Roderers Eröffnung

Zwei hochbegabte junge Menschen treffen sich bei einer Partie Schach, danach driften ihre Lebenswege wieder auseinander.

Rezension zu "Roderers Eröffnung"

Kurz vor dem Eintritt ins Gymnasium treffen sich der namenlos bleibende Ich-Erzähler und Gustavo Roderer im Club Olimpo bei einer Partie Schach. Schnell wird klar, dass hier zwei hochbegabte junge Menschen aufeinander treffen, deren Art des Intellekts aber unterschiedlicher kaum sein könnte. Während der Erzähler sein Talent mühelos zu benutzen weiß und eine wissenschaftliche Karriere einschlägt, zieht sich das grüblerische Genie Roderer in sein Zimmer zurück, um sich bis zur Selbstaufgabe einem Studium nach der unanzweifelbaren Wahrheit zu widmen.

Der Leser bleibt außen vor

Das erste Hindernis, dass den Leser von Guillermo Martínez Roman „Roderers Eröffnung“ erwartet, ist der irreführende, um nicht zu sagen inhaltlich schlicht falsche Klappentext. Wer das Buch auf Grund dieser Angaben gekauft hat, sollte seine Erwartungen zurück stellen und sich neu und unvoreingenommen auf die Geschichte einlassen.

Wenn man diese Verwirrung hinter sich gelassen hat, sieht man sich unverhofft dem nächsten Problem gegenüber. Ein Großteil des Textes ist so geschrieben, dass ein Großteil der Leser keine Ahnung haben wird, worum es eigentlich geht, und vor der Wahl steht, angesichts der eigenen Unzulänglichkeit in tiefe Depressionen zu verfallen, oder die betreffenden Passagen mit einem Schulterzucken hinzunehmen. Ob solche elitären Ausschweifungen tatsächlich nötig sind, um die hochgradige Begabung der Jungen zu beweisen, sei dahin gestellt. Der durchschnittliche Leser wird sich jedenfalls darauf einstellen müssen, über längere Zeitspannen außen vor zu bleiben.

Es hätte auch länger sein dürfen …

Ein dritter Schwachpunkt ist die Kürze des Romans. Martínez schafft es durchaus, klar zu machen, was er der Welt mitteilen möchte und es ist nicht zu verleugnen, dass sein Ansatz ihm überdurchschnittlich gut gelungen ist, allein die Zusammenstauchung auf gerade mal 112 Seiten scheint dem Thema unangemessen und hinterlässt das Gefühl, man hätte nur eine Leseprobe oder Zusammenfassung in die Hände bekommen.

Trotz aller Kritik ist „Roderers Eröffnung“ durchaus ein lesenswertes Buch. Martínez ist ohne Frage ein hervorragender Schriftsteller, der einen, trotz allem, was man bemängeln mag, mit dem kleinen Finger in den Bann seiner Geschichte zieht. Das Büchlein lässt sich problemlos an einem Stück  durchlesen, weil der Stil einfach gut ist, die Stimmung beeindruckend und die Geschichte spannend. Es bleibt der Wunsch, dem Autor nahe zu legen, sich noch einmal mit seinem Manuskript in sein Arbeitszimmer zurück zu ziehen und mit mindestens dem dreifachen Volumen wieder heraus zu kommen.

Fazit: Literarische Schätze sind zu rar gesät, als das man „Roderers Eröffnung“ leichtsinnig übergehen sollte.

118 Seiten

Fischer Taschenbuch (Februar 2011)

8,95 Euro

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