Rezension zu Rula Jebreal: Miral

Rula Jebreal, Miral (btb Verlag) - Rezension

Rula Jebreal, Miral (btb Verlag)

In Rula Jebreals Roman „Miral“ begegnet der Leser mehreren Frauen, die alle in irgendeiner Form mit dem Waisenhaus Dar Al Tifel in Zusammenhang stehen. Die selbstlose Hind ist diejenige, die das Haus 1948 gegründet hat, nachdem sie 55 junge Waisenkinder aufgelesen hatte, denen sie ein Zuhause geben wollte. Dar Al Tifel und seine jungen Mädchen und Frauen werden von da an zu ihrem Lebensinhalt.

Außerdem sind da noch Fatima, die wegen eines geplanten Terroranschlags eine Haftstrafe absitzt und Nadia, die sie im Gefängnis trifft und die – meist vergebens – nach Glück und Zufriedenheit in ihrem Leben sucht. Ihre Tochter Miral wird in Hinds Schule gehen, sich politischen Aktivisten anschließen und an Demonstrationen für ein freies Palästina teilnehmen. Sie begibt sich damit in große Gefahr. Hind will sie zurückzuhalten, bevor es zu spät ist.

Der Nahost-Konflikt aus verschiedenen Sichten

Rula Jebreal versucht in ihrem Roman, den Nahost-Konflikt aus der Sicht einiger direkt Betroffener darzustellen und ihre Ängste, Wünsche und Beweggründe für ihr Verhalten auf zu zeigen.

Leider gelingt ihr das allerdings nicht immer, denn es scheint, als wolle Jebreal zu viel in ihrem Roman erzählen. Es kommen zu viele Protagonistinnen vor und es handelt sich um zu viel erzählte Zeit, die sie auf 350 Seiten unterzubringen versucht. So passiert es immer wieder, dass ein Handlungsstrang plötzlich fallengelassen oder eine Begebenheit in wenigen Zeilen abgehandelt wird, was den Leser irritiert. Oft läge gerade an diesen Stellen großes Potential für interessante Geschichten. Daher wirkt der Roman manchmal eher wie eine Aneinanderreihung von Episoden, die nur vage miteinander in Verbindung stehen. Es gibt keine Linie, keinen erzählerischen Bogen, der die Geschichte Mirals und der anderen Frauen zusammenhält.

Wenig psychologische Tiefe

Auch bei anderen Punkten ist der Roman nicht immer gut gelungen. Der Stil ist einfach, manchmal sogar plump. Plötzlich eingebrachte Lebensweisheiten der Figuren verwirren den Leser, der mit diesen Ausbrüchen und Stilwidrigkeiten nicht rechnet. Vor allem nimmt sich die Autorin keine Zeit, ihre Figuren glaubwürdig zu zeichnen und ihnen psychologische Tiefe zu geben. Sie bleiben oberflächlich und austauschbar und werden nur an einigen Stellen aus einer scheinbar plötzlichen und unerwarteten Motivation heraus überraschend charakterisiert. Charakterzüge werden dann auch meist eher beschrieben als erzählerisch vermittelt. Daher fällt dem Leser natürlich auch eine Identifikation mit den Figuren schwer, die ihm fremd bleiben.

Trotzdem ist es durchaus interessant zu lesen, was in Miral vorgeht, wenn sie sich dafür entscheidet, an Demonstrationen teilzunehmen, Flugblätter verteilt, sich in Gefahr begibt oder wenn im Roman über die Frage diskutiert wird, ob der Weg zu einer Zwei-Staaten-Lösung ein gewalttätiger oder friedlicher sein soll. Freilich lesen wir über den Konflikt im Nahen Osten überwiegend aus palästinensischer Sicht, ausgewogene Argumentationen von beiden Seiten sind daher nur am Rande zu erwarten.

Fazit

„Miral“ ist ein Roman, der sich gut lesen lässt und der durchaus interessante Einblicke in das Leben der Palästinenser und Israelis gibt. Konflikte werden auch im Kleinen aufgezeigt und anrührende Einzelschicksale erzählt. Wer über literarische Mängel hinwegsehen kann, der wird „Miral“ gerne lesen. Wer psychologische Tiefe und eine ausgewogene Geschichte sucht, der wird von dem Roman allerdings eher enttäuscht sein.

352 Seiten
btb Verlag (November 2010)
9,99 Euro


Stand Februar 2011
Share.