Schnee im April

Aly Cha nimmt den Leser in ihrem Roman „Schnee im April“ mit auf ein poetische Reise nach Japan – über vier Generationen von Frauen hinweg.

Buchcover „Schnee im April“ © Kein & Aber

Flug mit dem Regenschirm
Das kleine Mädchen möchte gerne mit ihrem Regenschirm fliegen lernen. Das hat sie im Fernsehen bei einer Frau gesehen. Doch von ihrer Mutter, Miho, die dem amerikanischen Ruf der Freiheit nicht widerstehen konnte, bei ihrer Großmutter abgeladen versteht das kleine Mädchen noch nicht, dass Fliegen eines jener Dinge ist, welches sie ohne technische Hilfsmittel niemals erlernen kann. Ebenso wenig versteht sie, warum ihre Großmutter Asako manchmal so traurig wird und an ihren konservativen Bräuchen und Lebensweisen festhält. Yuki ist die Urenkelin von Michiko, die ihr eigenes Schicksal zu erzählen hat und Japans Wandel am eigenen Leib erfährt.

Wäre dieser Wandel nur einige Jahre vorher in die Köpfe der Menschen gedrungen, hätte ihr Leben vielleicht schöner verlaufen können, doch so muss sie sich damit abfinden und für ihr Kind Asako so gut sorgen, wie sie kann. Und auch Asako wäre ihrer Tochter Miho gerne eine bessere Mutter gewesen. Von all dem Vergangenen ahnt Yuki nichts. Sie träumt noch immer von ihrem Regenschirm und ist davon überzeugt, irgendwann durch die Luft zu fliegen und vielleicht hat sie zumindest in sofern recht, als dass sie noch die Chance ergreifen kann, ihr Leben eigenmächtiger zu gestalten, als ihre mütterliche Ahnenreihe es konnte.

Auf dem Weg in die Moderne
„Schnee im April“ ist ein Roman, der mich besonders durch seinen etwas anderen Aufbau fesseln konnte. Aly Cha begleitet Japan in einer aufbruchsbereiten Stimmung auf dem Weg in die moderne, westliche Kultur. Die traditionsbewussten Einwohner und Einwohnerinnen leiden zum Teil sehr unter dem rasanten Aufschwung und den Auswirkungen der Industrialisierung. Geschildert wird dies durch die Porträts von vier Frauen. Vier Generationen, viele Jahrzehnte, gewandelte Sitten und riesige Schritte in eine andere, neue Welt, an der einige zerbrachen.

Aly Cha beweist durch ihre Beschreibungen großes erzählerisches Talent und obgleich dies nicht das erste in Japan spielendes Buch war, das ich gelesen habe, verstehe ich die Entwicklungen und Bräuche dieses Landes nun deutlich besser.

Zyklische Geschichte
Doch zurück zum außergewöhnlichen Aufbau. Die Autorin legt ihre Geschichte wie einen Kreis an. Den Anfang macht die jüngste Figur dann geht die Runde weiter mit ihrer Urgroßmutter, ihrer Großmutter und Mutter, um am Schluss wieder am Ausgangspunkt, bei Yuki zu landen. So als ob ein Ereignis vorweg gegriffen wird, welches von hinten aufgerollt wird und erst am Ende Sinn ergibt. So wandelte ich teilweise auf sehr mysteriösen Pfaden und Einiges wirkte auf mich ziemlich zusammenhangslos. Glücklicherweise erschließt sich bei jedem von Aly Chas Rätseln die Bedeutung früher oder später und ich erlag wirklich dem Gefühl, dass sie in ihrer Geschichte keine Eile hatte und all das sagte, was lange schon einmal jemand hätte sagen müssen.

Mit einem speziellen Ereignis konnte ich mich leider so gar nicht anfreunden. Im Gegenteil, ich war dermaßen sauer und frustriert über die Wendungen, dass ich das Buch beinahe schon mit Gewalt zuklappte und einige Zeit nicht mehr anrührte. Zu sehr hatte ich mich gefühlsmäßig an eine Person gekettet, die mir dann plötzlich genommen wurde. Irgendwann siegte aber meine Neugier und ich beendete „Schnee im April“ doch noch.

Empfehlenswert, aber …
Dieses poetische Werk hat mir sehr gut gefallen. Die verschiedenen Perspektiven und Charaktere der einzelnen Frauen werden gut herausgestellt. Der letzte Funke ist bei mir jedoch nie übergesprungen und so viele Weisheiten ich auch für mich mitnahm, ist es keines jener Werke, bei denen mein Herz zu tanzen anfängt, wenn ich es nur ansehe.
Empfehlen kann ich es allemal, besonders für Japan interessierte Menschen oder die, die es werden wollen. Wer den Film „Die Geisha“ geguckt und gemocht hat, wird in „Schnee im April“ einen wahren Freund finden und vielleicht sogar den Wunsch verspüren von all diesen beschriebenen Sehnsüchten selbst einmal zu kosten.

Charlene Sander (academicworld-Userin)

432 Seiten
Kein & Aber; Auflage: 1 (1. Juli 2011)
22,90 €


Stand: Sommer 2011

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