Schicksalsfragen

In einem kleinen afghanischen Dorf wachsen die Geschwister Abdullah und Pari gemeinsam in ärmlichen Verhältnissen auf. Bruder und Schwester werden als Kinder voneinander getrennt, um allen Beteiligten das Leben „erträglicher“ zu machen. Eine Familientragödie der besonderen Art.

Seit die beiden Geschwister voneinander getrennt wurden, fehlt ihnen beiden ein wichtiger Bestandteil ihrer selbst und sie empfinden den Verlust als eine „Leerstelle“ in ihrem Leben. Durch einen im mittlerweile von Krieg zerstörten Kabul lebenden, griechischen Arzt erfährt die erwachsene Pari von ihrer Geschichte und begibt sich auf die Suche nach ihren Wurzeln. Kurzweilig und facettenreich beschreibt Hosseini einen (Familien-)Stammbaum der vom Nahen Osten über Westeuropa bis nach Nordamerika das Schicksal der genannten Geschwister darstellt. Interessant verknüpft er traditionelle Geschlechterrollen mit modernen Elementen und schafft clevere Verbindungen zwischen den einzelnen Geschichten. So fügen zwei Frauen, die den gleichen Namen (Pari) tragen, die Geschichte letztendlich zu einem Ganzen zusammen.

Hosseini beschreibt eine Familientragödie, die exakt zum aktuellen Zeitgeschehen passt und sowohl auf afghanischer, als auch amerikanischer Seite Einblicke in die kulturellen Eigenheiten und Unterschiede gibt.

Das moderne Afghanistan

In Zeiten des (Wieder-) Erstarkens des religiösen Fundamentalismus in einigen arabischen Ländern, zeigt Hosseini anhand seiner Charaktere auf, was die arabische Welt „wirklich“ zu bieten hat: Nämlich jahrhundertealte Traditionen, gespickt mit modernen Ansichten und einem ungetrübten orientalischen Charme.

Dies lässt sich vor allem am Ehepaar Wahdati festmachen: Frau Wahdati, die starke Frau; Nila als die Rebellin, die durch Partys, Alkoholkonsum und sexuell geprägter (eigener!) Lyrik von sich reden macht. Er, der künstlerisch begabte Ehemann, welcher sich lange Zeit im Geheimen, später dann doch „öffentlich“ als homosexueller Mann outet. Dies sind gerade vor dem Hintergrund aktueller politischer Themen (Rückzug der Soldaten aus Afghanistan / Verbot von öffentlich gelebter Homosexualität in Russland) starke, wenn auch versteckte, Statements von Seiten des Autors.

Die Moral von der Geschicht‘

Detailreich und mitreißend geschrieben, sorgt der Autor dafür, dass man die Charaktere, ihre Besonderheiten und ihre Sicht auf die Dinge, als Leser sehr gut nachvollziehen kann. Hosseini bringt Inhalte mit Hilfe von geistreichen Metaphern wie kein anderer auf den Punkt. Ein Konglomerat diverser Redewendungen und Bezeichnungen aus den Sprachen Arabisch, Englisch, Farsi, Französisch und dem Griechischen lassen den Leser in eine für westliche Verhältnisse bisweilen unbekannte Welt eintauchen. Fesselnd geschrieben ist „Traumsammler“ ein Beispiel für „gelebte Menschlichkeit“ und ein Aufruf dazu, Missstände wenn nicht zu beseitigen, dann zumindest nicht lautlos zu ertragen.

Fazit

Für mich persönlich ist „Traumsammler“ der Buchtipp des Jahres!  Eine bunte Mixtur aus Einflüssen der unterschiedlichsten Kulturkreise wird in eine bewegende Familiengeschichte eingefügt, ohne dabei kompliziert zu werden und sorgt letztendlich für Gänsehaut beim Leser.

Marvin Lauser (academicworld.net-user)

Khaled Hosseini. Traumsammler.
Fischer Verlage. 19,99 Euro.

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