Sarahs Schlüssel: Wenn Dich die Geschichte einholt!

Im besetzten Frankreich werden im Juli 1942 mehrere tausend Juden festgenommen, um sie anschließend in die Vernichtungslager der Nazis zu deportieren. Unter den Verhafteten ist auch die Familie Starzynski. Als die Polizei jedoch bei den Starzynskis vor der Tür steht, versteckt die kleine Sarah ihren Bruder im Wandschrank und verspricht, ihn bald wieder zu befreien. Sie ahnt jedoch nicht, dass ihre Reise länger dauern wird. In seinem neuesten Film erzählt Regisseur Gilles Paquet-Brenner („Baise-moi“) die bewegende Geschichte eines traumatischen Ereignisses, das seine Schatten bis in die Gegenwart wirft.

Filmposter zu „Sarah’s Key“ ab 15.12.2011 im Kino ©CAMINO

Sarah spielt mit ihrem Bruder unter der Bettdecke, beide wirken ausgelassen und fröhlich. Dann klopft es an der Tür. Französische Polizisten führen eine Massenrazzia gegen die in Paris lebenden Juden durch und nehmen die Familie Starzynski mit. Um ihren kleinen Bruder zu beschützen, sperrt sie ihn mit ein bisschen Wasser und Brot im Wandschrank ein und verspricht ihm so bald wie möglich wieder zu kommen und ihn zu befreien.

Als erstes wird die Familie in das Vélodrome d’Hiver, eine Radsporthalle, gebracht. Hier herrschen dramatische Zustände, es gibt keine Toiletten, kein Wasser und es herrscht große Hitze. Danach wird die Familie in ein Lager gebracht, wo sie voneinander getrennt werden. Sarah möchte unbedingt zu ihrem Bruder, der noch immer eingesperrt im Wandschrank ist. Mit Hilfe eines Wärters gelingt ihr mit einer Mitstreiterin die Flucht aus dem Lager. Nun ist es bereits August. Als sie nach Paris kommt, die Wohnung ihrer Eltern betritt und den Wandschrank öffnet, ist ihr Bruder nicht mehr am Leben.

Nun verlagert sich das Geschehen in die Gegenwart. Die Journalistin Julia Jarmond (Kristin Scott Thomas) soll für eine Zeitung die Radrennbahnrazzia vom Juli 1942 und ihre schrecklichen Folgen recherchieren. Dabei entdeckt sie, dass die Wohnung ihrer Schwiegereltern, die sie mit ihrem Mann beziehen möchte, die Wohnung mit dem Wandschrank ist. Sie recherchiert weiter und begibt sich auf die Spuren der kleinen Sarah Starzynski.

Auf der Suche nach Sarah: Kristin Scott Thomas ©CAMINO

We are all a product of our history

Durch die Verbindung der beiden Zeitebenen zeigt Regisseur Gilles Paquet-Brenner, dass auch über sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Auswirkungen dieser Katastrophe noch heute spürbar sein können. Zwar scheint es schon ein ziemlich großer Zufall, dass die Journalistin mit Familie in die Wohnung der Starzynskis einzieht, die den Eltern ihres Mannes gehört, aber das tut der Geschichte keinen Abbruch.

Die Schauspieler wirken in ihren Rollen sehr authentisch und vor allem Kristin Scott Thomas (?Der Englische Patient?, ?Der Pferdeflüsterer?) bewältigt die Darstellung der Journalistin Julia, die pendelnd zwischen New York und Paris lebt, glänzend. Auch die Rolle der kleinen Sarah, gespielt von Mélusine Mayance, ist hervorragend besetzt, denn sie verkörpert grandios die Unschuld eines kleinen Mädchens, das auf tragische Weise aus ihrer Kindheit gerissen wird.

Auch die filmische Umsetzung der beiden Zeitebenen ist gut gelungen, denn die eigentlich tragische Vergangenheit wird in satten und hellen Farben dargestellt, wohingegen die Gegenwart etwas bedeckt und unentspannt wirkt. Man könnte sagen, dass sich Bild und Inhalt auf dieser Ebene widersprechen, aber durch dieses Mittel wird das heute vorherrschende Zeitgefühl passend getroffen, denn vergangene Ereignisse scheinen einem anderen Rhythmus zu folgen, als die in unserer hektischen Gegenwart.

Sarah spielt mit ihrem Bruder ©CAMINO

Was ist mit Sarah passiert?

Um diese zentrale Frage dreht sich das Ende des Films. Auf der Suche nach Sarah, findet Julia immer mehr Indizien, dass Sarah aus dem Lager fliehen konnte und bei einer Familie nahe des Lagers ein neues Zuhause gefunden hatte. Daraufhin setzt sie alle Hebel in Bewegung, sie zu finden, muss jedoch erkennen, dass Sarah nicht mehr am Leben ist. Sie sucht nach Bekannten und Verwandten und findet schließlich Sarahs Sohn. Aber hier endet der Film leider nicht, sondern nun werden zwei Jahre übersprungen und ein Ende eingefädelt, das so gezielt auf die Tränendrüse drückt, dass es fast schon etwas unangenehm ist. Zusammenfassend lässt sich aber mit einer gewissen Leichtigkeit sagen: Ein gelungener Film!

(David Santin)


Fakten: Sarahs Schlüssel

Regie: Gilles Paquet-Brenner
Darsteller: Kristin Scott Thomas, Mélusine Mayance, Niels Arestrup, Fréderic Pierrot
Kinostart: 15. November

Im Verleih von Camino Filmverleih


Stand: Herbst 2011

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