Roadtrip. Einmal quer durch Deutschland.

Deutschland ist schön zum Angucken. Da ändert auch Grönemeyer im Radio nichts dran

Deutschland ist ein schönes Land zum Durchfahren, selbst mit Herbert im Auto, wir sind genau in der Frühlingswoche gefahren, in der alles grün wird; aber vielleicht bildet man sich das auch immer ein, wenn man wegfährt. Auch ein netter Nebeneffekt ist, dass wir, als wir Richtung Hamburg fahren an einem Kaffee-Werk vorbeikommen und der Geruch verdrängt Müdigkeit, Schweiß und schlechte Laune, und wir freuen uns auf die Stadt. In Hamburg ist es grau und windig, aber es ist toll. Das sagen zwar alle, aber es ist wirklich so! Und die Kneipen und die Clubs! München, schneid dir eine Scheibe ab, in Hamburg darf man (noch) jung sein, darf man noch Student sein, aber wir merken, die Gentrifizierung der Viertel ist auch in Hamburg schon aus den Kinderschuhen raus. Das verdrängen wir allerdings schnell.

Nach einem ereignisreichen Tag, voll St.Pauli, Hafen-City, Elbtunnel, Reeperbahn, Franzbrötchen, wirklich unfassbar vielen nervigen, englischen (?) Junggesellen-Abschieds-Feier-Gruppen und der auf den Tag folgenden, durchtanzten Nacht finden wir uns morgens auf dem Fischmarkt wieder. Mir rutscht raus, dass ich gern die „Makrelensemmel“ hätte. Ich werde freundlich darauf hingewiesen, dass das hier Brötchen heißt, und restalkoholisiert wie ich bin, krieg‘ ich ganz schön Heimweh.

Nach Grantl-Bayern, wo Fremde nicht minder freundlich darauf hingewiesen werden, dass man das hier eben nicht Brötchen nennt („Des hoasst ma fei Semme‘, do herunt“) und dass man, bei weiterer Verwendung norddeutschen Vokabulars auch nicht wieder zu kommen braucht („Ge, schleich di!“).

Aber wie gesagt, der Heim-Fernweh-Moment ist nur ganz kurz, dann pulen wir nämlich in der Morgensonne Garnelen, immer noch gut gelaunt und gut dabei, das ist eine wunderbare Sauerei, und gegen Mittag sind wir im Bett und verschlafen unseren letzten Tag in Hamburg, ein voller Erfolg.

Dresden ist ECHT schön

Im hohen Norden haben wir unsere Gruppe um zwei verdächtige Gestalten erweitert, das war ausgemacht, und gemeinsam besuchen wir eine (auch gemeinsame) Freundin in Dresden im Studentenwohnheim. Dresden ist unsere letzte Stadt. Sie, die Freundin, macht die perfekte Fremdenführerin, das Wetter ist wieder auf unserer Seite, und nach Zwinger, Semperoper und Frauenkirche sind wir uns auch nicht zu blöd, uns in Kleinkinder-Manier und ziemlich penetrant nach diesen ominösen Plattenbauten zu erkundigen, von denen wir schon so viel gehört haben („Wir wolln Plattn sehen!“). 

Schade, hätten gerne die Welpen gesehen

Seltsamerweise endet unsere Dresdner Reise in einer Bar, in der alles in Astra-Farben gehalten ist, samt Hafen-Accessoires, Ankern, und einem dementsprechenden Bier-Angebot. Welche Stadt hier wohl imitiert werden soll, schmunzeln wir, und dabei denke ich mir, hat das Dresden gar nicht nötig. 
Das war für mich echt ne Überraschung; von Dresden hatte ich nur mal gehört, dass es schön wäre, aber so schön! Als Studentenstadt perfekt, bis vielleicht auf den Dialekt, aber an den gewöhnt man sich vermutlich auch. Oder?

Die Rückfahrt verläuft gedrückt, nicht nur, weil wir alle ziemlich geschlaucht sind, sondern, weil der Großteil unserer mittlerweile fünfköpfigen Gruppe ein bisschen größer ist als die veranschlagte Norm-Golf-Beinfreiheit und deswegen unbequem sitzt. Vielleicht ist das auch nur mir so vorgekommen, weil ich in die Mitte musste. Mit dem Muskelkater in den Beinen werden in mir Kindheitserinnerungen an Urlaubsfahrten mit der Familie wieder wach, und ich werde aus Frust über das Ende unserer Reise fast so böse, wie damals nach achtzehn Stunden Italien-Autofahrt.

Deutschland ist irgendwie gleich. Und überall anders

Trotzdem kann ich nicht lange genervt sein, weil die Landschaft durch die wir fahren einfach toll ist und die Städte, in denen wir waren, so schön anders; die Leute überall nett, das Bier überall kalt, die Studenten überall irgendwie gleich: Verbunden durch die Tatsache, dass jetzt Semesterferien sind, einem ganz besonderen Gefühl, dass nur zweimal im Jahr in der (äußerst spärlich gesäten) Zeit von zwei Monaten auftaucht. In denen darf man sich in der Sonne dumm und dämlich entspannen, und schlau ist man dann schon irgendwie wieder, wenn die Uni wieder losgeht.

Das denk ich mir übrigens auch, als wir uns verfahren, weil natürlich ich fahre, aber alle verzeihen mir, denn mein Gehirn agiert auf Sparflamme, und jeder versteht’s.

Die Autorin beim Reflektieren und Höheabschätzen

Wir fahren von der A9 runter, ich werde schwach, als ich den wunderschönen BMW-Turm sehe, der uns von der Autobahn aus begrüßt, und auf einmal freue ich mich wie blöd auf München. Das Gefühl verstärkt sich, als wir an der Isar entlangfahren und die Menschen in der Abendsonne liegen sehen und am Nockherberg der altbekannte Geruch in unsere Nase zieht. Pils ade, ich brauch zwar jetzt vermutlich erst mal zwei Wochen Entgiftung, aber dann unbedingt ein Helles.

Ich fahre, bevor ich in unsere Wohnung komme, noch schnell bei Mama vorbei, da gibt’s was zu essen, („was gscheids“), und wo ich grade dabei bin, lass ich meine Wäsche auch noch da, das mach ich eigentlich (fast) nie, aber nach zehn Tagen geballtem Deutschland darf man ja mal zu müde zum Waschen sein. Dann mit dem Fahrrad Richtung WG an der Isar entlang, das ist mir auch schon wieder abgegangen, obwohl es nur zwei Wochen waren. Es sprechen so viele Gründe für so viele deutsche Städte, und ich gehe alle Studentenstädte durch, die wir aus Zeitgründen ausgelassen haben: Freiburg, Stuttgart, Berlin, Leipzig und so weiter, und ich will das irgendwann mal noch fortführen, die Tour. Aber vielleicht im Sommer erstmal noch ein ausgeflippteres Ziel, arbeiten und dann ab nach Marokko, Thailand, Indien. 

Am Haus der Kunst überhole ich eine extrem langsame Radl-Oma. Anscheinend klingle ich ihr zu spät, weil als ich an ihr vorbeifahre sehe ich, wie ihr erschrockenes Gesicht blitzschnell einem faltigen, grimmigen Ausdruck Platz macht und sie plärrt mir irgendwas hinterher wie „nedaufbassn“. Ich muss grinsen und halte an einer roten Ampel, die ich wahrscheinlich in jeder anderen deutschen Stadt ignoriert hätte. Hach. Endlich daheim.

Von Theresa H. aus München

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