Schön operiert. Teil I

„Ich halte es für eine Zumutung, dass Menschen nicht nur alt werden, sondern auch noch sterben müssen“, erklärte die große Feministin und Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich. Trotz dieser Ablehnung des Alterns und ihrer eingestandenen Vorliebe für teure Kosmetika erklärte sie Schönheitsoperationen für neurotisch: „Im Spiegel ein fremdes Gesicht anzuschauen: Das würde mir noch viel mehr Angst machen.“

Schön operiert. Teil I
Psychologin und Autorin Katharina Ohana. © privat

Mit dieser Einstellung hat sie den Feminismus und die offizielle Haltung zur Schönheit (die natürlich zu sein hat) und Schönheitsoperationen (die krankhaft sind) nachhaltig mitgeprägt. Der Feminismus sieht im aktuellen Schönheitswahn eine neue Form der Unterdrückung der Frauen. Doch mittlerweile sind die Hälfte der Patienten der Schönheitschirurgen Männer. Auch sie hoffen durch eine Steigerung ihrer Attraktivität im härter werdenden Kampf um gute Jobs und attraktive Partner ihren Vorteile zu verbessern, indem sie ihr Äußeres verschönern oder verjüngen. 

Sind wir alle Neurotiker?

Bei der ständig wachsenden Klientel der Schönheitschirurgen und anderen Ärzten, die mit modernsten Mitteln Schönheit und Jugend zu steigern suchen, stellt sich die Frage: Sind all diese Menschen neurotisch? Zeugt es wirklich nur von einem kranken Selbstwertgefühl, wenn man sich einen Makel wegoperieren lässt oder ein jugendliches Aussehen erhalten möchte? Denn seltsamer Weise lassen oft auch selbstbewusste Menschen Eingriffe vornehmen und empfinden danach eine große Erleichterung, die nicht automatisch weitere Operationen nach sich zieht: Sie finden sich dann schön oder schön genug und verschwenden nie wieder einen Gedanken an das, was sie vorher dauerhaft störte. Probleme mit schönheitschirurgischen Eingriffen bereiten den Ärzten und sich selbst nur Patienten, die frustriert und unglücklich hoffen mit Schönheit und Jugend ihre eindeutigen psychischen Probleme zu lösen. Genau hier wird die SchönheitsOP vom Segen zum Fluch. Doch leider überschatten diese missglückten Fälle die gesamte Schönheitschirurgie.

„Die Beurteilung der Attraktivität von Menschen ist eine elementare Bewertung. Wir tun dies automatisch, ob wir wollen oder nicht, und es beeinflusst uns.“ (Daniel Kahnemann, Psychologe, Kognitionsforscher, Nobelpreisträger)

Wer würde schon nicht besser aussehen wollen?!

Es gibt wohl keinen einzigen Menschen, der nicht schon mal den Wunsch gehabt hätte besser auszusehen, nicht schon mal vor dem Spiegel gestanden hätte, um zu überlegen, wie er aussehen würde, wenn dieses oder jenes an seinem Körper anders wäre, glatter, kleiner, größer. (Männer holen bei dieser Art der Selbstbetrachtung nachweißlich noch schneller auf, als die Frauen auf der Karriereleiter.)  

Diese Überlegungen sind völlig normal, denn bei gleicher Intelligenz hat der schönere Mensch in den aller meisten Fällen einen Vorteil, und wir Menschen sind durch unseren Überlebenswillen dazu angehalten unsere Vorteile zu vergrößern. Das Aussehen ist hier nur eine, aber in unserer modernen Kultur eine wirksame Möglichkeit. Selbst wenn Äußerlichkeiten nicht der Schwerpunkt in unserem Leben sind: Wir alle haben ein Verhältnis zur Schönheit, eine Meinung, eine Selbstdefinition,  Wünsche. Deshalb hilft es niemandem, weder Frauen noch Männern, die zunehmenden Ansprüche an unser global normiertes Schönheitsempfinden einfach nur zu verdammen. Doch genau das tut die aktuelle öffentliche Meinung unter dem Mantel der politischen Korrektheit. 

Wir sind in unserem Alltag von den Maßstäben perfekter Modelkörper dauerhaft umgeben, wir können uns ihnen gar nicht mehr entziehen, wenn wir in unserer westlich, von Werbung und Starkult bestimmten Kultur weiter leben wollen. Gleichzeitig kann das menschliche Hirn seine Empfindung für Schönheit eben nicht ausschalten: Es ist ein Teil unserer biologischen, menschlichen Weltwahrnehmung, ein evolutionäres Mittel der Motivation für das eigene Leben und der Weitergabe von Leben. Es gibt im Bereich des modernen gesellschaftlichen Schönheitswahns kein richtiges Leben im falschen.

Fortsetzung folgt

Von Katharina Ohana

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