Robie und Romeo

Vor einiger Zeit bat mich eine Freundin, die eine halbwüchsige Tochter hat, dass ich mir doch mal die Twilight Filme anschauen sollte. Sie wollte die Auskunft haben, ob diese Vampirsaga nicht schädlich ist für ein junges Mädchen, das diesem „Schwachsinn“ komplett verfallen war.

Katharina Ohana, Psychologin, Bestsellerautorin und academicworld-Expertin

Was tut man nicht alles für Freunde, dachte ich und war dann selbst völlig fasziniert von dieser abstrusen Teenagerlovestorry: Natürlich nur als Psychologin!

Immer wieder schaffen es Filme oder Schauspieler oder Schauspieler in bestimmten Rollen etwas in uns anzuzapfen, Sehnsüchte und Träume zu verkörpern, wie wir uns das Leben eigentlich vorstellen: Schön und heldenhaft und spannend und das alles überzuckert mit der ganz großen Liebe.

C.G. Jung hat festgestellt, dass es bestimmte Archetypen in der menschlichen Psyche gibt, Bilder und Themen, die sich immer wiederholen, in jeder Zeit, in jeder individuellen Gefühlswelt immer wieder neu aufgelegt werden. Das Romeo und Julia Motiv zum Beispiel: Liebe über alle Grenzen und Widerstände hinweg (insofern konnte ich meine Freundin in Bezug auf ihre Tochter beruhigen, denn auch diese seltsame Vampirlovestorry ist letztlich genau dieses Romeo und Julia Motiv – auch wenn es am Ende gut ausgeht, sofern man gerne als Vampir in ewiger Jugend und Schönheit mit einem siebzehnjährigen Milchbubi zusammen leben will….)

Aber um ehrlich zu sein: Ich fand Robert Pattison wirklich selbst ganz toll – bis ich ihn dann auf der Berlinale in der Pressekonferenz erleben durfte. Er war in Berlin, um seinen neuen Film „Bel Ami“ vorzustellen, in dem er einen jungen Aufsteiger im Paris der Jahrhundertwende spielt, der völlig talentfrei, nur mit seinem hervorragenden Aussehen über die Betten der Ehefrauen der guten Gesellschaft einen rasanten Aufstieg schafft.
Ein Journalist fragte Pattison, ob er in dieser Rolle nicht sich selbst verkörpere (es gab ein ziemlich hinterhältiges Gelächter) und stotternd gab der liebe Robie zu, dass ihm dieser Gedanke auch schon gekommen war beim Dreh.

Da saß er also vor mir, der Teenagerschwarm, der Mädchen und ihre Mütter gleichermaßen in den Wahnsinn treibt und war nichts weiter als ein an unpassenden Stellen lachender, uncharismatischer Rotzlöffel, der offensichtlich keinen Bock auf Pressekonferenzen und doofe Journalisten hatte, aber behauptete er sei ja so „thankfull“ für die Ehre so viele weibliche Fans zu haben: Er hätte dabei auch in der Nase bohren können, es wäre nicht weniger überzeugend rüber gekommen (und mal abgesehen davon stehen ihm die extrem kurzen Haare überhaupt nicht und er wusste nicht mal warum er sie abgeschnitten hat, als er gefragt wurde – typisches Problem von Selbstfindung, ich mach mich hässlich und schau mal, wer mich dann noch mag…). Darüber hinaus hatte er wirklich nicht gut gespielt und ohne seine gelben Kontaktlinsen nimmt man ihm seine zwei verschiedenen Gesichtsausdrücke auch nicht als Rolle ab. Fazit: Robert Pattison funktioniert nur als Vampir für mein Unterbewusstsein.

Entzauberung tut weh. Sie nimmt uns die Motivation dafür, dass ein schönes, bedeutungsvolles, heldenhaftes Leben möglich wäre. Genau dazu hat die Evolution sie wohl erfunden, die starken mythischen Bildern mit ihren dominanten Emotionen: Wir sollen danach streben.
In unserer entzauberten Welt sind wir daher regelrecht süchtig nach Vampirschönlingen oder Zauberlehrlingen, denn wir hätten so gerne, dass es etwas Höheres gäbe, dass wir Erwählte sind und nicht banale Biologie, Leben ohne tieferen Sinn. Dann doch lieber sterben wie Romeo und Julia.

Von Academicworld-Expertin Katharina Ohana

Share.