bangen Blick in den Spiegel hofft, dass es sie selbst noch nicht erwischt hat: Das Alter, die Hässlichkeit.

Durch reine Behauptungen und Beschwörungen innerer Werte lässt sich der Schönheitswahn nicht umkehren. In unserer leistungsorientierten, glücksversessenen, nach den Insignien des Erfolges strebenden Kultur ist es eigentlich nur logisch, dass wir auch den Körper zu optimieren versuchen, dass wir Mittel geschaffen haben, um uns drastisch zu verschönern, weil wir uns einen Vorteil davon versprechen. Schon Säuglinge lächeln schöne Gesichter mehr an, als weniger schöne Gesichter, unabhängig davon, ob die Person ihnen bekannt ist oder nicht. Schöne Kinder werden bevorzugt behandelt von Eltern und Lehrern und die Kinder selbst spielen lieber mit schönen anderen Kindern und werden lieber von schönen Erwachsenen mit Aufmerksamkeit bedacht. Es ist durch zahlreiche Studien bewiesen, dass schönen Menschen mehr zugetraut wird und sie mehr verdienen. Doch warum legen wir so ein bigottes Verhalten an den Tag? Woher kommt unser überzogener Anspruch an unsere Wahrnehmung von Schönheit? Warum wird die Schönheitschirurgie immer noch dermaßen gebrandmarkt, verheimlicht und verteufelt, so dass wir uns verschämt und mit Schuldgefühlen in den Wartezimmern entsprechender Ärzte herumdrücken, angebliche Erholungsreisen vortäuschen, selbst den eigenen Ehepartner nicht einweihen oder Personen des öffentlichen Lebens hartnäckig leugnen, was vor dem Chirurgen und sich selbst dann mit abenteuerlichen Erklärungsversuchen gerechtfertigt wird?

Die Schönheit war, bis es die Plastische Chirurgie gab, ein Geschenk des Schicksals, für das niemand etwas konnte, völlig unverdient und ungerecht. Doch wir Menschen haben nun mal einen Gerechtigkeitssinn, er ist eine der Grundlagen unseres sozialen Systems. Wir geben normalerweise anderen nur unsere Anerkennung für deren eigene Leistungen, die mit Anstrengung und Selbstüberwindung verbunden sein sollen.

Anderseits lieben wir nichts mehr, als das vom Himmel gefallene „Genie“ (jedenfalls seit dem Biedermeier): Die gottesgleiche Extraportion Begabung und Schönheit, einfach so. Sie lässt uns das banale Leben vergessen und erhöht allein durch ihre blanke Existenz die ganze Menschheit in Richtung Übermenschlichem. Sie schafft Begehrlichkeiten und Identifikation und somit starke emotionale Motivationen für unser Überleben. Wir identifizieren und beneiden Menschen die vom Schicksal ohne Leistung, rein aus Glück, einen guten Platz in der Wertehierarchie unserer Gruppe zugesprochen bekommen, denn wir wären alle gerne so wie sie: Endlich einmal ohne Leistung geliebt! Die Empfindung für Schönheit ist ein Mittel um zu werten, ein Oben und Unten zu schaffen in einer Gruppe, Hierarchien zu festigen, die dem Überleben in der Gruppe dienen. Das mag unseren Moralvorstellungen und unserem Gerechtigkeitsempfinden nicht passen, stellt aber eine menschliche, biologisch-soziale Grundlage unserer Existenz dar.

Dieses Paradox – Anerkennung nur durch Leistung versus Schönheit als vom Himmel gefallene Auszeichnung – ist die Grundlage unsere bigotte Einstellung zur plastischen Chirurgie: Wir wollen „echte“ Schönheit als etwas bewundern, dass über die Banalität des Menschseins und schnöde OPs hinweg leuchtet, was wir sehnsüchtig in unser Leben wünschen und schwärmerisch bewundern. Und gleichzeitig ist diese leistungslose Bewunderung so was von ungerecht! Dabei ist jeder schönheitschirurgische Eingriff mit hohen Zahlungen, Risiken und Schmerzen verbunden. All das unterliegt eigentlich unserem Leistungsdenken und müsste positiv bewertet werden: Eine erlittene, erkaufte Schönheit, ist doch im Grunde genommen eine viel gerechtere Schönheit, als die angeborene. Doch sie verletzt unsere Sehnsucht nach dem perfekten Leben, ohne Anstrengung.

Darüber hinaus ist in unserer westlichen Kulturgeschichte seit der Antike körperliches Begehren abgewertet worden: Es galt die körperliche Lust in etwas Höheres zu transformieren. Schon die großen Philosophen in den antiken Schulen versuchten die menschliche, körperliche Schönheit mit geistiger Erhebung abzugleichen. Auf keinen Fall sollte ein oberflächliches, selbstgefälliges Interesse mit ihr gestillt werden. Die platonische Liebe ist hierfür sprichwörtlich geworden: Das Interesse des älteren Philosophielehrers an einem schönen Jüngling und Schüler sollte zu dessen Erziehung dienen, eine tiefe Verbundenheit mit der Wahrheit hinter der offensichtlichen Fassade fördern – und nicht profane sexuelle Gelüste befriedigen, indem der schöne Körper Mittel zum Zweck irgendwelcher Egoismen wurde. Für Platon war der Eros, die Liebe zum Schönen, eine kontemplative Erfahrung, die das sexuelle Begehren transformierte. Denn der sexuellen Vereinigung hing das sterbliche Vergängliche und Niedere an, die profane Lüsternheit galt es daher zu bezwingen, etwas Erhabenes daraus zu machen: Eine unsterbliche Schönheit. (Nachweißlich blieb das schon in den antiken Philosophieschulen weitestgehend ein Wunschtraum.)

Die katholische Kirche hat später ihr körperfeindliches Ideal auf diesem platonischen Anspruch begründen. Körperliche Lust, aber auch die Steigerung des eigenen Vorteils durch das Äußere, besonders bei Frauen, wurden zu Todsünden erklärt. Seit dem sitzt der Menschen fest in dieser Zwickmühle zwischen seiner Natur und den Ansprüchen an seine angeblich höher gestellte Seele. Doch ausgerechnet die katholische Kirche hat auch damit begonnen Schönheit zur Vermarktung ihres Produktes zu verwenden, denn sie war lange die einzige Institution, die sich schöne Bilder und Statuen von schönen Heiligen leisten konnte. (Es gibt in der gesamten Institution keinen einzigen hässlichen Jesus und keiner Madonna mangelt es an Lieblichkeit: Selbst im Schmerz sind sie noch überirdisch schön.)

Katharina Ohana

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